Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 17 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 17. Wissens, in Philosophie und Naturwissenschaften, in Nationalökonomie und Völkerrecht, Astronomie, Geologie und Mathemgtik re., einige Kenntnisse mitbringen, wofür sich chinesische Schüler und Beamte mit großer Vorliebe interessieren würden. Wenn die christlichen Missionäre in China größeren Werth legen wollten auf wissenschaftliche Ausbildung, wenn sie weniger religiösen Bekehrungseifer bezeigen, wenn sie ferner die Gesellschaft respektabler Personen aufsuchen und den Umgang mit dem niedrigen und gemeinen Volke meiden wollten, dann würde, ohne allen Zweifel, sehr bald ein erfreulicher Umschwung stattfinden. Die Missionäre sowohl, wie die zum Christenthume bekehrten Chinesen würden in Frieden leben und die Früchte ihrer Arbeit genießen können und würden in dem Ansehen bei ihren Mitmenschen nicht mehr so tief stehen, wie dies bis jetzt noch der Fall ist. Wer in ein fremdes Land geht, um andere zu belehren, der betrachtet — diesen anderen gegenüber — sich selbst offenbar als ein höherstehendes Wesen. Wer als moralischer Propagandist auftritt, der kann dem Verdachte nicht entgehen, dass <r das fremde Volk für unmoralisch hält und es bessern will — Confucius sagt: „Was du nicht willst, dass andere Dir thun, das thue Du anderen auch nicht" und verwirft hiermit alle Proselyten-Macherei. Dagegen sind die Chinesen für jede Belehrung dankbar und empfänglich; es ist sogar ihre Pflicht, alles Gute, wovon sie Kenntnis erlangen, sich gegenseitig mitzutheilen." Am Schluffe des Buches spricht der Verfasser selbst seine eigenen Anschauungen aus über Religion, Glaube, Offenbarung, Wunderglaube u. s. w. Wohl wird man nicht mit allen seinen Anschauungen übereinstimmen; auch sehlt dem Verfasser die gründliche Kenntnis der Bibel, daher manch' verfehltes Urtheil, besonders über die jüdische Religion, gleichwohl aber enthält das Buch eine Fülle iutereffanten Materiales und wird jeden denkenden Leser mit Befriedigung erfüllen. Hervorragende christliche Gelehrte über den Üitualmord. Mit Rücksicht darauf, dass seit einiger Zeit fast kein Jahr vergeht, in dem nicht bald hier, bald dort die ungeheuerliche Beschuldigung gegen die Juden auftauchen würde, dass sie zu rituellen, religiösen Zwecken Christenblut verwenden und darum den Ritualmord begehen, sah sich der Herausgeber der Wiener Zeitungs-Correspondenz „Der Interviewer", Herr Wilhelm Eckfeld, veranlasst, an die hervorragendsten Gelehrten Europas folgende Rundfrage zu richten: I. a) Gibt es nach Ihrer Ansicht Juden, die zu rituellen, religiösen Zwecken Christenblut verwenden und darum den Ritualmord begehen? — b) Und womit begründen Sie Ihre Ansicht? II. Wenn Sie von der Grundlosigkeit dieser Beschuldigung überzeugt sind — a) wodurch erklären Sie deren Entstehnng? — b) und was halten Sie für das geeignetste Mittel zu ihrer Bekämpfung? Die Antworten gedenkt Herr Eckfeld gesammelt in einem Buche herauszugeben, das den Titel tragen wird: „Der Ritualmord vor dem Forum des geistigen Europa." Von den bereits eingelaufenen Antworten wurden von der „Neue Freie Presse" die folgenden, sowohl mit Rücksicht auf die Personen als auf den Inhalt interessanten Briefe veröffentlicht : Professor Weodor Wommsen, Berlin. Charlottenburg, 12. April 1901. Wozu die Mohrenwäsche? Die Volksbetrüger werden nicht alle und die Betrogenen auch nicht. Mommsen." Pt. ßormll,— Professor an der theologischen Facultät des Universität BreSlau. Breslau, 21. April 1901. Sehr geehrter Herr! Wenn ich Ihr, Gott sei's geklagt, so „aktuelles" Schreiben vom 12. erst heute beantworte, so bitte ich dies mit dringenden Arbeiten zu entschuldigen, welche sich gerade in den letzten Tagen für mich häufien. Ihre erste Frage glaube ich getrost mit einem runden, uneingeschränkten „Nein" beantworten zu dürfen. Denn — wenn Sie mir der Kürze halber die Ausdrücke „bibliches Judeuthum" und „Talmud-Judenthum" gestatten wollen — für das biblische Judenthum ist die Scheu, und gerade die religiöse Scheu vor allem Blut, Thierblut wie Menschenblut, so charakteristisch und so offenkundig, dass sie keiues Beweises bedarf, und mag man das Talmud-Judenthum auch noch so niedrig werthen, mag man in ihm noch so sehr eine Entstellung und Verzerrung des biblischen Judenthums sehen — dass es sich in einem so fundamentalen Punkt von dem biblischen Judenthum losgesagt und dasselbe fresch verleugnet haben sollte, ist einfach undenkbar, und deshalb kann es nach meiner Ansicht keine Juden geben, welche zu rituellen Zwecken Menschenblut verwenden. Sie fragen weiter, wie ich mir denn die Entstehung dieser wahnsinnigen Beschuldigung erkläre. Ich habe über diesen Punkt auch viel nachgedacht und bin dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: So viel ich weiß, heftet sich die Blutlüge ausschließlich an das jüdische Ostern; speciell zum Pessach sollen die Juden Christenblut brauchen und verwenden. Ob das nicht mit dem Charakter des Pessach irgendwie zusammenhängt? Pessach ist das Fest der Erinnerung an die Tödtung der Erstgeburt der Feinde und Bedrücker Israels, und im Exodus, Capitel 12, Vers 7. wird gerade für dieses Fest ein eigenthümlicher „Blutritus" vorgeschrieben. Wenn wir dann noch bedenken, dass auf Pessach auch die Hinrichtung Jesu durch die Juden fällt, so möchte hier wohl die Entstehung der Blutbeschuldigung oder doch der Anknüpfungspunkt für dieselbe zu suchen sein.'Ich wenigstens vermöchte mir sonst absolut nicht zu erklären, wie sie überhaupt entstehen konnte und wie sie gerade mit solcher Bestimmtheit und Ausschließlichkeit auf das jüdische Pessach localisirt wurde. Dass die in den ersten Zeiten des Christenthums von heidnischer Seite gegen die Nazarener erhobene Blutbeschuldigung ihren Ausgangspunkt von der christlichen Abendmalfeier genommen hat, ist ganz evident. Sie fragen endlich, was ich für das geeignetste Mittel zur Bekämpfung der Blutbeschuldigung halte. Es wäre auf jeden Fall schon viel gewonnen und ein erfreulicher Fortschritt, wenn der Staat jede Aeußerung dieser Beschuldigung, ganz einerlei, wie und von wem sie gethan worden ist, unnachsichtlich. als Beschimpfung einer staatlich anerkannten Religion verfolgte und bestrafte. Und das ist auch nach meiner festen Ueberzeugung seine heilige Pflicht, der er sich nicht entziehen kann und darf. Aber mit Polizeimitteln allein rottet man ein so festgewurzeltes Uebel nicht aus, hier kann auf die Dauer nur Aufklärung und Belehrung helfen. Leider dürfen wir jedoch über die Wirksamkeit dieses Mittels nicht zu optimistisch denken, denn es gibt Mächte, gegen welche bekanntlich selbst die Götter vergebens kämpfen. So müffen wir denn immer darauf ^gefasst sein, auch wenn die Ungeheuerlichkeit, ja Unmöglichkeit der Sache noch so sonnenklar bewiesen wird, die Antwort zu bekommen: Es muss doch etwas daran sein, denn sonst hätte diese Beschuldigung überhaupt nicht aufkommen und nicht auch bei „Gebildeten" so feste Wurzeln fassen können. Und das ist eben das Dämonische, dass man es hier nicht blos mit einem „Pöbelwahn" zu thun hat, sondern dass er auch in weiten Kreisen der „Gebildeten" verbreitet ist und vyu solchen noch geflissentlich verbreitet wird. Doch brauchen wir nicht völlig zu verzweifeln.^ Es sind noch keine dritthalb Jahrhunderte verflossen, seit die Menschheit, und auch hier die „Gebildeten", Theologen und Juristen an der Spitze, in den Banden des Hexenwahnes lag, und doch ist er überwunden worden. Wird auch die Stunde kommen, wo der von Thorheit und Entsetzlichkeit mit ihm wetteifernde jüdische Blutwahn zu den überwundenen Dingen gehört? Gott gebe es! Auf jeden Fall kämpft, wer gegen diesen Wahn zu Felde zieht, für die heiligsten Güter der Menschheit, denn sein Bestehen gehört zu den traurigsten und