Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 17 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Die Wahrheit. Seite 5. beschämendsten Dingen und ist geradezu ein Schandfleck für die Menschheit. Wenn Ihnen, sehr geehrter Herr, in diesem „Culturkampf" im besten und edelsten Sinne des Wortes, bei welchem Sie der Sympathien aller wahrhaft Gebildeten sicher sein dürfen, Erfolge beschieden sein sollten, so würde dies von ganzem Herzen freuen den hochachtungsvoll Unterzeichneten Cornill.'* Ar. K. Kurrer, Professor der allgemeinen Religionsgeschichte an der Hochschule Zürich. Zürich, den 19. April 1901. Hochverehrter Herr! Es muss jeden Menschenfreund schmerzlich berühren, dass eine so arge Verleumdung wie die, dass die Inden für rituelle Zwecke Christenblut verwenden, immer noch geglaubt wird, obgleich doch längst auf das genaueste nachgewiesen worden ist, dass eni solcher Ritus nicht nur in den heiligen Schriften des Volkes Israel, sondern auch in seinem Naturgesühl nicht den mindesten Anhalt hat. Eine andere Frage aber ist die: Wie ist es überhaupt möglich, dass eine solche Verleumdung auftauchen und Glauben finden konnte? Es 'iegt im Interesse der Humanität, dieser Frage nachzugehen. Sie ruft nach der andern Frage: Hat geschichtlich nachweisbar Menschmblut irgendwo einmal rituelle Verwendung gefunden: Diese Frage müssen wir mit Ja beantworj-n. Noch bis ins fünfte Jahrhundert nach Christus haben die den Israeliten stammverwandten ^.razenen im geträischen Arabien am ersten Morgen eines neuen Monats einen Jüngling der Himmelskönigin geopfert. Der Gedanke liegt nahe, dass Bosheit die grausame S te der heidnischen Nachbarn den Juden zugeschrieben habe. Ob man aber von den obscuren Beduinen der Sinaihalbii sel, wie sie uns Nolus im Jahre 400 nach Christus schildert, im Abendlande irgend je etwas gehört hat? Es empfiehl sich besser, daran zu erinnern, dass Menschenopfer bci Galliern und Germanen sehr lange in Uebung waren. Von dem golhischen König R a d a g a i s u s wird berichtet, als er in Italien einbrach, habe er g-lobt, das Blut de'- Christen seinen Göttern zu opfern, wenn er siege. Ja, P r o s o g i n s schreibt, dass die Franken, obgleich sie scyou Christen geworden, gleichwohl noch Frauen und Kinder der Gothen geopfert haben. Deutsche Volkssagen erzählerr von Opferung von Kindern zur Heilung des Anssatzes. Da alter heidnischer Glaube in Form von Aberglauben ein sehr zähes Leben besitzt, so ist sehr wohl denkbar, dass abergläubige Germanen oaer Gallier für Zauberwecke Kinder gemordet haben; man weiß ja, wie entsetzlich grausam der Aberglaube die Menschen macht. Auf solch grausamen Zanberbrauch mag sich der nationale Hass gestützt haben, um UTE Juden zu verleumden und die ganze Wuth der Menge gegen sie zu entfesseln. Wohl möglich, dass etwa gerade d i e Menschen, die aus Aberglaube» einen Knaben getödtet hatten, den Verdacht von sich abzuwälzen suchten, indem sie die Juden als verbrecherische Abergläubige hinstellten. Möge es endlich der vereinten Anstrengung aller wohlgesinnten und erleuchteten Menschen gelingen, der schrecklichen Verleumdung Meister zu werden. Hochachtungsvoll grüßt Sie Dr. K. F u r r e r, Professor der allgemeinen Religionsgeschichte an der Hochschule Zürich. Pr. Kaspar Uerrv Hregory- Professor an der theologischen Facultät der Universität Leipzig. „Leipzig, 10. April 1901. Ich glaube gar nicht, dass es Juden gibt, die bereit wären, Christenblut zu rituellen, religiösen Zwecken zu benützen, geschweige einen Ritualmord zu begehen. Ich habe nie einen glaubwürdigen Grund gesehen, an etwas Derartiges zu denken. Der Ursprung der Beschuldigung liegt in dem Hass, gepaart mit Neid, und in den Aberglauben, der, selbst an Blut als Zaubermittel denkend, die jüdischen Ritualvorschriften auf Aehnliches hingedeutet hat. Das alltägliche Verschwinden eines Kindes ist dann leicht in Verbindung damit gebracht worden, gerade wie die nächste beste missliebige Nachbarin des Bauem Kuh verhext haben soll. Die geeignetsten Mittel zu ihrer Bekämpfung sind gewiss Bildung und wahre Religion. Es freut mich, dass Sie gegen diese Mär arbeiten. C. R. Gregory. Pr. IernHarb Pnhm, Professor an der theologischen Facultät der Universität Basel „Base l. den 20. «pril 1901. Hochgeehrter Herr! Ich halte es nicht für möglich, den sogenannten Ritualmord aus der jüdischen Religion abzuleiten oder auch nur eine Bedingung nachzuweifen, unter der diese Religion den Ritualmord toleriren, geschweige denn suggeriren könnte. Würde also durch gerichtliches Verfahren nachgewiesen, dass Juden Menschen getödtet hätten, um deren Blut zu irgend einem Zwecke zu benützen, so könnte eine solche Handlung nur aus einem Aberglauben hervorgegangen sein, der mit der jüdischen Religion an sich ebensowenig schaffen hätte, wie dieselbe Handlung eines Christen mit der christlichen Religion. Hochachtungsvoll B. D u h m. Heheimer Wedicinalrattj Pr. Ernst Schrveninger, Professor an der medicinischen Facultät der Universität Berlin. „G r o ß - L i ch t e r f e l d e, 11. April 1901. Sehr geehrter Herr! Ich habe mich mit der Frage des Ritualmordes nur oberflächlich beschäftigt und maße mir kein Urtheil, am wenigsten ein entscheidendes an. Die Höflichkeit gebietet mir aber, Ihnen die Antwort auf das gefällige Schreiben nicht schuldig zu bleiben, und so sei Ihnen meine ganz bescheidene private und unmaßgebliche Meinung über die Frage kur; mitgetheilt. Ich halte die Annahme eines Ritualmordes seitens der Juden für einen Unsinn, der nur in dummen und gemeinen Gehirnen ausgeheckt, weiter gepflegt und zu bestimmten Zwecken ausgebeutet wird. Schwer ist das ja nicht, da ja die Dummen immer noch die Mehreren sind. Warum sollten die Jud'ln, die doch früher als die Christen waren, nun auf Einmal mit dem Erscheinen der Letzteren Christenblut zu rituellen Zwecken nehmen und bedürfen, das sie früher doch nicht brauchten un'> auch nicht haben konnten? Es war doch früher auch gar keine Rede davon und am wenigsten von Morden an unschuldigen Kindern für rituelle Judenzwecke. Etwas Widersinnigeres kann es nicht geben, aber der Unsinn wiederholt sich immer wieder. Kommt der Mord von Christen seitens Juden vor, was für mich auch nicht anders als andere Morde anzunehmen ist, so würde ich ihn nicht auf rituelle Gepflogenheiten beziehen, sondern ähnlich deuten wie die Urchristenmorde von Seile der Römer oder die Morde an^christlichen Missionären seitens der Chinesen rc. ^>ndem ich es also* absolut in Abrede stelle, dass Juden zu rituellen Zwecken je Christenblut brauchen und verwenden und deshalb den Ritualmord begehen, habe ich das letztere ebenso wenig zu begründen, wie etwa die Lehre von Lebeudigbegrabenwerden. Ich kann mir für die Erklärung der Entstehung der Idee vom Ritualmord, da ich nicht Positives anzuführen weiß, nur den Racenhass vorstellen, und als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung der durch nichts als durch wild gemachte Phantasie erklärlichen Fabel vom Ritualmorde gilt mir nehen Aufklärung und Bekämpfung des unwürdigen Antisemitismus vor Allem die Forderung der allgemein menschlichen, nicht blos christlichen Toleranz. Hochachtungsvoll ergebenst Professor Dr. Schweninger." Pr. Kyrist, Professor an der theologischen Facultät der Universität Zürich. Zürich, 7. April. Hochgeehrter Herr! Der fraglichen Erscheinung stehen wir hier zu fern, um uns über ihre Entstehungsweise ein sicheres Urtheil bilden zu können. Mir persönlich scheint die Beschuldigung theils die Frucht crasfen Aberglaubens, theils fanatischen