Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 15 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 15. Die Wahrheit. Herr Isidor Frommer findet, dass man sich mit Haut und Haaren dem Cultusvorstande verschrieben habe. Herr Klein rügt, dass man die Agenden des Vereines specificirt und dadurch dem Cultusvorstande zu viel Angriffsflächen geboten habe. Herr Professor Hosbaucr findet das ganze Statut schlecht und kritisirt einzelne Bestimmungen desselben. Herr A. Bondi erklärt, er habe vom Anbeginn mitgethan und sei unbedingt gegen die der Cultusgemeinde zngestandene Machtvollkommenheit gewesen; in letzter Stunde habe er sich entschlossen, zuzustimmen, damit der Verein endlich gegründet werde; derselbe werde das sein, was der zu wählende Vorstand daraus machen werde und werde hoffentlich das echte Judenthum in Wien kräftigst fördern. Herr Felsenburg ist gleichfalls für die Annahme des § 3. Bei der hierauf folgenden Abstimmung wird § 3 in sämmtlichen Alineen einstimmig angenommen. Herr Fleischmann beantragt, das bisherige Comite mit der stilistischen Revision der Statuten zu betrauen. Herr Fischer wünscht „Stellenvermittlung für Solche, die den Sabbath nicht heiligen", um selbe dem Judenthum zu gewinnen. Herr Braun proponirt die Fassung, „die den Samstag beobachten wollen". Vorsitzender erwidert, ein orthodoxer Verein müsse in erster Linie Jenen, die der Religionsübung Opfer bringen, zur Seite stehen. Für die Statutenrevision werden dem Comite Herr Prof. Salzmann und Herr Fleischmann beigegeben, und Herr Dr. Bloch ersucht, dem Comite seine Erfahrung zu widmen. Unser Standpunkt. In der letzten Nummer der „Wahrheit" finden wir unter dem Schlagworte: „Aus der Wiener Cultusgemeinde" einen Bericht über die l.tzte Plenarsitzung des Vorstandes der großen Wiener Jsraelitengemeinde. In derselben stellten der hochgeachtete Vicepräsident Dr. Alfred Stern und Genossen einen Antrag betreff des Baues eines neuen grandiosen Stadttempels, wobei die ebenso wahren, als beherzigenswerthen Worte vernommen wurden: „Wollen Sie, geehrte Herren, sich vor Augen halten, dass wir eine „Cultus"gemeinde zu leiten haben, dass der Cultus, der Gottesdienst unsere erste, und wenn die Mittel zu weiteren Zwecken nicht ausreichen, unsere einzige Aufgabe ist, für die wir zu sorgen haben." Dasselbe'legten wir der an Seelenzahl noch größeren Pester isr. Religionsgemeinde zu wiederholten Malen aus Herz, doch leider vergebens. Wir erinnerten sie daran, dass sie nicht nur eine administrative Gemeinde sei, sondern, dass sie vielmehr, ihrem Titel: „Religions"gemeinde entsprechend, vor allem die Religion zu hegen und zu pflegen habe. Wir blieben der Prediger in der Wüste und es schien bisher, als ob die Ohren, die uns hören sollten, totaliter taub, oder künstlich verstopft sind. Es ist dies aber auch nicht anders denkbar, so lange der Wau-wau, richtiger gesprochen, der Weh-weh der Gemeinde, der Vicepräsident und Cultuschef seines Amtes in unjüdischer Weise waltet und die Gemeinde in religiösen Dingen solche Wege gehen heißt, die von' den wahrhaft frommen Inden — wir schließen dabei die Zeloten und Finsterlinge aus — nicht gut geheißen werden können. Wir geben dabei die feierliche Erklärung ab, dass uns die Privatperson des von uns schon so oft angegriffenen Vicepräsidenten gar nicht kümmert, auch ist es uns einerlei, ob der „Herr der Gemeinde" Deutsch oder Magyar heißt, wir haben blos das durch Samuel Deutsch ver- 4rperte unjüdische Prinzip vor Augen, das dem Pester Neologenjpjp bereits mehr geschadet hat, als es die blindwüthigsten -^^enfeinde zu thuu vermögen. Oeffentlichkeit der Vorstaudssitzungen ist bei uns e Rede, auch ist daran gar nicht zu denken. Die Mit- D e u t s ch's gehören nicht vor die Oeffentlichkeit. Er befiehlt — und es muss geschehen! So bat er uns einen Cautor aufgehalst, den das Gros der Gemeinde nicht mag, und drängte den Liebling der Gemeinde von hier fort. — Einem, man könnte sagen, in einer Person, in solcher Vollendung noch nie dageweseneu Redemeister, dem berühmten Oberrabbiner Dr. Josef Rosenfeld in Czernowitz, welcher das deutsche und ungarische Idiom in geradezu klassischer Weise beherrscht, und dem die ganze Gemeinde zujubelte, gab Deutsch den Laufpass, dafür soll ein „Talmudist", ein gewisser Moses Feldmann aus Galantha, der nichts zu reden hat — so steht's im Bericht — der armen Synagoge, dem Stiefkinds der Gemeinde, durch Deutsch aufgezwungeu werden! . . . Recht so! Jede Gemeinde hat den Führer, den sie verdient. Warum lassen sich die steuerzahlenden Mitglieder der Gemeinde solche Dinge und noch mehr gefallen? Freilich gehen die Meisten von ihnen mit der geballten Faust in, der Tasche herum und ärgern sich dass darüber, aber das nützt verflucht wenitz. Habt die Güte und ballet die Fäuste so, dass sie Jeder, und vor Allem die Häupter der Gemeinde zu sehen bekommen. Machet es den Ofner Brüdern gleich, die in der Generalversammlung den ihnen 'unliebsam ausgedrängten Seelsorger nicht acceptirt haben. Am 28. d. M. ist die Generalversammlung der Pester isr. Religiousgemeinde. Nun soll auch da ein „Dajen" angestellt werden, den in der Gemeinde „Niemand kennt und Niemand nennt". Zeiget, dass Ihr Männer und keine Pagoden seid, und ahmet dem Beispiele des kleinen Ofen nach. Ein Mitglied dec Rabbiuats-Collegiums ermahnte uns, die Feindseligkeiten gegen Deutsch einzustellen und verwies uns ans das Wort der heilige Schrift: „Du sollst dich nicht rächen!" Wir antworteten dem geistlichen Herrn in aller Seelenruhe, dass uns das Citat in diesem Falle durchaus nicht berühren könne. Freund und Feind geben zu, dass Deutsch uns und der ganzen Gemeinde gegenüber schwer gefehlt hat, und so lange der Fehler nicht reparirt, d. h. gnt gemacht wird, so lange können und dürfen wir den Kampf im Interesse der guten Sache, den Kampf nms Recht nicht aufgeben, denn das hieße, feige zurückweichen, was uns gar nie in den Sinn gekommen ist und auch nicht kommen kann. Abgesehen davon, dass die angesehensten und geachtetsteu Männer nuferer Gemeinde unser bisheriges Vorgehen billigten, wollen wir dem unjüdischen Cultuschef mit den Aussprüchen nichtjüdischer Weisen kommen, die wir in Bezug der uns zur Last gelegten „Rache" hier folgen lassen und die gleichsam unfern Standpunkt bilden und kla.stellen sollen: Der allgemeine, von den Philosophen gebilligte und von den Gesetzgebern geheiligte Grundsatz des Alterthums war das talionische Gesetz. Man muss diejenigen beleidigen, die uns | beleidigen, sagt Aeschylus. Zur Zeit des Sokrates, wie zur j Zeit Quiutilians war die Meinung^..dass das Böse mit Bösem vergelten, keine Ungerechtigkeit zu neunen sei. Die Weisen I suchten darzuthun, dass des Vergnügens wegen, welches natürlich die Rache begleitet, diese der menschlichen Natur angemessen ist; sie bemühten sich besonders zu beweisen, dass die Würde des Bürgers dieselbe erheischet. Das liebet dulden, ohne darüber entrüstet zu werden und ohne dasselbe zurückzugeben, ist ein Zeichen sehr vieler Niedrigkeit, während der Zorn, nach einer Beleidigung empfunden, das Zeichen einer starken Seele ist. Es ist eine Pflicht, es ist eine männliche Tugend, dem Feinde eben j so viel Leides anzuthun, als man dem Freunde Dienste leisten j kann. Cicero findet, dass derjenige ein wahrer Ehrenmann ist,! der Niemandem schadet, so lange er nicht durch irgend eine Beleidigung hiezu veranlasst wird. Die Tugend besteht also i darin, den Kamps nicht zu beginnen, man enthält sich, den Anderen Leid zuzuführen, um sich nicht dem Ausbruche ihres Zornes auszusetzen; aber, einmal beleidigt, hört alle Rücksicht auf und sobald das Interesse uns von dem talionischen Rechte (Vergeltungsrecht) Gebrauch zu machen gebietet, so ist man vollkommen dazu berechtigt, wenn man dasselbe mit Maß und Ziel gebrascht. Die Stoiker endlich rathen, man müsse sich rachen, aber ohne Zorn; ihrer Ansicht nach ist dieses keine Rache mehr, sondern eine gerechte Strafe. Das Uebel muss ♦ 4r: . “Vitt