Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1901-03-22 · Heft 12 (22.3.1901) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 12 (22.3.1901)
Date
1901-03-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063062-3063074--01268-3067843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 12. brauchen mir gegenüber keinerlei Rücksicht walten zu lassen; nur der Sache, nur ihr allein mag damit geholfen sein. Sie und ich, vielleicht manch Anderer auch, können der Zukunft kecklich trotzen, brauchen die Zukunft nicht zu fürchten; imb darum ist es unsere Pflicht, für die Großmenge der leidenden Mitgeuoffen brüderlich einzustehen, uns Jener anznnehmen, die da führen ein Leben voller Sorgen, ein Leben von heut' auf morgen. Nicht Prahlsucht. noch Nennomisterci haben mir diesen offenen Brief in die Feder dictirt; derlei Geflunker reizt mich schon lauge nicht mehr. In mir spricht das reinste Menschengewissen und aus mir die Stimme Hunderter, die ungefragt und ungeklagt nach Hilfe heischen, nach ein wenig Sonnenschein, nach endlicher Gewährung des aUerbefcheidensten Menschenglückes. Wohl gehört das zu den Amtsobliegenheiten nicht, die Sie als Vorstand, als executives Organ eines rein der Wohlthat geweihten Vereines ihm gegenüber zu erfüllen haben — das sei aufrichtig und wahrheitsgemäß eingestandeu. Hier geht es indess um weit Höheres als um ein alltägliches Vorstandsgefchäft. Es gilt der Wohlfahrt A er förderlich zu sein, dem Liebesdienste Jener sich zu weihen, die Mitgenossen und keine Vereinsglicder sind! Hier muss von starker Hand die Initiative ergriffen werden, von Männern mit scharfsichtigem Weitblicke, mit gereistem Sachverständnis, die wohl wissen, wo uns der Schuh am empfindlichsten drückt. Wohlan denn, meine Herren, frisch an's Werk! Gelingt's, so haben Sie Großes vollbracht, das Schwerste, was in dieser Brudersache zu vollbringen war. Gelingt es nicht, so haben Sie es sonnenklar gezeigt, dass Sie Ihr Bestes zu Gunsten der gesammten heimischen Cantorenwelt eingesetzt haben, ohne damit zu reussiren, dass Sie von ihr veikanut und missverstanden worden sind, dass diese Collegenmenge stupid und zu unverständig war, die ihr dargereichte Retterhaud herzhaft zu ergreifen. Dann ist das Cantorenthmn Oesterreich-Ungarns nicht Werth, dass man seiner in Nolh und Elend sich annimmt. Versuchen Sie es immerhin, diese collegenfrenndliche Sinnesäußerung klar und wahr durch Thaten zu bekunden. Sie wird Ihnen und der löblichen Vcreinsleitnng nnbedingl zur Ehre gereichen. Ein Verleugnung, ein Widerruf von irgend welcher Standesseite ist gänzlich ausgeschlossen. Zeuge dessen ist dieses offene Schreiben. Ich richte es an Sie, hochgeehrter Herr Vorstand, im Namen Hunderter von Mitcollegcn mit der dringenden Bitte, den darin zum Ansdruck gebrachten Wunsch des Gesamnucantoremhums in nächster Bälde erfüllen zu wollen. Genehmigen Sie, geehrter Vorstand, den Ausdruck unserer höchsten Wertschätzung, mit welchem zeichnet im Namen Aller Ihr allezeit ergebener Isidor Schwarz. L i u z, Mitte März 1901. verschiedene Aachrichte». Wie«. Am letzten Sabbath versah im Ottakringer Tempel Herr Ton Fuchs die Functionen des ersten Cantors, Herr Julius Smotritzky jene des zweiten Cantors. Die klangvolle, jugendlich-frische Tenorstimme und der prachtvolle Vortrag des ersten Cantors Fuchs kamen zur besten Geltung und eroberten ihm rasch die Sympathien der Zuhörer' Cantor Smotritzky erzielte durch seine schöne, Verständnisrcnd würdevolle Vortragsweise glei chfalls einen vollen Erfolg. Lobende Erwähnung verdient auch das Männerquartett, welches unter der bewährten Leitung des Herrn Porinoj Treffliches leistet. Bei diesem Anlasse hatten wir neuerdings Gelegenheit, die hervorragende rednerische Begabung des Herrn Rabbiners Dr. Bach zu bewundern. Auch im Fünfhauser Tempel versah der neuangestellte Cantor Schleifer letzten Freitag beim Abendgottesdicnste zum ersten Male die Functionen des zweiten Cantors, und seine glänzenden Stimmmittel brachten ihm allgemeinen, vollen Beifall. Während des Gottesdienstes soll aber der Bethausvorstand eine Verfügung getroffen h«ben, die, falls die Sache sich so verhält, wie uns mitgetheilt wird, entschieden Missbilligung verdient. Die Auftheilung der Functionen zwischen den beiden Cantoren ist ja im Allgemeinen in ihren Dienfiesvorschristen enthalten, wenn aber der Vorstand einmal ausnahmsweise eine Aenderung plant, so muss die diesbezügliche Verfügung vor und nicht während des Gottesdienstes erfolgen. Men. Am 17. d. fand die Verlobung des Fräulein Hermine K ö n i g s b e r g e r, Tochter des Armenrathes und Secretärs des Bethausvorstandes der Wiener Cultusgemeinde, Herrn Nathan Königsberger, mit Herrn Ludwig R o t h m ü l l e r aus Budapest statt. Der verstorbene Vater des Bräutigams war der bekannte Fabrikant S. Rothmüller. Bei der Verlobung waren u. A. anwesend: der! Secretär der Cultusgemeinde kais. Rath Dr. Lieben fammt Frau Gemalin, AmtSvorstand Wiener sammt Familie, Obercantor Bauer, Obercantor Gutmann, Secretär-Stellvertreter Dr. Adler, Amtsvorstand Bäcker und viele Freunde und Verwandte. Wie«. (Litte r. Geselligkeitsverein jüd. Mädchen „Moria.") Sonntag, den 17. März hielt Herr Berth. Feiwel, wie wir irrthümlicher Weise berichteten, keinen Vortrag, sondern Frl. Rosa Kollmann sprach über „Altjüdische Armenpflege" anknüpfend an bic- Bibel. Referentin ist uns durch ihre vortrefflichen Vorträge längst bekannt und gab wieder einen neuen Beweis ihrer Rednergabe. Sieerntete von den zahlreich versammelten Gästen und Mitgliedern reichlichen Beifall. A. H. Krems. Am 26 d. M, feiert der Obercantor der israel. Cultusgemeinde in Krems, Herr Salomon S i l b e r m a n n, ein Doppeljubiläuni: sein 2öjähriges Cantorjubiläum und das Fest seiner silbernen Hochzeit. In Tarnov fungirte er ununterbrochen 6 Jahre, führte dort die Orgel ein und bildete einen vortrefflichen Chor heran. In gleicher Weise 8 Jahre in Kremsir. Dort entfaltete er eine große Thätigkeit. Fünf Jahre wirkt er nun in der hiesigen Gemende als Obercantor, und segensreich und fruchtbringend ist sein Wirken. In kurzer Zeit waren junge Leute in den jüdischen Gesängen herangebildet, so dass heute die schönsten Gesänge mit Orgelbegleitung im Tempel zu hören sind. Möge es dem wackeren Jubilar noch lange gegönnt sein, zum Wohle seiner Gemeinde zu wirken. Nyitra-Iaötonicz. Am 12. d. hat im Hause des Großgrundbesitzers Herrn Sigmund Kaufmann die Hochzeit seiner Tochter mit Herrn Berthold Tauber, Sohn des Herrn Rabbiners Dr. Tauberaus Belovar, stattgefunden. Zahlreiche Verwandte und Freunde strömten herbei, um das Fest zu verherrlichen. Es war aber auch im wahren Sinne des Wortes eine Szuda schel-Mizwoh. Genussreiche Momente bereiteten den Anwesenden die gediegenen Reden der Herren Rabbinen Tauber-Belovar, Rabbiner Marmorstein-Szenicz und Herrn R. Meier Stein aus Tyrnau. Die Trauung vollzog der Vater des Bräutigam. Zur gesanglichen Function wurde Cantor Löwy aus Szenicz beruser. München. Se. kgl. Hoheit der Prinz-Regent hat den Rabbinern des Königsreichs Baiern die Auszeichnung zutheil werden lassen, anlässlich seines 80. Geburtstages eine Deputation derselben, bestehend aus den Herrn Rabbiner Dr. Werner-München und Dr. Cohn-Jchenhausen, in Audienz zu empfangen und eine Huldigungs-Adresse entgegenzunehmen. Herr Dr. Werner überreichte mit einer Ansprache die Adresse, woraus Herr Dr. Cohn den üblichen Segensspruch verrichtete. Es war wahrhaft erhebend, mit welchem Wohlwollen der Prinz-Regent die Abordnung der Rabbiner begrüßte, und mit welcher Herzlichkeit derselbe die Adresse entgegennahm. Die Herren Dr. Werner und Dr. Cohn hatten auch die Ehre, zur Hoftasel eingeladen zu werden. — Zu einer wahrhaft imposanten Kundgebung gestaltete sich der Festgottesdienst, welcher am 12. d. Vormittags die Gemeinde in der glanzvoll erleuchteten, im Blumenschmücke prangenden Synagoge vereinigte. Vier Vertreter der städtischen Behörden hatten sich in Amtstracht, sämmtliche jüdische Beamte in Uniform eingefunden. Die Feier wurde durch den machtvoll wirkenden^ für die Veranstaltung von Herrn Prof. Haffelbeck componirten Psalm 21 eröffnet, den Herr Obercantor Em. Kirschner unter Mitwirkung des von Herrn Cantor Frei vortrefflich geleiteten Chors zu meisterhaftem Vortrag brachte. Den ersten Vers des Psalms legte Herr Rabbiner Dr. Werner seiner von patriotischem Schwung und heiliger Begeisterung durch-, glühten Festpredigt zu Grunde. Gemüth und Geist, so führte Redner aus, haben sich verbunden, um heute auch in allen Gotteshäusern des gesammten schönen Baierlandes den Erlauchten zu feiern, der neben sa vielen mannigfachen Tugenden und seltenen Vorzügen den höchsten Schatz,, ein ans 2^ sein eigen nenne, der soeben wieder seinen Wahlspruch: „Das Gemeinwohl ist höchstes Gesetz" durch Niederschrift bekräftigt habe. Ihm gelten die Gebete, die mit gleicher Innigkeit aus den Herzen von Millionen getreuer Unterthanen ohne Unterschied der gesellschaftlichen Stellung, der politischen Parteirichtung und auch ohne Unterschied des Bekenntniffes zu denr einig-einzigen Vater aller Menschen emporsteigen- Anknüpsend an die Legende vom König David, an dessen Bett eine. Harfe hing, deren Seiten in der Nacht von selbst zu tönen begannen und die wundersanisten Melodien hervorzauberten, schloss der Rednerseine mächtig wirkende Rede mit dem Hinweise, dass das Volksgemüthjener von selbst erklingenden Harfe gleiche: Nicht weil es soll, sondern weil es aus innerstem Antriebe will, jubele heute Baiern's Volk seinem. Regenten entgegen, und all dieser Jubel töne aus in die Worte: §s«ltt HauieUch! Mit dem vom Chor vortrefflich gesungenen, ebenfalls von Herrn Professor Hasselbeck für die Feier componirten Psalm 72, der in die Prinz-Regenten-Hymne ausklang, fand die großartige Veranstaltung, ihren wirkungsvollen Abschluss.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.