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Die Wahrheit · 1901-03-29 · Heft 13 (29.3.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 13. Die Wahrheit. Seite 5. schwankte täglich zwischen 400—500. Aber 'diese Wohlthat soll sich nicht nur ans die kleinen Kinder in den Volksschulen beschränken, auch die Bespeisung der armen Mittelschüler und privater Lernbegieriger, welche sich privatim für irgend eine Mittelschule vorbereiten, ist überaus nothwendig. Selbstverständlich müssen die erwachsenen Schüler entsprechend große Fleischportionen, ebenso auch genügend Brod.bekommen, um Sättigung auf 6 bis 8 Stunden zu erlangen. Dr. Vierer. Das jüdische Museum in Wien. Am 16. d. M. hielt der Präsident der Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums, Herr Baurath Stiassny, in einer Plenarversammlung der Oesterr.-Jsrael. Union und vor einem zahlreichen, gebildeten Publicum einen Vortrag über die Sammlungen dieser Gesellschaft, das „Jüdische Museum". In neuer Zeit besteht die Tendenz, Museen für spezielle wissenschaftliche Fächer, für höhere Kunst (Malerei, Plastik), oder für das Knnstgewerbe anznlegen. Dem gegenüber hat das Museum schon bei seiner Gründung einen universellen Character erhalten. Es soll eine Vereinigung von Product en des gesummten geistigen und künstlerischen Schaffens der Juden und des Judenthums von alten Zeiten bis auf die Gegenwart werden. Dieser Anforderung entsprechen, wenn auch noch in bescheidenen Grenzen, die Sammlungen des „Jüdischen Museums" bereits gegenwärtig. Nachdem Redner eine kurze Darstellung der ans das Jahr 1892 zurückgreifenden Entstehungsgeschichte der Gesellschaft gegeben, beschrieb er die Hauptkategorien der gesammelten Objecte. In erster Linie sind es Gegenstände der Kunst und des, Kunstgewerbes. Das Museum besitzt eine große Anzahl von künstlerischen Darstellungen nach der heiligen Schrift in Kupferstichen, Radirnngen und in anderen Reproductionsmethoden, welche an sich künstlerischen Wert besitzen und dem Beschauer Anregungen der verschiedenst.'n Art gewähren, sodann eine große Anzahl von Darstellungen aus dem religiösen und bürgerlichen Leben der Juden, von französischen, deutschen und holländischen Künstlern herrührend, ferner über 200 Porträts von historisch denkwürdigen und berühmten Juden, und die meisten dieser Darstellungen besitzen auch besonderen Wert durch den Künstler, von welchem sie verfertigt wurden. Hieran reiht sich eine Anzahl von Büsten und Porträt-Medaillons von jüdischen Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Unter den egenständen für den rituellen Gebrauch befinden sich mehrere Kunstwerke, welche ihre Entstehung jüdischen Künstlern verdanken. Redner weift auf Seder-Schüsseln aus Majolika und Fayence hin, von welchen mehrere von Mitgliedern der Familie Azulai, u. z. zu ganz verschiedenen Zeiten (1530—1730) und an verschiedenen Orten Italiens (Padua, Pesaro, Faenza) verfertigt wurden. Zu diesen Kategorien gehören die zahlreichen Menora's aus Bronce und Silber, die Sederschüsseln aus Zinn, getrieben und reichverziert, die Gewürzbüchsen aus edlen Metallen, Schofar mit^reicher Qrnamentierung, u. a. m. Ein reicher Silberpokal, eine Widmung des Cultusvorstandes an den verewigten Prediger I. N. Mannheimer, welcher dem Museum erst vor wenigen Tagen durch den Wiener Juwelier, Herrn Adolph Jonas, zum Geschenk gemacht, wurde wurde von der Versammlung bewundert. Die Gesellschaft war in der glücklichen Lage, die Herausgabe der berühmten Hagada von Sarajevo zu subventioniren. Sie besitzt aber außerdem künstlerische Reproductionen von zahlreichen Illustrationen aus diesem Kunstwerke, die von der Künstlerhand Fleischers angefertigt, von dem kunstsinnigen Cultusvorsteher, Herrn Salo Cohn erworben und sodann dem Museum zum Geschenke gemacht wurden. Auch diese zur Ausstellung gebrachten Tableaus fanden lebhaften Beifall der Anwesenden. Das Museum bewahrt in pietätvoller Weise Handschriften, Correspondenzen, Reliquien von berühmten Persönlichkeiten auf; zu diesen Männern zählen: L. A. Frankl, Adolf Jellinek, I. N. Mannheimer, Salomon Sulzer in Wien, Löw in Szegedin, Schwab in Budapest, u. a. Die Sammlungen sind in steter erfreulicher Zunahme, aus allen Theilen der Welt kommen dem Museum Geschenke, vielfach von anonymen Gebern, zu. Schon lange fitib die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichend zur Unterbringung der vielen Kunstschätze und zur Aufnahme der überaus zahlreichen Besucher, welche sich allwöchentlich daselbst einfinden. Als weitere Ausgaben der Gesellschaft bezeichnet Redner die Herausgabe eines neuen Kataloges der bereits gegen 2000 Nummern umfassenden Sammlungen, wenn möglich, mit Illustrationen versehen; ferner die Verfassung und Evidenzhaltung eitler Statistik der Juden, die Errichtung einer Lesehalle, und die bereits in das erste Programm der Gesellschaft aufgenommene Erforschung des Heiligen Landes. Dazu find aber vor Allem größere Geldmittel erforderlich, als sie heute der Gesellschaft zur Verfügung stehen. Dankend erwähtlt Redner der Subvention und der moralischen Unterstützung, deren sich die Gesellschaft von Seite des Cultusvorstandes zu erfreuen' hat, und bittet zuletzt die „Union" und die Anwesenden, in ihren Kreisen für den Beitritt neuer Mitglieder thälig zu sein. Die Versammlung folgte den Ausführungen des Redners mit lebhaftem Interesse und dankte demselben mit anhaltendem Beifalle. _ Das Stiefkind. Im Leben der Menschen treten gar oft mit elementarer Gewalt unvorhergesehene und unerwartete Veränderungen und Erscheinungen ein, die um so verheerender wirke», weil kein Staubgeborener die Macht und ^bie Kraft besitzt, das Unheil abzuwenden, oder unschädlich zu machen. Zll deir schrecklichsten Vorfällen gehört unstreitig die eisige Hand des Todes, dieses Gewaltigsten aller Erdengewalten! Geht der Too auf Beute aus und raubt er die theure Mutter dem zarten Kinde, so erhält dasselbe nach längerer oder kürzerer Zeitdauer Ersatz an einer Frauengestalt, der es den süßen Namen „Mutter!" geben darf, ja geben muss! . . Und das Kind, das in den meisten Fällen beklagenswerthe Kind, ist nun ein Stiefkind geworden. . . Arg genug solch' ein Fall; um so schlimmer aber ist es, wenn die eigene, die natürliche Mutter ihr mit ihrem Herzblute genährtes Kind lieblos von sich stoßt und ihm das wenig beneidenswerthe Los eines Stiefkindes vor aller Welt bereitet. Bor der fremden Mutter gibt es gar oft, ja in den meisten Fällen, Schutz .bei theilnehmendeu Leuten; gegen die eigene Mutter gibt's keinerlei Remedium, weil Menschen aus Fleisch und Blut nicht zu dem Glauben sich Hinneigen könnet!, dass die Mutter ihr Kind, dem sie das Leben gegeben, herzlos zu behandeln vermag. Und doch soll dies schon vorgekommen sein und noch vorkommen. So wie im Einzelleben, so auch im Leben der Gemeinde. Die große Jsraelitengemeinde in Wien hat zwei Haupttempel, den Stadttempel und den Tempel in der Leopoldstadt. Das sind ihre Kinder, denen sie als gute Mutter gleiche Liebe entgegenbringt. Da gibt es keinerlei Privilegien, keine Bevorzugungen, aber auch keine Zurücksetzungen. Der hochehrenwerthe Vorstand dieser jüdischen Gemeinde hat einen Turnus eingesührt, nach welchem die hochangesehenen Herren vom Vorstande abwechselnd in den beiden Gotteshäusern ihren Ehrendienst verrichten, was — wenn auch selbstverständlich — doch immerhin lobenswerth ist. Nun, wie ift's damit in und bei der Pester israel. Religionsgemeinde bestellt? Denkbar schlecht! Auch sie besitzt zwei Haupttempel, den großen Tempel in der Tabakgasse, woselbst Orgelton und Choralgesang hörbar wird, und die Synagoge, ein Bijou der Baukunst, woselbst Chorgesang ohne Orgelklang zu vernehmen ist. Letztere ist ohne jegliches Verschulden, ohne irgend einen plausiblen Grund zum Stiefkinds der Gemeinde herabgewürdigt worden und einzig und allein nur darum, weil es Sr. Gestrengen dem Cultuschef, Samuel ‘ Deutsch, so beliebt.

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