Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 15 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seite 5. einem cultivirten und constitntionell regierten Staate nicht Vorkommen könilen, aber zu gleicher Zeit tauchte im ungarischen Parlamente ein Jstoczy, in Berlin ein Hosprediger Stöcker und in Wien ein Schönerer ans. Anfangs erklärte man diese drei Menschen für wahnwitzige Individuen, allein in Ungarn hat der Antisemitismus sich sehr schnell sructisirt. Es wurde die „Tißa- Eßlaer-Assaire" in Scene gesetzt, iusolge welcher es zu Judenkrawallen und beinahe zu Plünderungen kam; einige Jahre später wiederholte sich dieses Schauspiel im cultivirten, gebildeten Deutschen Reiche sogar zweimal, und auch in Frankreich, einem Lande, das der Welt jederzeit als Muster der Civilisation galt, wurde das antisemitische Feuer angezündet, und es entstand die unvergessliche „Asfaire Dreysus." Und werfen wir einen Blick nach der österreichischen Metropole, so sehen wir, dass unter den Wiener antisemitischen Parteisührern kein einziger ist, den fanatischer Judenhass zum Antisemiten machte. Alle waren sie früher „Judengenossen oder Judenstämmlinge." Nur herostratischer Ehrgeiz, bei Ermanglung jedweden anderen Verdienstes in die Höhe zu kommen, oder rein geschäftliches Interesse, das nicht besser gefördert werden kann, als eine ganze Partei zur Kundschaft oder Clientel zu gewinnen, haben diese Helden erzeugt, welche bei uns den Antisemitismus bis zum höchsten Siedepunkt brachten. Nach all' diesen Erlebnissen und traurigen Erfahrungen erwachte endlich das Jndenthum aus dem sanguinischen Schlafe, und da die Flammen des antisemitischen Feuers schon lichterloh über das Judenthum emporschlugeu und kein Erzengel erschienen war, um uns zu schützen, da blieb nichts anders übrig, als die Posaune zur Hand zu nehmen, Um den Ruf „^ollsnu b'n« Jisroelu j ertönen zu lassen. Und in der That sammelte sich das Judens thum, der Bruder erkennt wieder den Bruder, die Schwester die f Schwester. Schnell wurden Vereine zur Löschung dieses Brandes gegründet, wie auch zur Abwehr gegen weitere Ueberfälle. Vereine mit Humanitären Tendenzen, um bedrängten Glaubensgenossen beistehen zu können, Vereine, in denen wieder die längst vergessene jüdische Litteratur gepflegt und gefördert werden soll, und es wurde sogar an dieser Stelle die Anregung zur Errichtung eines jüdischen Arsenals gegeben. Dieses Arsenal, wo geistige Waffen geschmiedet werden sollen, um die zukünftige Kerntruppe zum Kampfe vorzubereitell, wenn einst wieder eine solche Zeit kommen sollte, dass sie ihrem Feinde gewappnet entgegentreten können, soll die jüdische Mittelschule sein. Es wurden in diesem, Blatte die Einrichtungen solcher jüdischer Mittelschulen, wie z. B. in Frankfurt a. M., Hamburg, Dessau, und noch anderer in Deutschland, wie auch der Mittelschule in Vag-Ujhely tit Ungarn, als Muster angeführt und ich möchte bei dieser Gelegenheit auch auf die alte ehrwürdige „Preßburger Kohlsch'ul", wie auch auf die von Hermann T o d e s c o gegründete „P r i m ä r s ch u l" Hinweisen. Nur von solchen Arsenalen können wir erwarten, dass sie tapfere Krieger für das Judenthnm und seine Religion heranbildeu. Eine gründliche Remedur der krankhaften Erscheinung im gesellschaftlichen Leben kannwohl nur von der Gesellschaft selbst ausgehen, aber zu diesen krankhaften Erscheinungen trug auch viel unser bisheriger Sanguinismus bei. Kein Volk kann mit so gutem Grunde stolz ^auf seinen Namen zu sein, wie das Judenthum. Welches andere Volk hat sich so große Verdienste um die Menschheit erworben? Ist nicht die heutige Civilisation, die man eine christliche nennt, unsere ureigenste Civilisation? Feiern nicht die größten Culturvölker von heute Söhne unseres Stammes als die Träger der höchsten Ideen und erhabensten Lehren? Mit diesem ^Gefühle müssen wir unsere Jngend zum Kampfe rüsten und dabei ausrufen: „Weg mit dem Sanguinismns!" Vereinigung de« orthodoxen Ändenthnmo in Men. Sonntag, den 12. April, hat im Restaurant Wiener eine Versammlung stattgesunden, in welcher die seit zwei Jahren projectirte Gründung eines Vereines „Zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judenlhums in Wien und Niederösterreich"' eingehend berathen und diese Idee ihrer Realisirung näher gebracht wurde. Der Einberuser, Herr Bernhard H o s b a n e r, begrüßte zunächst die in großer Anzahl Erschienenen uns führte dann ans, dass das seinerzeit gewählte Comite in vielen Sitzungen ein Statut berathen habe, welches der Cultusgemeinde vorgelegt wurde. Der Vorstand der Cultusgemeinde hat aber nach langen Verhandlungen verlangt, dass in das Statut ein Passno ausgenommen werde, dahin lautend, dass zur Errichtung der wichtigsten rituellen Institutionen durch den Verein die vorhergehende Zustimmung der Cultusgemeinde nöthig sei. Diese tief einschneidende Bestimmung wollte das Comitä nicht ausnehmen, ohne die Versammlung der Notabeln befragt zu haben. Nach diesen Mittheilungen acelamirt die Versammlung Herrn Hofbauer als Vorsitzenden und stimmt der Desiguiruug des Herrn S. Fischer zum Protocollsührer zu. Der Referent der Statutencommission verliest die Zuschrift des Cultusvorsiandes, welche die Motivirm.g der geforderten Abänderungen enthält und knüpft hieran solgeiide Bemerkungen: „Ihr Comite steht aus dem Standpunkte, dass die Orthodoxie, oder wie sie im Gesetze bezeichnet wird, die rituell strengere Minorität das Reckt hat, s ü r i h r e A n h än g er, mi t i h re m G e l d e alle rituellen Institutionen zu schaffe», nachdem sie die Anstalten der Cultusgemeinde als ihren rituellen Ansprüchen nicht entsprechend bezeichnen muss. Nach unserer Ansicht steht der Cultusgeureinde nur ein Aussichtsrecht zu, das aber genügt, keinen Separatismus auskommen zu laffen. Die Cultusgemeinde behauptet, ein Recht zu haben, die Errichtung ritueller Anstalten zu genehmigen oder zu untersagen. — Dieser Zwiespalt der Ansichten wäre nur durch eine authentische Gesetzesauslegung durch die competenten Behörden zu schlichten. Dies ist jedoch ein sehr langwieriger Weg, der die Constituirung der Orthodoxie und die Föroerung ihrer Ziele weit hinausschieben würde, und so glaubten wir, unter Wahrung unseres Rechtsstandpunktes, dem zustimmen zu sollen, dass der zu gründende Verein in seinem Statut bestimme, dass zur Errichtung von Fleischbänken, Ritualbädern, Backhäusern und Religionsschulen die vorherige Zustimmung des Gemeindevorstandes nöthig sei. Hiezu sah sich ihr Comits um so eher veranlasst, als ein maßgebendstes Mitglied des Vorstandes versicherte, dass wir seitens des Vorstandes des größten Entgegenkommens gewärtig sein könnten, hinzufügend, dass ja nur dieser Verein gebunden sei, es aber den Orthodoxen, sei es in einem bestehenden oder zu creirenden Vereine im Nothsa te immer frei stehe, die Behörden zur Interpretation des Gesetzes anzurusen." Referent ersucht zum Schlüsse die Versammlung, sich darüber auszusprechen, ob sie das Statut in der vorliegenden Fassung annehme. Herr Fischer tadelt, dass man sich an die Cultusgemeinde statt direct an die Statthalterei gewendet habe, wo leicht ein Einvernehmen mit.der Cultusgemeinde zu erreichen gewesen wäre. Auch bemängelt er die Bezeichnung „Orthodox", die einerseits dem Cultusvorstande Angst vor einer Spaltimg einjage, anderseits Viele vom Beitritt abhalten werde. Referent ersucht den Redner, vorerst zu § 3 zu sprechen, da die Versammlung sich in erster Linie über diesen principiek hochwichtigen Gegenstand zu äußern habe. Herr Fischer will, nachdem ihm das Wort abo.".schnitten worden, nicht weiter reden, und sagt nur bezüglich des § 3, dass er für die Annahme stimme, da er vor dem Cultusvorstände, der sehr conciliant sei, keine Furcht habe. Herr Professor Salzmann verwahrt sich, dass man geladene Redner nicht sprechen lasse, und schließt sich den Aeußerunger des Vorredners an. Referent erwidert, er hätte Herrn Fischer nur vorerst nur zum 8 3 zu sprechen, nach Erledigung dieE^ tigsten Punktes werde sich für die Herren Re^tz^. Z^ Gelegenheit bieten, ihre Ansichten zum Ausdruck MMIxre ^?end