Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 14 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14. Die Wahrheit. Seite 5. chens um Aberkennung der väterlichen Gewalt keine Folge gab. Rochme Weiß befindet sich derzeit in Wien und ist zum Judenthume zurückgekehrt. — In 12 Fällen haben wir unschuldig verurtheilten Glaubensgenossen unentgeltlichen Rechtsschutz vor Gericht gewährt und die Ehre, österreichischer Glaubensgenossen nicht nur vor inländischen, sondern auch vor auswärtigen Gerichten geschützt. Auch gegen die Herabwürdigung von Lehren und Einrichtungen der jüdischen Glaubensgemeinschaft und gegen die Boycottirung jüdischer Geschäftsleute mussten wir zu wiederholten Malen einschreiten. Einen großen, nachhaltigen Erfolg bedeutet die von uns provocirte Entscheidung des obersten Gerichtshofes in Sachen eines vom Pfarrer Ignaz Wogt zu Trzebinia verbreiteten Pamphletes, in welchem das Verhalten der christlichen Bevölkerung gegenüber den Inden vorgeschrieben wurde, in der ausgesprochenen Absicht, zwischen Christen und Inden eine strenge Scheidung im socialen Leben herbeizuführen. Der oberste Gerichtshof erklärte, dass durch diese Flugschrift zu Feindseligkeiten gegen die israelitische Religionsgesellschaft oder auch zu feindseligen Parteiungen zwischen Christen und Juden anfgefordert und angeeisert werde. In der Begründung heißt es i „Der Friede im Staate verlangt zwischen allen Interessengruppen, wenn auch uicht Freundschaft, so doch zum mindesten volle Neutralität; was hinter dieser Grenzlinie znrückbleibt ist „Feindseligkeit". Auf den Grad desselben kommt es nicht an. Die Interessen eines gesunden, wirthschaftlichen und socialen Verkehrs erfordern gewiss nicht die gegenseitige A b s ch l i e ß u n g g a n; e r Vo lks g r u p p e n; dieselbe widerspricht den durch die Gesetze jedem Staatsbürger, allen C l a s s e ii d e r Bevölkerung, a l l e n V o l k s st ä n d e n und C o n f e s s i o n e n i m S t a a t e g e w ä h r t e n gleichen Schutz." Diese Entscheidung wird uns für die Folge eine werthvolle Grundlage zur Abwehr aller gegen den § 302 Slr.-G. verstoßenden antisemitischen Angriffe bieten. (Beifall.) - Der Bericht des Rechtschutzbureaus erwähnt nock der Action bezüglich der Erwerbung des Heimatsrechtes und schließt mit den Worten: „Je mehr unsere Glaubensgenofien im ^'ganzen Reiche das von uns vertretene Princip selbstthätiger und herzhafter Abwehr jedes Unrechtes zu dem ihrigen machen, umso rascher dürfen wir erwarten, dass die bei den jüngsten Wahlen zu Tage getretenen leisen Anzeichen einer Besserung kräftiger hervortreten und mit der wünschenswerthen Gesundung dezimieren Lage auch der Glaubens- und Racenhass eine Abschwächung erfahren wird. (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurde Herr kais. Rath Adolf R u z i c k a über Antrag des Herrn Dr. Bloch mit Acclamation einstimmig zum Präsidenten gewählt. In den Vorstaitd wurden gewählt die Herren: Prof. Dr. Salomon Ehr m a n n, Jacob I e i t e l e s, B. K a n i tz, Dr. Philipp Meitner, Adolf R o s e n b a u m, Sigmund Mayer, Dr. Oscar Klein, Albert Winterberg und Dr. Sigm. Z i n s. Auf Antrag des kais. Rathes A n n i n g e r wird dem Präsidenten für dessen außerordentliche Verdienste um die Hebung des Vereines nochmals der wärmste Dank durch Erheben von den Sitzen und unter stürmischem Beifalle ausgedrückt. Die Generalversammlung ernennt ferner über Vorschlag des Gesammtvorstandes Herrn Rabbiner Dr. Adolf Schmied! aus Anlass der Vollendung seines 80. Geburtstages und Herrn Landesgerichtsrath Dr. Jacob K o h n zu Ehrenmitgliedern. Beim 6. Punkte des Tagesordnung: „Anträge und Interpellationen" dankt Herr Architekt Max Fleischer für die ihm anlässlich seines 60. Geburtstage dargebrachten Glückwünsche. Secretär Fleischer bringt einen Antrag des Bereinsmitgliedes und Vertrauensmannes Dr. David Popper in Horazdiowitz bezüglich der „Regelung des Wanderbettels" zur Verlesung, welcher dem Vorstände zur Berathung und zur Beschlussfassung zugewiesen wird. — Bürgerschullehrer Faktisch ek bringt eine persönliche Angelegenheit zur Sprache, deren Spitze sich gegen ein Vorstandsmitglied der Cultusgemeinde richtet. Nach einer längeren Geschäftsordnungsdebatte, und nachdem Dr. Li f t s ch i tz meritorisch erwidert, acceptirt die Versammlmtg die Entscheidung des- Vorsitzenden, Professor Dr. E h r m a n n, dass die „Union" in dieser Angelegenheit nicht competen: sei, worauf die Versammlung^ geschlossen wird. Architekt Mar Fleischer und der Mariahilfer Tempelverein. Der Mariahilfer Tempelverein besitzt ein prachtvolles Gotteshaus, einen weihevollen Gottesdienst, eine musterhafte Administration, stets geregelte Finanzen und erfüllt nach allen Richtungen seine cultuellen Aufgaben, ohne jemals, im Gegensätze zu anderen Tempelvereinen, den Säckel der Cultusgemeinde in Anspruch genommen zu haben. Und forscht man nach dem Geheimnis seiner stetigen Entwicklung und seiner großartigen Erfolge, so liegt es nicht nur in der Qpferwilligkeit der Mitglieder und der zielbewussten Leitung, sondern noch viel mehr in dem verständnisinnigen und einträchtigen Zusammenwirken aller berufenen Factoren. Präsident und Vorsteher, Vorstand und Mitglieder fühlen sich eins, und Alle sind von dem Streben geleitet, nur dem Gesammtwohle zu dienen. So entstand im Laufe der Jahre jene Herzlichkeit und Innigkeit im Schoße des Vereines, die an das altpatriarchalische, echt jüoische Familienleben gemahnt und die auch gelegentlich des 60. Geburtstages des Präsidenten, Architekt Max Fleischer, besonders aber in der Ansprache des Vicepräsidenten. Dr. Engel, und in der Adresse des Vorstandes so schön zum Ausdrucke kam. Dem Vereine schien es ein Bedürfnis, den Ehrentag des Präsidenten, trotz seines bescheidenen Widerstrebens, festlich zu begehen, und so vereinigte sich wenige Tage nach dem 60. Geburtstage Fleischers, am» 1. Tage des Pessachfestes, eine zahlreiche Festversammlung im Gotteshause, die mit aufrichtiger Verehrung und freudigem Stolze auf ihren Führer, den Erbauer des prächtigen Gotteshauses, blickte. Architekt Fleischer wurde hoch zur Thora gerufen, woselbst Obercantor Dünmann einen zu diesem Anlasse verfassten Mischeberach vortrng. Rabbiner Dr. Taglicht hielt von der Kanzel die Festrede, die nach einem sinnigen Vergleiche der „Arba Kaussaus" mit den vier Lebensaltern die Verdienste des Jubilars in und außerhalb des Tempelvereines würdigte und in dem Wunsche fernerer langjähriger und segensreicher Wirksamkeit ausklang. Der meisterhafte und stimmungsvolle Vortrag des Tal-Gebetes und der übrigen Liturgien durch Obercantor Dünmann, sowie die prächtigen Leistungen des Chores erhöhten noch die Weihe des Festes. Nach dem Gottesdienste versammelten sich der Vorstand und viele Mitglieder des Tempelvereines im festlich geschmückten Sitzungssaale, um ihrem Präsidenten ihre Glückwünsche zu übermitteln und eine kunstvoll ausgeführte Adresse zu überreichen. Hiebei richtete der Vicepräfident, Dr. Jacob Engel, folgende Ansprache an den Jubilar: Hochgeehrter Herr Präsident! Theurer und geliebter Freund! Unter den mannigfachen Tagen, welche der Mensch int Leben der Erinnerung weiht, ist wohl jener, an welchem er das Licht der Welt erblickt, einer der bedeutungsvollsten. Ob das Leben milde und sanft dahinfließt, oder ob es von wilden Stürmen gepeitscht wird, ob das Haupt noch umrahmt ist von blondem Lockenhaar, oder Schnee auf demselben sich lagert, immer und immer denken wir zurück an jenen Tag, an dem wir ins Dasein traten, um alle die Süßigkeiten und Bitternisse des Lebens zu kosten. Während aber bei den Alltagsmenschen, und das ist ja die größte Zahl, dieses Fest im stillen Kämmerlein, oder äußersten Falls im engsten Familienkreise begangen wird, bemächtigt sich bei solchen Persönlichkeiten, welche sich hervorragende Verdienste um das Gemeinwohl, um die Humanität erworben haben, die Oeffentlichkeit dieser Feste und vindicirt für sich das Recht, dieselben mitzufeiern nach.dem alten Grundsätze: Getheilte Freud' ist doppelte Freud! Eine solche Persönlichkeit, welche sich die hervorragendsten Verdienste um das Gemeinwohl, um die Humanität erworben.