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Die Wahrheit · 1901-04-19 · Heft 15 (19.4.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 15 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 15. int -Austrage des Herrn Rabbiner Mayersohn, seine Ochsen zu schlachten, und der Mann war abermals vor den geschäftlichen Ruin gestellt. Als nun hilfbereite Berufsgeuossen den hartgetrosseneu College» unterstützen wollten, indem sie über Anrathen eines Mitgliedes des Cultusvorstandes bis zur gütlichen Beilegung der Angelegenheit die Ochsen des in Acht gethanen Fleischhauers auf ihr Conto schlachten ließen, kamen die Kundschafter des Rabbinates auch auf diesen Illusweg und weigerten sich über höheren Auftrag am Crew Pessach bei vier bereits geschlachteten Ochsen die Bedikah vorzunehmen. Und so wäre der Fleischhauer abermals materiell arg geschädigt worden, wen» sich nicht im letzten Momente, knapp vor Eingang des Festes, ein mitleidsvoller Schächter herbeigelassen hatte, die geschlachteten Thiere zu badkenen, die glücklicher Weise sämmtliche für koscher befunden wurden. Nach tagelangem Hangen und Bangen wurde endlich das Schächtverbot gegen den Fleischhauer Lustig aufgehoben, aber andere Schicksalsgenossen desselben leiden noch immer unter dem gleichen Banne, oder ähnlichen Vexationen des Herrn Rabbiner Mayersohn, wie sie von zahlreichen Zeugen bestätigt, in der Versammlung der jüdischen Fleischhauer schlicht und einfach aber mit umso wirksamerem Ausdruck banger Sorge für ihre bedrohte Existenz geschildert wurden. Es ist sehr zu bedauern, dass nicht einige Mitglieder des Cultusvorstandes dieser Versammlung beiwohnten, sie hätten hier Gelegenheit gehabt, sich über diese sonderbare Art der .Regelung" der Koscher-Fleisch-Frage eingehend zu insormiren, und die Ueberzeugung gewonnen, dass die Erregung der in ihrem Berufe geschädigten jüdischen Gewerbsleute eine vollkommen berechtigte ist und dass zumeist jene getroffen werden, die ohnehin nicht auf Rosen gebütet sind. Die Wirkung dieser Schilderungen war eine so elementare, dass selbst alte, stadtbekannte jüdische Fleischhauer, die sich stets den Anordnungen des Rabbinates willig gefügt haben und immer im Kreise ihrer Berufsgenossen zum Frieden mahnten, jetzt zu den radicalsten Mitteln riechen, um die den Einzelnen tvie der Gesammtheit ihres Standes drohenden Gefahren abzuwenden. Wenn wir nun nach diesen Vorfällen fragen, ob der vom Rabbinate bisher eingeschlagene Weg zur .Regelung" der Koscher-Fleisch-Frage der richtige ist, so glauben wir nicht, dass irgend ein vorurtheilsfreier Glaubensgenosse, und möge er auch der strengsten orthodoxen Richtung angehören, die Verfügungen des Herrn Rabbiner Mayersohn billigen wird. Es ist gar nicht uothwendig auf die juristische Seite der Frage näher einzugehen, ob nümlich, wie dies von in der Versammlung anwesenden Juristen im Gegensätze zu unseren Anschauungen bestritten wurde, überhaupt dem Rabbinate oder der Cultusgemeinde eine gesetzliche Handhabe gegeben ist, Schächtverbote oder ähnliche Verfügungen zu erlassen. Selbst zugegeben, dass das Rabbinat hiezu berechtigt ist, sind derartige Maßregeln vom Standpunkte der Billigkeit und Menschlichkeit, den ja ein jüdischer Seelsorger niemals außer Acht lassen darf, Unbedingt zu verurtheilen. Wir waren niemals Anhänger der von mancher Seite beliebten publicistischen Effecthascherei,'und wenn wir in diesem speciellen Falle die bercgte Angelegenheit vor die breiteste Oeffentlichkeit bringen, so thun wir dies keineswegs, um etwa das Ansehen des Rabbinates zu untergraben, sondern einzig allein, um einem allgemeinen öffentlichen Interesse zu dienen und die Reputation des Judenthumes in- und.außerhalb desselben zu wahren. Die Koscher-Fleisch-Frage ist nicht nur eine religiöse, sondern auch eine eminent sociale Frage, weil von ihrer richtigen Lösung nicht nur die Existenz Hunderter jüdischer Gewerbetreibender in Wien abhängt, die sich mit schweren Mühen und Opfern aus dem langjährigen Abhängigkeitsverhältnis von den den Markt beherrschenden Groß-Fleischhauern zu selbstständigen Gewerbsleuten emporgerungen haben, sondern weil mit dieser Frage auch die Versorgung der breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung mit billigem, den gewöhnlichen Marktpreis nicht ^übersteigendem, koscher geschlachtetem .Fleische verknüpft ist. Und darum glauben wir auch, dass es höchste Zeit ist, die Koscher-Fleisch-Frage der unumschränkten Machtsphäre des Rabbinates zu entziehen und dem letzterem nur soweit Einstuss zu gewähren, als es die nothwendige Rücksichtnahme auf die rituellen Vorschriften erfordert. Alle Fragen pekuniärer Natur in dieser Angelegenheit gehören hingegen vor das Forum des Cultusvorstandes, und wir wollen noch immer nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich im Schoße desselben Männer finden werden, die bei aller Achtung für die religiösen Gebote mit praktischem Blicke und vorurtheilsfeier Gesinnung eine die Existenz der jüdischen Fleischhauer schützende und die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung befriedigende Lösung herbeiführen werden. Das wäre eine That, die in den weitesten Kreisen der Glaubensgenossen sympathische Aufnahme fände, eine That, die das '.in der öffentlichen Meinung bedrohte Ansehen der Wiener Cultusgemeinde heben nnd auch dem Geiste des Friedens entsprechen würde, den in der Gemeinde zu fördern und zu erhalten besonders der gegenwärtige Präsident jederzeit bestrebt war. Der Sanguinismus im Zudenihnme. Von A. Steiner, Wien-Brigittenau.. Wie der einzelne Mensch kann auch jede Nation nach den bekannten Temparemeuten classificirt werden. Unter den alten Völkern schrieb man den Römern', unter den neueren den Spaniern und Italienern den größten Antheil am cholerischen Temparemente zu; im Alterthume waren die Indier, in der Neuzeit--sind die Engländer die Melancholiker; die Holländer werden zu den Phlegmatikern gezählt, und die Athenienser im alten Griechenland nnd die Pariser im modernen. Frankreich gelten als Prototyp der Sanguiniker. Würde aber die Welt uns Juden genauer kennen, so hätte sie ganz gewiss u n s als ein classisches Muster des letzten Temparementes aufgestellt, denn wir tragen noch weit mehr als die Franzosen das Signum des sanguinischen Charakters an uns. Der Sanguiniker ist leicht zu rühren, ebenso leicht zum Weinen wie zum Lachen zu bringen; der Sanguiniker besitzt mehr Affect als Leidenschaft, urtheilt rasch, daher sehr übereilt, und ereifert sich für Großes, besitzt jedoch nicht die Beharrlichkeit, es ganz auszuführen; der Sanguiniker ist hoffend, vertrauend auf andere Menschen und hat nicht den Trieb, etwas selbstständig zu unternehmen. Trifft nicht jeder Zug dieses Charakters bei uns Juden zu? Doch ich will nur eine Erscheinung unseres heutigen Lebens festhalten, um an ihr unseren Sanguinismus zu analysiren. - Wie werden wir vom Antisemitismus von Stimmung zu Stimmung geworfen! Wir kommen ja aus dem Wechsel zwischen den Empfindungen der Freude und der Niedergeschlagenheit, der Trauer und des Trostes, der Hoffnung und der Verzweiflung gar nicht heraus. Das Rauschen eines wehenden Blattes erschreckt uns und der Hauch einer uns günstigen Lüge macht uns jubeln. Bald sind wir die pessimistischen Schwarzseher, dass wir, nach einer orientalischen Hyperbel, in der schwärzesten Nacht die schwärzeste Ameise auf dem schwärzesten Marmor erblicken und die ganze Welt aus einmal durch den Antisemitismus in tiefste Barbarei und Finsternis verwandelt glauben; bald sind wir wieder die rosigst angehauchten Optimisten, dass wir schon die letzte Stunde des Antisemitismus schlagen hören und alle zu Schanden geworden sehen, die ihr Geschäft auf ihn gründeten. Wir werden nicht mehr von Land zu Land, von Ort zu Ort getrieben, aber wir führen ein Nomadenleben des Gemüths, und das ist noch schlimmer als eine rastlose Wanderung von Zeit zu Zeit. Und so wurden wir volle vierzig Jahre vom Sanguinismus beherrscht, wodurch sich auch der Assimilationswahn bei einem großen Theil der Juden eingeschlichen hat. Anfangs der achtziger Jahren hörten wir das Jammergeschrei der russischen Juden, welche dem russischen Vandalismus preisgegeben waren. Mit befriedigtem StolzeIbrüsteten wir uns, dass solche Barbarei in

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