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Die Wahrheit · 1901-04-19 · Heft 15 (19.4.1901) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 15 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seile 9. „Kol dichfin jesse wejechaul“ — „Wer da Noch und Hunger hat, der komme, esse und labe sich", zu hohen Ehren und vollen Geltung bringen wollten, schaaren sich allsabbathlich nach dem Gottesdienste in den Synagogen zahlreiche zugereiste Fremde um die daselbst anwesenden Vorstandsmitgliedern, um die üblichen Speisemarken ausgefolgt zu erhalten, jenes Freibillet, das ihnen auf ihrer beschwerdevollen Nomadenwanderung, ja nicht selten, nach Tagen und Wochen voll Kümmernis und Entbehrungen, des Hungerns und Darbens wieder einmal einen ordentlichen Bissen, ein menschenwürdiges Mahl, eine erquickende und stärkende Labung an gastlicher Stätte sichert. So war es auch am verflossenen Pessachseste und besonders an den beiden Sederabenden herzergreifend und erbauend anzusehen, wie die mit Freitisch Bedachten, unter denen sich diesmal eine stattliche Zahl Auswanderersamilien aus Rumänien befanden, ernst und andächtig an der eigens für sie im Restaurationslocale improvisirten Sederceremonie theilnahmen, wie wohlthuend und erhebend dieser Act der Gastfreundschaft auf ihr schwer bedrücktes Gemüth einwirkte, und wie dankerfüllten Herzens sie das ihnen von mitfühlenden und mitleidigen Stammesgenossen in so humaner Weise Dargebotene entgegennahmen. Die Zahl der Verköstigten betrug 492. Da der Verein, wie erwähnt, nunmehr auch der heimischen Armuth und Dürftigkeit sein Augenmerk zuwendet und derselben überall, wo sich die Nothwendigkeit und Würdigkeit herausstellt, nach Thun« lichkeit unter die Arme greift, und da die Leitung des Vereines, un deren Spitze, seit dem in Folge hohen Alters erfolgten Rücktritte des langjährigen Obmannes Professor Hoffmann, der unermüdlich wirkende Obercantor S ch o r r steht, nach wie vor nur zielbewusste, selbstlose Männer zu seinen Mitgliedern zählt, so darf wohl angenommen werden, dass sich das schon so oft bewährte Wahrwort des Profeten: „Ki lau almon Jisroel“ auch in diesem Falle bewähren wird, dass sich sowohl hier als auswärts hochherzige Wohlthäter und Menschenfreunde finden werden, die dieses hilfreiche, segenbringende Institut der Nächstenliebe durch regen Beitritt und Spendezuschuss kräftigst fördern und unterstützen und ihm zur gedeihlichen Weiterentwicklung verhelfen. D. Skutezky. Heimweh. Erzählung von Eduard Kutte. (45. Fortsetzung und Schluss.) Man hob die „Sederschüssel" in die Höhe und sprach die schönen einladenden Worte. Wer hungrig ist, der speise mit uns, rver bedürftig ist, der trete ein und feiere mit uns das Ueberschreitungsfest! — und in diesem Augenblicke war es Josef, der dem Fenster gegenüber saß, als hätte er an dem Fenster ein Gesicht gesehen, das mit unheimlicher Miene hereingrinste. Er fasste sich, warf noch einen Blick nach dem Fenster, ober die unheimliche Gestalt war verschwunden; es war ein Traumbild, eine Phantasie, die plötzlich, wie sie aufgestiegen, wieder in ihr Nichts zerronnen war. Nun wurde der ganze Hergang von dem Auszuge der Israeliten aus Egypten nach Brauch und Vorschrift erzählt. Wie unsere Vorväter anfangs Götzendiener gewesen, wie Abraham den einen einzigen Gott erkennen konnte, wie seine Nachkommen die Söhne Jakobs nach Mizraim gezogen, und wie sie dort geknechtet wurden unter Pharao und aufschrien zum Himmel, dass Gott ihre Stimme gehört. Wie der Ewige über Mizraim die zehn großen Plagen gebracht und herausgeführt aus dem Land der Knechtschaft. Hieran reihten sich die Lob- und Jubellieder, die Psalmen und Dankgebete an den, der Israel erlöset hat. Und nun folgte die fröhliche Mahlzeit. Während des Essens würzten heitere Gespräche das Mahl und Nannerls wiederholte Frage, ob denn der Prophet Eliah bald kommen werde, und warum er denn noch immer nicht komme, war bald scherzweise bald ernsthaft von einem oder anderen der Anwesenden beantwortet worden. Die Zeit rückte vor; die Mahlzeit war vorüber, man sprach das Tischgebet und schickte sich an, die zweite Hälfte des Sederfestes mit Lob- und Dankliedern zu begehen. »Jetzt" — sagte Josef zu dem Kinde — „jetzt Nannerl geh hin und mach die Thür auf, dass der Prophet Eliah hereinkommen kann!" „Ich fürchte mich" — sagte das Kind — „ich fürcht mich; ich trau mich nicht!" „Fürchten thust Du Dich vor dem Propheten Eliah? — sagte bei Vater lächelnd und erhob sich vom Stuhle, schritt der Thüre zu, um dieselbe zu öffnen. In dem Augenblicke, da er sie öffnete, fiel ein Schuss, und Josef sank tödliich getroffen zur Erde nieder. Herr der Welt! — riesen zugleich Jiltesch, Fiukel und Jakob Löb. Jesus Maria! er stirbt! — rief Marie, da sie den geliebten Mann zu Boden stürzen sah. Alle waren vom Tische aufgesprungen, die Kinder fingen an zu weinen, Marie warf sich auf den Leichnam; aber es war vorbei, sie konnte ihn nicht ins Leben zurückrufen. Die Verwirrung wurde allgemein, es wurde Lärm gemacht, Nachbarn kamen durch den Schuss erschreckt herbei. Wo ist der Mörder k Wo? Wo? — dies war der allgemeine Ruf, und in dieser allgemeinen Verwirrung bemerkte man nicht, dass Marie das Zimmer verlassen und sich forlgeschlichen habe Endlich siel ihre Abwesenheit doch auf. man rief nach ihr. Wo ist Marie? wo ist sie hingekommen? Sie war ja den Augenblick noch da! Weh geschrieu, dass ich das erlebt Hab! Solche Ruse der Verzweiflung brausten durcheinander. Man griff nach Lichtern, man leuchtete hinaus, in das Vorhaus, auf den Hof, nirgends eine Spur der Entflohenen, alles Suchen vergebens. Da warf Fiukel zufällig einen Blick in den Brunnen, der im Hofe stand, und fuhr zusammen mit dem Rufe: Schema Jisroel! was Hab ich gesehen! Der Ruf lockte die Menge herbei, man sah in den Brunnen hinab und Grausen erfasste sie alle: Marie hatte sich in den Brunnen hinabgestürzt. Sie ward mit Anstrengung heransgezogen, aber nicht mehr zum Leben. Sie war todt. Das treue Weib war dem geliebten Gatten verzweiflungsvoll in den Tod gefolgt. Man legte die beiden Leichen neben einander. Hier hatte die große Unruhe ihrer Herzen ein Ende. Honza stellte sich selbst dem Gerichte. Er wollte der Strafe der weltlichen Gerechtigkeit nicht entgehen. Man brachte ihn an den Ort der Frevellhat. Da er Mariens Leiche neben der Leiche Josefs erblickte, brach er, der starre Mann, in bittere Thränen aus: O Marie! Marie! göttliches Wesen — rief er — das Hab ich nicht gewollt! Ich habe Dich geliebt, wie kein anderer auf dieser Welt! Warum hast Du Deinem alten Vater das augethan? Der alte Niederhuber war auf die grauenerregende Nachricht von dem Tode seines Kindes herübergekommen, und da, an den entseelten Hüllen der beiden Kinder, die aus Erden der so viel erduldet, hier reichten sich der alte Niederhuber und die alte Jittesch die Hand. Wir beide — sagte die Frau zu Meister Niederhuber — haben einander nichts vorzuwerfen. Gott hat uns beide heimgesucht, es ist sein göttlicher Wille, und wir müssen es ertragen. Wir zwei aber stehen einander jetzt näher, als wir uns bisher gestanden. Denn, was uns bisher von einander getrennt hat, unsere Kinder, die sind todt, aber was uns jetzt verbindet, das ist unser gemeinsamer Schmerz um die Verlorenen, und — unser gemeinsamer Trost an diesem Enkelkind. Darf ich denn jetzt noch ihr Großvater sein? — fragte Niederhuber betroffen. Ja — gab Jittesch zur Antwort — ja Meister Niederhuber! Ihr sollt ihr Großvater sein und bleiben! Ich will sie erziehen, aber ich will sie Euch nicht entfremden, unr» hoffen wir zu Gott, dass sie einmal glücklicher sein wird, als es ihre Eltern gewesen sind. Schweigend schüttelte der alte Niederhuber die Hand der alten Jittesch und ging seiner Wege. Jittesch und 'Fintel aber setzten sich zum dritten Mal auf die Erde.

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