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Die Wahrheit · 1901-03-22 · Heft 12 (22.3.1901) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 12 (22.3.1901)
Date
1901-03-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.- imgcu\ Kcrrrtoren-Aeitung. Nr. 12. Meitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Offener Grief und dringende Litte an den Vorstand der Orsterr.-ungar. Cantoren-Vereines in Men. (Schluss.) Dies Alles und noch Manches mehr habe ich in der beregten Artikelserie des Breiten und Ausführlichen perlustrirt. Es gereicht miir zur Genugthuung, dass ich da meiner ganzen Mitcollegenschaft so recht aus dem Herzen gesprochen habe. Mehrere Anzeichen sprechen auch dafür, dass die Winke und Rathschläge zur allmähligeu Behebung der allerdrückendsten Staudesmiseren, die ich in Nr. 35 des Jahrganges 1900 der „Wahrheit" in etwa zwölf Punkten zusammengefasst, Anklang bei allen Berufsgenossen gefundeit haben. Nun gilt es, sie in größtmöglichem Maßstabe zu popularisiren, um sie auch jener großen Eollegeumasse des Heimatlandes, welche unser geschätztes Fachorgan „Die Wahrheit", vielleicht auch ein anderes facheinschlägiges Pressorgan nicht lesen, zur Kenntnis zu bringen, damit sie erfahren, dass cs hier um ihre eigensten, allernothwendigsten Lcbensinteressen sich handelt. Wer dieses Werk von der grauen Theorie in lebendige Thaten umsetzt, wer sich in dieser eminent lebenswichtigen Sache des Allcautorenthums wacker und maunesmüthig einsetzt, der wird wie Keiner vor ihm und keiner nach ihm sich ein Anrecht erwerben, zeitlebens und noch darüber hinaus in unser Aller Erinnerung sortzuleben, gleich den größten .Wohlthätern der Menschheit. Löblicher Vorstand des Oesterr.-ungar. Cantoreu-Vereines! Schon oft und oft haben Sie es bewiesen, wie sehr es Ihnen um Herzen liegt, das materielle Wohl und die wahren Lebensinteressen unserer gesummten Standesgenosseuschaft gegen Angriff und Gefährdung zu schützen und auch, wo eine Möglichkeit vorhanden war, mit Glück zu fördern. Nur ein Thor kann sich entblöden, das zu verkennen, was Sie bis nun sür uns geleistet und was Sie für unser Aller Wohlergehen noch leisten könnten, .wären wir insgesammt eines Herzens und eines Sinnes mit Ihnen. Zwei Menschenalter sind ins Meer der Ewigkeit verronnen, seitdem man daran ging, an die gottesdienstliche Function der Altchasanim die bessernde Hand zu legen. Seitdem ist es um des Cantors Kunst beiweitem besser denn einst bestellt, im Uebrigen aber, und ganz besonders im Punkte seines nackten Daseins, ist es schlimmer denn jemals geworden. Die Aemtercumulirung in der Person des jeweiligen Cantors ist ein fortgesetzt zunehmender Brauch der Cultusgemeinden geworden, allbeliebt auf der einen und bestgehasst aus der anderen Seite. Man kennt die Logik dieser realistisch durchaus gerechtfertigten Thatsache; man kennt sie und rechnet mit ihr, aber man verrechnet sich. „Viel meloostes, wenig Vroches" ist beim Jndenthum ein ebenso, populäres Sprichwort, wie der rabbinische Grundsatz: „tokaoto merudo, Io tokasto." Sollten sie beiden vom Neujudenthum außer Cours gesetzt, oder gar ins alte Eisen geworfen worden sein? Fast scheint es so. Wie käme es denn sonst, dass man vom kleinstädtischen Cantor der Jetztzeit das zu verlangen wagt, was nur drei oder vier Cultusfuuctionäre in zufriedenstellender Weise leisten können. Daran liegt's, und alle krankhaften Erscheinungen des modernen Cantorenthums sind, richtig diagnostieirt, auf dieses eine Uebel zurückzuführen. Hier kann und wird es hinfort nur Getäuschte und Enttäuschte geben. Tief bedauerlich ist es nur, dass wir allein den Schaden haben und auch den Jammer, während die Gemeinden es leichten Herzens verwinden, wenn sie heute dem und morgen jenem den Stuhl vor die Thüre setzen. Was thut's am Ende, dass man dabei sein bischen Jndenthum riskirt, den Hohn und Spott der christlicheil Mitbrüder ganz unnöthigerweise heraussordert, die vorbildlich gewordene, historisch geheiligte Religionsceremsnie der Juden immer mehr und immer ärger dadurch in Misscredit bringt? Man stirbt nicht daran und kömmt obendrein billig weg dabei. Das liegt so sehr im Zuge der Zeit, dass selbst gutsituirte, des heiligen Ernstes ihrer Culturaufgabe sich vollbewusste Gemeinden nicht davon abzubringen sind, von dieser beklagenswerthen Fehlbahn des ewigen Experimentireus Umgang zu nehmen. Aus diesem Thatbestand der Gegenwart, dessen Vorhandensein wir Eantoren wissentlich oder nicht mitverschuldet haben, sollen wir eine Lehre für die Zukunft ziehen. Haben wir der Noth Thür und Thor eigenhändig geöffnet, dass wir ihrer kaum uns noch erwehren können, waren wir bis nun taub und blind gegen jene Art der Menschenentrechtung, welche in unserem Anstellungs- und Probevortragswesen, in dem beispiellosen Abhängigkeitsverhältnisse jedes Einzelgenossen beredten Ansdruck findet, so müssen wir uns endlich zu dem festen Entschlüsse aufraffen, jener Welt, die uns bis allher auf Gnade und Ungnade sich ausgeliefert wähnte, zu zeigen, dass wir Männer sind, keine Memmen, arbeilsfrohe, im Dienste Gottes ein Cultusamt verrichtende Menschen, und keine Parias, die Alles, Alles, selbst das noch so Erniedrigende um des lieben Brodes willen sich gefallen lassen müssen. Das wissen Alle, das kennen Alle, das fühlen Alle, jeder in seiner Art, in seinem Wirkungskreis, ob er gleich eine Zeit lang sich des Glückes, der Ruhe und Volksgnnst erfreut, oder ob er von Bedrängnissen, von Härten und Tücken aller Art umtobt wird. Hätte ich's nicht schon wiederholt gesagt, ich schrie es laut in alle Ohren: Unser Unglück ist unsere Zerrissenheit, die völlige Zerklüftung nach Innen, der gänzliche Verständnismangel zur Wahrung und Pflege des Associationsgedankens und die mit ihm innigstverknüpften Lebensbedingungen der Standesgesammtheir. Soll es so weitergehen? Sollen wir dem Verfalle, dem drohenden Untergang und der gänzlichen Vernichtung Alles dessen, was dem jüdischen Cantorenthum sich widmet, kalten Blutes Zusehen und nach wie vor im Nichtsthun verharren? Es gibt eine Sprache, die Alle verstehen, die alle capiren im polyglotten Oesterreich. Es ist der Hunger, die Noth, die Schande und das Joch der beschämend willenlosen Abhängigkeit. An Ihnen ist es nun, sehr geehrter Vorstand des Cantoren-Vereines, Wandel zu schaffen in dieser tiestranrigen Standeslage! Wenn Sie handelnd, lhätig und wirksam in dieser vitalsten Genossenschaftsfrage eiugreifen, so haben Sie sicherlich das Beste vorgekehrt, das Aeußerste geleistet, was Collegen für Eollegen je zu thun im Stande waren. Just gegenwärtig winkt Ihnen die größte Popularität im ganzen Eantoreuvolke, jene Volksthümlichkeit, nach der Sie wie alle sonstigen Volksvereine begreifliches Verlangen tragen. Sie ist billig zu haben; sie kostet nur etliche Hundert Stück Drucksorten sammt Porto und Schreibmühe. Diesen Obolus können Sie umso leichter opfern, da er anderweitig mit Zinsen und Zinsenszinsen einbringbar zu machen fein wird. Zu diesem Behnfe bedarf es zunächst eines im leichtverständlichen Volksstyl gehaltenen Aufrufes, dessen Erlassung und Verfassung Ihnen dadurch erleichtert werden wird, rvenn Sie meine in Nr. 35 der vorjährigen „Wahrheit" diesbezüglich gemachten Vorschläge genau und mit kritischem Kennerblick durchmustert haben. Ihr geschätzter Secretär, Herr Dr. Löwy, wird wohl in der Lage sein, Ihnen das Gewünschte aus dem redactionellen Vorrath der „Wahrheit" beizustellen. Prüfen Sie gut, prüfen Sie gründlich, denn auch ich bin uur ein Mensch, der das Gute will, dabei aber fehlbar wie jeder Sterbliche sein kann. Berathen Sie es reiflich im Schoße Ihres Plenums, was davon als bleibendes Substrat festzuhalten fei und was Sie davon als Ungeeignetes werden auszufcheideu haben. Sie

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