Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Seire 8. Die Wahrheit. schlicßuug. aus der Gesellschajt^bedeute, wir werden aber diesen Carcasmus rasch überwinden, sobald wir aus freiem Antriebe die jüdischen Kinder in unsere eigenen Lehranstalten schicken, und uns klar" zum Bewusstsein kommen wird, dass diese Schulen die Heim- und Pslanzstätten unseres Volksthums bilden, woselbst es vor Vernichtung bewahrt witd. Zn diesen jüdischen Schulen wird auch die Zuneigung der Kinder zu einander geweckt und dadurch die Möglichkeit geboten werden, die alte Solidarität und Gemeinbürgschast schon in die zarten Kinderherzen einzupflanzen. Und eine der vornehmsten Aufgaben der jetzigen Generation ist es ja, einen Nachwuchs zu schaffen, welcher zunächst ein gutes Pfund Liebe zu seinen Brüdern und Schwestern besitzt. Die Liebe der nichtjüdischen Umgebung macht sich von selbst — und wird adäquat sein der Behandlungswelse, die wir von außer erfahren. Bei der Errichtung von jüdischen Schulen stehen uns daher gegenüber den materiellen Opfern große Vortheile, ja, die wichtigsten Nutzeffecte in Aussicht. Wir gewimren zunächst die Lernenden, dann schaffen wir eine große Classe Lehrender, die uns leider abgeht. Wir gewinnen wieder jene zehntausenden Melamdimsamilien, welche von ehrlichem Berufe lebten, einem Der nie, dem sie so ansopserungsvoll anhingen, bis sie von der christlichen Gesellschaft verdrängt werden. Dr. Vierer. (Fortsetzung folgt.) Gemeinde- und Vereinsbote. Wie«. Donnerstag den 2.. d. beging der Vorstand und die Mitglieder der Wiener israelitischen Cultusgemeinde die Feier des 75jährigen Bestandes der Synagoge in der Seitenstättengasse. Obwol die Abhaltung einer besonderen Festlichkeit aus diesem Anlasse nicht in Aussicht genommen war, so erscheint doch dieser Tag geeignet, derjenigen Persönlichkeiten zu gedenken, die im Jahre 1826 an der Spitze der an Zahl nur kleinen Wiener Gemeinde standen. Es waren dies der Großhändler und Hosjuwelier M. L. Biedermann und der durch sein humanitäres Wirken ausgezeichnete Industrielle Isaak Löw Hofmann v. Hosmannsthal. Die Functionen waren dem 1825 aus Berlin berufenen Prediger I. N. Mannheimer übertragen, während der liturgische Theil dem nachmals zu großem Ruhme gelangten Reorganisator des Synagogengesanges, Profeffor Salomon Sulzer, der inr Jahre 1826 von Hohenems nach Wien berufen worden ist, auvertraut wurde. An die Zeit der Einweihung mahnen nur mehr die Paramente, von welchen das von Baron Eskeles gespendete am Jubiläumstage die Synagoge zierte; die anderen derartigen Objecte, unter denen sich auch der prachtvolle, von Wiener Damen dem Prediger I. N. Mannheimer verehrte Teppich befindet, gelangen im Jüdischen Museum, I., Rathhausstraße 13, zur Ausstellung, welches Samstag jeder Woche von 11 bis 1 Uhr Mittags zur Besichtigung geöffnet ist. Wie«. (Oesterreichisch-JsraelitischeUnio n.) Vor einem zahlreichen und den besten Kreisen angehörenden Publikum hielt Samstag den 16. d. Herr Baurath Wilhelm Stiaßny einen überaus fesselnden Vortrag über das „Museum für jüdische Denkmäler". In glänzender , zuweilen durch humoristische Aperous gewürzter Diction schilderte der illustre Vortragende die Entstehung des Museums und bot in übersichtlicher Giuppirung ein Bild von den reichen Schätzen, über welche dieses einzige und eigenartige Institut in Folge der Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen aus aller Welt verfügt. Heer Baurath Stiaßny hatte sich die Mühe nicht verdrießen lassen, eine Reihe werthvoller Objecte in den Vortragssaal zu schaffen und sie dem Auditorium vvrzuführen. Es war dies insbesondere eine Reihe kunstvollec Nachbildungen aus der Hagada von Sarajewo, von der Meisterhand Max Fleischcr's im Austrage des kunstsinnigen Banquiers Salo Cohn gemalt, ferner ein zu Ehren des 70. Geburtstages Jsak Noe Mannheimer's von der israelitischen Cultusgemeinde gewidmeter Pokal, ein Prachtstück kunstgewerblicher Technik, eine aus dem Anfänge des 16. Jahrhunderts stammende Bibel und ein von der Kaiserin Maria Theresia ausgestellter Schutzbries mit deren eigenhändiger Unterschrift. Reicher Beifall lohnte die trefflichen Ausführungen des Redners. An den Vortrag schloss sich ein gemeinsames Mahl, bei welchem Vicepräsident Profeffor Ehrmann die Verdienste Stiaßny's um jüdische Kunst und jüdisches Wesen in einem geistvollen Trinkspruch feierte. Rabbiner Dr. Sor hielt einen sehr ernF gehaltenen Trinkspruch auf Baurath Stiaßny Und die ,/Union". Geistvoll und apologetisch markirte er die Stellung der Kunst' in der mosaischen Lehre und besonders im Kunstgewerbe: „Meisterhafte Weisheit des- Herzens" bekundet eine „Fülle vom Geiste Gottes", haben wir in unserem Wochenabschnitte gelesen. Er kam weiter auf Weckung Und Wahrung des jüdischen Geistes im Herzen unserer Jugend . . . Wir Alle sind Denkmäler des Judenthums." Diese Ausführungen erregten eine kleine Debatte und ernteten allseitige Anerkennung. Präsident kais. Rath Ruzicka kennzeichnete die Aufgabe der „Union" und gab der Hoffnung Ausdruck, dass in dem angestrebten jüdischen Vereinshause auch dem jüdischen Museum ein würdiges Heim erstehen werde. Wien. Der jüdische Schulverein im 10. Bezirke, der sich die hehre Aufgabe gestellt hat, jüdische Geschichte und Litteratur zu lehren und zu pflegen, was er auch durch unentgeltlichen Unterricht an 250 Kindern bethätigt, hat es auch versucht, während der Wintersaison einmal im Monate populär-wissenschaftliche Vortragsabende für Erwachsene abzuhalten. Mit Befriedigung kann der Verein constatiren, dass speciell in dieser Saison der Besuch ein besonders guter war, und sieht sich dev Vorstand verpflichtet, die Vorträge der Herren Rabbiner Dr. Löwy, Dr.. M. L. Mandel, Dr. Julius Max Bach, Dr. E. H., Kaufmann (Virovitica, Slavonien), welche sich in uneigennützigster Weise unseren Bestrebungen zur Verfügung stellten, rühmlich hervorzuheben und ihnen auf diesem Wege unseren besten Dank abzustatten. Für den Vorstand: Jacob S. Straßberg, Obmann, S. Knöpfelmacher, Schriftführer. Aertin. (Z um Jud en t a g.) Das in der Delegirten-Conferenz vom 26. Februar gewählte vorbereitende Comite hatte die Vertreterder Corporationen und Großgemeinden zu einer erneuten Sitzung auf Sonntag den 3. März nach Berlin eingeladen. Rur wenige Gemeinden hatten diese Conserenz beschickt, so hatten die Berliner, Breslauer und' Posener u. a. von der Delegirung ganz Abstand genommen. Außer den leitenden Personen waren nur wenige Herren erschienen, insgesammt 17, darunter aus Süddeutschland der Vertreter von Frankfurt a. M.^ Philipp Schiff, und der Vereinigung badischer Israeliten, Stadt- und Conferenz-Rabbiner Dr. Appel-Carlsruhe, von politischen Persönlichkeiten der Landtagsabgeordneter Dr. Wolff, zugleich als Repräsentanten-Vorsteher seiner Gemeinde Liffa (Posen). Nur dem Eintreten des Abg. Wolff, sowie der beiden süddeutschen Herren und des Vertreters des „Centralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", Herrn Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs-Berlin, gelang es, noch einmal die Idee eines „Judentags", wenn auch in einer anderen als in der ursprünglich von Herrn Prof. Philippson geplanten Form zu retten. Die bisherige Art der Agitation für denselben von zionistischer Seite gelangte zu ausgiebiger Besprechung und bot den Gegnern des „Judentags" Stoff zu unliebsamen Auseinandersetzungen. Nach mehrstündiger Debatte wurde > folgender Antrag des Justizraths Breslauer (Berlin) angenoin neu? „Ein Entwurf des geschäftsführenden Ausschusses ist einer neuen Versammlung zur Beschlussfassung zu unterbreiten. Bis dahin ist der Anschluss derjenigen Organisationen zu erstreben, welche sich bis jetzt nicht erklärt oder sich ablehnend verhalten haben." Dafür stimmten 15 Delegirte, 1 dagegen, 1 enthielt sich der Abstimmung. Zu einer Durchberathung des Statuts war die Stimmung nicht mehr vorhanden . Von anderer Seite wird berichtet: Die vorwöchentliche Mittheilung über die am 3. d. M. hier stattgehabte Zusammenkunft von Vertretern der Gemeinden und Corporationen bedarf in mehreren Punkten der Berichtigung. So z. B. hat der Vorstand der Berliner jüdischem Gemeinde die Theilnahme keinesfalls abgelehnt, vielmehr sein Mitglied Herrn Martin Simon delegirt, welcher in der Conferenz constatirte, dass der Vorstand einer Zusammenfassung der Organisationen durchaus sympathisch gegenüberstehe. Allerdings hatte Herr Simon gegen den vorgelegten Statuten-Entwurf einige principielle Einwendungen, welche jedoch allseitig als berechtigt anerkannt wurden und mit dazu beitrugen, dass der geschästsführende Ausschuss beauftragt wurde, andere Satzungen auszuarbeiten und einer beabsichtigten späteren Versammlung vorzulegen . Zuvor soll der Versuch erneuert werden, diejenigen Gemeinden und Corporationen, welche ihren Anschluss an die geplante Organisation abgelehnt oder nicht erklärt haben, dafür zu gewinnen. Das Projekt des „Judentages" begegnete auch in dieser Zusammenkunft so nachdrücklichem Widerspruch, dass dasselbe als endgilttig gescheitert gelten kann. Angesichts dieses Ergebnisses zweier Vorbesprechungen darf zu-! versichtlich gehofft werden, dass die Männer, welche seit vielen Monaten ihre werthvollc Kraft mit. selbstloser Aufopferung und Energie in den Dienst dieser aussichtslosen Propaganda stellen, ihre bewährte Hilfssreudigkeit wieder dringenderen und aussichtsreicheren Bestrebungen zuwenden werden.