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Die Wahrheit · 1901-03-29 · Heft 13 (29.3.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Serie 4. Die Wahrheit Nr. 13. war, zum Regiernngsjubiläum unseres erhabenen Monarchen im Operntheater durch Schauspieler des Burgtheaters ausgesührt zu werden, das jedoch durch das tragische Ereignis in Gens, das alle Festesfreude verstummen machte, nicht zur Aufführung gelangte. Das Festspiel hat zur Tendenz, durch Vorführung einiger Scenen und Episoden aus der politischen und Herrscher- Geschichte Oesterreichs, welche Rudolf von Habsburg von der Zukunft im Traume gezeigt werden, die wachsende Größe des Hauses Habsburg zur Anschauung zu bringen, und klingt in eine Huldigung von Oesterreichs Völkern, die dem geliebten Kaiser dargebracht wird, aus. Herr von Sonnenthal mochte wohl gefühlt haben, dass die Wahl dieser Dichtung für einen Vortrag an diesem Ort und so lange nach dem Ereignis, für das das Festspiel bestimmt war, einer Erklärung bedürfe, und er glaubte sie damit zu Heben, dass er dem Festspiel bleibenden poetischen Wert vindicirte und meinte, jeder Tag und jede Gelegenheit seien geeignet, dem geliebten Monarchen zu huldigen, und dass er deshalb hoffe, die Dichtung werde auch in diesem Kreise patriotischen Widerhall finden. Wir wollen über die Berechtigung dieser Argumente mit dem gefeierten Künstler nicht rechten, denn wir halten es nicht dieses Ortes, durch eine eingehende Besprechung des Festspiels zu zeigen, dass es bei aller Schönheit und aller Würdigung seiner edlen patriotischen Tendenz auf selbständige» poetischen Werth keinen -solchen Anspruch erhebe» könne, dass es losgelöst von der festlichen ^Veranlassung, für die es verfasst wurde, als Dichterwerk wirken müsse. Wir wollen auch davon absehen, dass das .Festspiel zur Wirkung den seenischeu Apparat, Musik, Tanz, große Aufzüge, Buntheit der historischen Costume u. a m. zur nothwendigen Voraussetzung hat und schon an sich zum Vortrag nicht besonders geeignet erscheint. Allein, darüber ließe sich vielleicht streiten. Darüber jedoch kann kein Zweifel sein, dass die Wahl dieses Festspiels für einen Vortrag im Rahmen eines Cyclus von Vorlesungen dieser Gesellschaft eine Verkennung der Zwecke und Ziele der Gesellschaft verräh. Und wir können uns nicht genug wundern, dass das Curatorium, das doch in erster Linie berufen ist, sich über Ziel und Zweck der Gesellschaft klar zu sein und sie in Ollen Veranstaltungen zum Ausdruck zu bringen, das Unpassende des Vortrages nicht erkannt oder, wenn dies der Fall war, nicht seine Einwendung dagegen erhoben hat. Unseres Erachtens muss das Curatorium, wenn es ernst genommen werden und das Interesse immer weiterer Kreise für seine Bestrebungen gewinnen will, stets darauf bedacht sein, 1>ass die Vorträge diesen Bestrebungen angepasst seien. Ob die Vortragenden ihren Aufgaben gerecht werden, liegt nicht in seiner Macht — aber für die Wahl der Themen ist das Curatorium -verantwortlich; daher gilt unser Vorwurf für den misglückten letzten Vortrag nicht dem geschätzten Künstler, sondern dem Curatorium. Denn darüber kann kein Zweifel sein, dass auch die Dichtungen, die etwa im Vortrags-Cyclus unserer Gesellschaft zum Vortrag gebracht werden sollen, in erster Linie, was den Inhalt betrifft, mindestens aber, was die Person des Dichters anlangt, zur Gesellschaft und zu ihren Bestrebungen in einem inneren Verhältnis stehen rnüsseu. Und an solchen poetischen Werken fehlt es nicht, und diese Bedingungen erfüllten die früheren Vorlesungen Sonnenthals in diesem Kreise. Der Umstand allein, dass der Vortragende nicht nur ein hervorragender jüdischer Künstler, auf den das Judenthum mit Recht stolz ist und der es zu Ehren bringt, sondern auch Vice- Präfident des Curatoriums ist, kann nicht die Flagge sein, die jede Waare deckt. Da nun „Des Kaisers Tranm" weder, was Len Autor anlangt, noch, was das Sujet betrifft, irgend ein Verhältnis zur Sache hat, die die Gesellschaft vertritt, müssen wir die Wahl dieser Dichtung bei aller Anerkennung ihrer Patriotischen Gesinnung, die bei den Juden Oesterreichs gewiss und jederzeit den herzlichsten Widerhall findet, zu dessen Weckung 6$ febodf} des Vortrags eines für einen bestimmten Anlass Wrchteten Festspieles nicht bedarf, als gänzlich deplacirt bezeichnen. Und da Zielbewusstsein die erste Anforderung ist, die man an jede Vereinigung, die ein ernstes Ziel verfolgt, stellen muss glaubten wir mit unserer sachlichen Kritik, die nur vom regsten Eifer geleitet ist, den Bestrebungen der Gesellschaft zu dienen, nicht zurückhalten zu sollen. Die Schule, die ich meine, n. ließet* den Schlussabsatz meines ersten Artikels, welcher in eine Art Apotheose der Melamdim ausklang, höre ich im, Geiste wohl kichern, und vielleicht mancher, der nicht auf den lahmen und gebrechlichen Holzbänken des Cheders gesessen ist, wird mir den Vorwurf entgegenhalten, dass ich mit einem ästhetischen Defect behaftet, an dem alten Schmutz Gefallen finde. Und doch mit Unrecht. Ich verstehe unter jenem Worte das Wesen eines jüdischen Lehrers, welcher sein Lehramt als ein gottgefälliges Werk zü betrachten gewohnt war, dem er mit seinem Behelfer (Belfer) oft zehn Stunden täglich obzuliegen Pflegte, wobei er sein eigenes Ich mehr als nöthig außer Acht ließ. Man kann wohl darüber streiten, ob die Methode auch richtig war, welche den Lehrer-Melamed zum Eintrichtern des Unterrichtsgegenstandes verhielt und ihn für das Erfassen oderUNichterfassen des Borgetragenen verantwortlich machte, oder ob jenes modernere akademische System, welches den Lehrer zum Vortragen, den Schüler zum Selbstlernen anhält, für die allein zseeligmachende zu halten sei. Aber immerhin muss constatirt werden, dass die jetzigen Instructionen den Schulmännern, besonders in den Elementar- und Bürgerschnlen, die Vorschrift ertheilen, dass der Lehrer sein Hanptangenmerk darauf zu richten habe, .den vorgetrageneu Gegenstand den Kindern möglichst mundgerecht beizubringeu, ganz nach nach Art des uralten jüdischen Systems. Unser Melamed hat auch noch das eine vor manchem selbst jüdischen Assimilationslehrer voraus, dass er nicht seinen Schülern schon in ihrer frühesten Jugend die jüdischen Satzungen' von Koscher und Trefe als absurd erklärt und ihnen praktisch das Genießen rituell verbotener Speisen demonstrirt. Jndess gebricht es mir nicht an hygienischem Sinn, die jüdische Schule in allen ihren Stücken den Anforderungen der Jetztzeit, und besonders der modernen Hygiene entsprechend auszugestalten. Vom jüdischen Standpunkte aus würde ich zunächst die Reinlichkeit des Lehrers wie des Schülers als das erste Gebot der jüdischen Neuschule hinstellen, respective dem Lehrkörper die Directive ertheilen, seine jüdischen Schäfchen täglich vor dem Unterrichte betreffs der Sauberkeit des Körpers und der Reinlichkeit der Kleidung zu mustern und nach dieser Richtung strenge Aufsicht zu halten. Im Weiteren sollte jede jüdische Gemeinde Vorsorge treffen, ihre Schulen in Winter- und Sommerlocalitäten unterzubringen. Ich erachte es von sanitärem Standpunkte augezeigt, dass für die Sommermonate der Unterricht in Gärten, unter Zelten, oder in Pavillons ertheilt werde. Das Athmen in reiner, sauerstoffreicher, frischer Luft wird das Wachsthum der Kinder befördern, ihre Athmungsorgane kräftigen, wobei kalte Bäder, körperliche Uebuugen, Schwimmen und Turnen eine.geistig und leiblich gesunde Generation hervorzaubern und den mephitischen, mikrobenreichen Getthoismus aus unseren Körpern austreiben werden. Eine derartige jüdische Schule bedarf dann keiner Vacance zur Erholung der Lehrer und Schüler, und beide würden dann selbst in den heißesten Monaten functionsfähig sein. Noch einer ebenso wichtigen wie nothwendigen Vorbedingung für das gedeihliche Wirten der Schulen, die ich meine, sei hier erwähnt, es ist dies gewissermaßen das substantielle Princip,an welchem gleichfalls feftgehalten werden muss. Beide, Lehrer und Schüler, dürfe» nicht hungerig an die Arbeit des Geistes gehen, und die diesbezügliche Sorge für das Lehrpersonal wie für die Kinder ärmerer Eltern hat der jeweilige Cultusvorstand zu übernehmen. Es sei mir bei dieser Gelegenheit gestattet hervorzuben, dass der Lemberger israel. Cultusvorstand den ganzen Winter hindurch die armen Schulkinder mit nahrhafter Mittagskost verpflegte, und die Zähl der Pfleglinge

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