Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 13. Offen gestanden, wir zögerten lange, eh' wir der Bitte! vieler Synagogenbesucher und steuerzahlender Gemeindemitglieder! nachgaben, die eiugeriffenen Uebelstände vor die Oeffentlichkeit zu bringen uüd vielleicht dadurch Abhilfe zu schaffen, doch eingedenk des wahren Sinnspruches: „Frag nicht zu viel und suche «ur — den Besten zu gefallen; — denn wer aus jeden Rücksicht nimmt, — verdirbt's zuletzt mit allen" — wollen wir Len Tempel und die Synagoge zum Gegegenstande unserer heutigen Besprechung machen. Im Tempel finden wir einen vollkommen modernen Gottesdienst vor; es wird daselbst nicht zu viel gebetet, aber auch nicht zu viel gesungen. Zwei Stützen gibt es da, die den Cultus tragen: Obercantor Adolf Lazarus, der mit seinem seelenvollen Gesang den Gottesdienst höchst feierlich gestaltet, und Professor Rudolf S ch w e i d a, der meisterliche Organist, dem es auch zu verdanken ist, dass sich der Chor gut hält, denn er studirt mit dem Chorpersonale die Tempelgesänge. Die beiden Prediger zählen beim Gottesdienste nur sehr wenig mit, denn erstens sprechen sie blos 10—12 Minuten, was doch gar nichts heißt, denn auch der seelige Oberrabbiner von Wien, der unvergessliche Dr. Adolf I e l l i n e k sagte es dem Schreiber dieser Zeilen, dass man in 10 Minuten keine Predigt halten kann, und dann sprechen die ehrwürdigen Herren nicht von dev-Kanzel herab, sondern von einer „Stellage", die mit einem rochen Zeug behängt ist und sehr unästhetisch aussieht, ja nicht einmal in einer Dorffynagoge derart in Verwendung gelangen dürfte, 'so dass sie nicht einmal von einem Viertheile der Anwesenden verstanden werden können. Und trotzdent besitzt der Tempel 3, filge drei Kanzeln, die aber nur an den Festtagen benützt werden — warum? weil es zu viel Mühe macht, den langen Weg bis zur Kanzel zurückzulegen und eine Treppe hoch zu steigen, um uuf dieselbe zu gelangen! Um Vieles kleiner ist die Synagoge, daselbst fungirt nach coufervativer Richtung der Obercantor Jakob B a ch m a n n. Braucht man erst zu sagen, wer B a ch m a n u ist? kau kom! Und an seiner Seite wirkt als Chordirigent der akademisch gebildete Musiker und diplomirte Componist Ferd. Singer, der erst kürzlich gelegentlich der unjüdischen Einweihungsfeier des neuen ifrael. Waisenpalastes das große Oratorium vertonte, Ml welchem der Religionsprofesfor Dr. G o n d a den Text geschrieben hat. Dann haben wir hier den einzig jüdischreligiös wirkenden Rabbiner der Gemeinde, L. P o l l a k, dessen gottesdienstliche Vorträge reichen Inhalt und Belehrung bieten. Auch Rabbiner Dr. Julius Weißberg hält ungarische Gastpredigten, die sehr gefallen. Und doch — ist jahrein, jahraus nicht ein Atom von Gemeindevorsteher daselbst zu erblicken, es sei denn, dass eine Probepredigt, oder ein Probesingen stattfindet, oder dass sich ein reiches Mitglied so weit verirrt, die Bar'mizwah seines Sohnes in diesem Gotteshause abzuhalten. Dann kommen sie freilich dem Herrn So und So zu liebe. Nur nach einer Richtung hin ist die Synagoge dem Tempel ganz gleich gestellt. In puncto fcef Trauungstaxen. De facto ist gerade dieser Umstand eine schreiende Ungerechtigkeit, denn Äe Synagoge braucht weniger Beleuchtung und hat keine Orgel, verursacht daher der Gemeinde auch weniger Kosten. Durch die gleichen Taxen werden aber die befferen Trauungen der Synagoge entzogen und dem Tempel zugeführt und die Functionäre derselben haben das leere Nachsehen und — die leeren Taschen! Nun denn> wir — und mit uns hunderte ehrenwerthe Balbanm — wissen es nur zu genau, dass Goethes Wort „Das, Ivas mir wichtig scheint, hältst Du für Kleinigkeiten; das, was wich ärgert, hat bei Dir nichts zu bedeuten" dem Cultusches, Samuel Deutsch, wie auf den Leib geschrieben ist. Und doch soll And muss und wird es besser werden,, denn auch sein gewaltthätiges Regiment dürste ein schnelleres. Ende nehmen, als Manche glauben. Und dann wird's mit Gottes Hilfe wieder gut werden. ,D. H. Spitzer. Die Zionisten gegen die Jewish Colonisation Äfforiation. In einer jüngst vom Colonisationsverein „Dorsche Zion" in Paris abgehaltenen Versammlung, an welcher auch der Grandrabbin Zadoc Kahn theilnahm, kam es nach einem Berichte der „Berl. jüd. Presse" zu einer bedeutsamen Auseinandersetzung. Der Referent, Herr Dr. Max Nordall, erging sich in sehr heftigen Angriffen gegen die Jewish Colonisation Association, namentlich wegen ihres Verhaltens gegenüber den Tagelöhnern in Palästina. Nordau schloss mit den Worten: „Verschwenden wir unsere Zeit nicht mit Protesten gegen Männer, welche auf die Stimme der jüdischen öffentlichen Meinung nicht den geringsten Werth legen! Wir Juden müssen uns selber Helsen. Denken wir, dass Baron Hirsch feinen einzigen Sohn nicht verloren unv das jüdische Volk nicht zu seinem Universalerben gemacht hat! Die jüdischen Colonisten Palästina's haben der ganzen Welt gezeigt, was ein Jude in der Landwirthfchaft leisten kann. Mögen daher die Juden sich ohne das Geld des Baron Hirsch behelfen! Wenden wir uns an das gesammte jüdische Volk, rufen wir sämmtliche Chowawe- Zion in der ganzen Welt auf! Auch von dem hier anwesenden verehrten Oberrabbiner erbitten wir die Unterstützung als von einem gewöhnlichen Juden, nicht mehr. Und ich bin überzeugt, dass es uns gelingen wird, die jüdischen Colonisten in Palästina zu retten, welche ja nichts mehr als ihr tägliches Brod haben wollen. Ob die J. C. A. auf unseren Appell reagiren wird oder nicht, ist gleichgiltig. Das Jndenthum hat bisher ohne die J. C. A. bestanden und wird auch weiter ohne dieselbe bestehen." Unter lautloser Stille ergriff sovann, wie „Hamelitz" berichtet, Herr Oberrabbiner Zadoc Kahn das Wort zu etwa nachstehender Erwiderung: „Herr Nordau hat in seiner sehr schönen Rede, auf welche ich Manches zu antworten hätte, gesagt, dass er auf mich wie aus jeden anderen Juden rechne, „nicht mehr". Leider ist das nur allzurichtig. Ich habe auf die Herren von der 6. C. A. keinen großen Einfluss, und meine Macht wird allzusehr überschätzt. Es giebt noch einen zweiten Punkt in der Rede des Herrn Nordau, mit dem ich vollkommen einverstanden bin, nämlich, dass man sich niemals auf Wohlthäter verfassen soll. Wenn die J. C. A., welche nichts Künstliches in Palästina schaffen will, sich weigert, für die Tagelöhner etwas zu thun — kann denn das Judenthum nicht selbst die Angelegenheit dieser Taglöhner in die Hand nehmen? Wo sind denn die Zionisten mit ihren nach Hunderltausenden zählenden Anhängern? Vermag der Zionismus denn nicht einige Hundert Tagelöhner als Colonisten unterzubringen? Wo bleibt denn da seine große Macht? Wenn die J. C. A. nichts thun will oder nichts thun kann, muss denn dann Alles zu Grunde gehen? Ich war der Mitarbeiter des Baron Rothschild von der ersten Stunde an und kenne besser als irgend Jemand die wahre Sachlage. Ich kann Ihnen nur sagen, dass er seine Tage und seine Nächte der Colonisation Palästina's gewidmet hat. Körperlich sehr angegriffen, fragte er sich, was nach seinem Tode aus der Colonisation werden soll. Und da brachte er das schwere Opfer, dass er Alles der J. C. A. abtrat. Da er jedoch die ihm theuere Sache nicht ganz aufgeben wollte, bestand er darauf, dass ein besonderes Comite eingesetzt werde, in welches ich als Mitglied eintrat, aus dem ich aber, bald wieder ausgetreten bin, da ich die leider nothwendig gewordenen strengen Maßnahmen nicht billigen konnte. Und dennoch gebe ich Ihnen die Versicherung: Die Rettung der jüdischen Colonien Palästina's wird von der J. C. A. kommen. Die J. C. A. vergeudet die zum Nutzen und Frommen des jüdischen Volkes bestimmten Gelder nicht. Sie allein wird die für die Existenz der jüdischen Colonien erforderliche Grundlage schaffen können. Einige Opfer müssen jedoch von beiden Seiten: gebracht werden. Die Colonisten haben nicht genügend Land, und der döse Wille der Regierung hindert uns daran, neue Ländereien zu kaufen. Es müssen daher einige scharfe Maßregeln ergriffen werden. Derjenige, der