Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Die Wahrheit. Seite 7. ^ehen immer aus schweren Kämpfen hervor, und wenn wir jetzt wieder an die Behörde mit einer Aenderung der Wahlordnung Herantreten, so müsste sie mit Recht meinen, dass die Cultusgemeinde eine Stätte ewigen Kampfes und Unfriedens sei. Es wurde auch, trotzdem wir eine große jüdische Journalistik besitzen, in letzter Leit nirgends der Wunsch nach Aenderung der Wahlordnung 'ausgesprochen. Herr Ritter'v. Tausstg hat aber etwas zu scharf den Unterschied zwischen den höher- und niederbesteuerten Schichten gezeichnet und zur Meinung verleitet, als würden jene, die nichts besitzen, keine Begeisterung für das Judeathum empfinden. Das ist nicht richtig. Die Wahlreform ist keine politische Frage, aber sei dem wie immer, ist es heute nicht opportun, in eine Erörterung derselben einzugehen, und ohne meiner Ansicht über die Wahlreform zu präjudiziren, beantrage ich über die Anträge zur Tagesordnung überzugehen. Nach einem Schlussworte der Antragsteller, Ellbogen und Gewitsch, wird zur Abstimmung geschritten und der Antrag Dr. Spitzer auf Uebergang zur Tagesordnung mit allen gegen'zwei Stimmen angenommeu. Cultusvorsteher R o s n e r beantragt en bloc Annahme des Elaborates des Comite. Kais. Rath Wilhelm P o l l a k: Um in der vorgerückten Stunde die Durchdringung der Statuten-Aenderung nicht vielleicht zu stören, ziehe ich meinen Antrag zurück, da mir sowol der Herr Referent, als der Herr Vorsitzende die Zusicherung gegeben haben, dass der Antrag bei Schaffung der Geschäfts-Ordnung weitgehendste Berückstchtigung finden werde. Die Anträge des Comites gelangen sodann en bloo zur einstimmigen Annahme. Der Vorsitzende dankt dem Obmanne und dem Referenten für ihre erfolgreiche Arbeit und schließt die öffentliche Plenarsitzung. In der hierauf folgenden vertraulichen Sitzung wurde die Verleihung der Dr. Adolf Sack'sschen Herz- und Aortae Krankenstiftung vorgenommen. Die Schule, die ich meine. In überaus feinfühliger Erkenntnis dessen, was zeitgemäß ist, hat .Die Wahrheit" vor Kurzem die Errichtung jüdischer Mittelschulen zur Discussion gestellt, und der gegebenen Anregung Folge leistend, haben zwei hervorragende Fachmänner zu dieser brennende» Frage der Erziehung und Bildung der jüdischen Jugend in jüdischen Lehranstalten das Wort ergriffen. Man wuss natürlich diese Initiative der geehrten Redaction dieses Blattes freudigst begrüßen, zumal gerade jetzt für alle Fragen, welche das jüdische Gemeinwohl berühren, ein lebhaftes Interesse sich kund gibt. Früher oder später muss die Erziehungsjrage aus der ganzen Linie entbrennen, und dann wird nicht nur der Schulmann, sondern auch der Laie zur Feder greifen, um die Frage eingehend zu behandeln. Wie erzieht der Jude sein Kind zum Judenthum? Oder mit anderen Worten: Wie müssen die Kinder geschult werden, dass sie mitten in der Brandung der anderen Nationen, Inmitten der vielen fremden, entjudaisirenden Einflüsse unentwegt bei ihrem Volke stehen, nicht wanken und nicht weichen, weder nach links oder nach rechts? Gerade die vierzig Jahre, welche unser Volk gewandert ist in der Wüste der Assimilation, haben es den Epigonen klar gemacht, dass mit der Frage des Unterrichtes das Judenthum aufs Engste verbunden ist, dass mit derselben die jüdischnationale und jüdischreligiöse Existenz stehe und falle. Man wird es hoffentlich dem Schreiber dieser Zeilen Nachsehen, wenn er als Laie in die Gemeinde der schulmännischen Fachleute einbricht, um auch seine Ansicht über die jüdischen Schulen vernehmen zu lassen. Freilich nicht zum ersten Male, denn schon in früheren Jahren nahm die Frage der jüdischen Erziehung mein Denken und Fühlen ein. Der Verein „Schomer Israel" in Lemberg, gegründet 1867, gab mir Gelegenheit, mich mit den großen Fragen unseres Volkes zu befassen, und damals schyn wollten wir eine Mittelschule in Lemberg errichten, welche gleichzeitig als höhere Mufter-Talmudschule dienen sollte. Leider wurde dieser Gedanke in einer Generalversammlung des genannten Vereines mit einer Majorität von 3 Stimmen, wobei die Vertreter der fälschlich genannten Orthodoxe» den Ausschlag gaben, verworfen; er fiel auch ein zweites Mal beim ersten jüdischen Gemeindetage in Lemberg. Doch vor meinem inneren Forum konnte diese Angelegenheit niemals fallen. Zahlreiche Refus, welche ich mir seitens der Redactionen der jüdischen Blätter holte, haben mir die Hoffnung nicht geraubt, dass das von unserem Volke so arg vernachlässigte Schulwesen sich einmal, beachris hajomim, in die vorderste Reihe drängen und daun seine Lösung finden werde. Und so erachte ich jetzt den Moment gekommen, um meine Stellung zur jüdischen Schule, welche ich bereits in der Confereuz der Zionisten in Philippopel vor 3 Jahren einnahm, näher zu präcifiren. Die Frage der Errichtung von jüdischen Mittelschulen erscheint mir ivie ein Eckstein, herausgerissen aus meinein Bauwerke, das erst aufzuführen ist. Wir Juden können uns ja dessen rühme», dass wir vollständig organistrte Schulen mit Ober- und Unterklasse» seit tausend und noch mehr Jahren besaßen, allenfalls die ältesten Schulen unter allen Cullurnationen. Dass dieselben in schlechten, gesundheitsabträglicheu Räumen untergebracht wurden, das lag ja nicht im jüdischen Lehrsysteme, sondern in den schrecklichen Berhältnißen, unter welchen unser Volk zu schmachten verdainmt war. Allerdings waren die Cheder schlecht uutergebracht, aber waren denn die Wohnungen der einzelnen Stammesgenossen im Ghetto aller Staaten Europas besser? Absichtlich wurden ja den Juden die sumpfigsten und niedrigsten Stadttheile angewiesen, die engsten Räumlichkeiten zugemesfen, damit ihre physische Kraft degenerirt. ihr Leib rasch und noch beim Leben verwüstet werde. Die Absperrung von Licht und Suft hat ja dieses unser altberühmtes Heldenvolk zu Pygmäen gemacht. Allein unseren Geist, unsere geistigen Waffen konnten uns die Feinde aller oorangegaugenen zweitausend Jahre »licht nehmen. Dieser im Cheder geborene Geist hat sich zu alle»l Zeiten als der brennende Dornbusch der finaitischcn Gotteslehre bewährt, welche unser Volk in allen Wandlungen tausendjähriger Geschichte unversehrt erhielt. Was wir aber heutzutage in den Reihen unseres Volkes nach der Emancipation vom Cheder autreffen, muss jedem aufrichtigen Juden tiefen Schmerz und trostlosen Kummer bereiten. Es ist, als wollte das Judenthum überall außer Rand und Band gerathen, darum erscheint mir, so sehr ich auch der Errichtung von jüdischen Mittelschulen das Wort geredet habe und es stets thun werde, zunächst die Errichtung von Spiel- und Volksschulen tu allen jüdischen Gemeinden nothwendig. Man darf ja nicht vergessen, wie in der Pflanzenwelt nur der Frühling die geeignete Zeit der Anpflanzung für die ganze Natur ist, wie der leise und warme Hauch genügt, um neues Leben heraussprießen und wachsen zu lassen, so bilden die Kinderjahre den Frühling, welcher für den geistigen und physischen Ausbau des Menschenthiercheus zum Menschen verwerthet werden muss. Diesen Frühling nützt die christliche Schulverwaltung aus, um den taufenden zarten jüdischen Kindlein die Liebe zum Christenthum einzuimpfen, und der Samenwurf gedeiht um so üppiger, als die jüdischen Elt.ru ihnen das Judenthum und seine heilige Lehre theils gar nicht, oder höchstens nur in stark abgeschwächter Dosis zuführen lassen. Ich fühle wohl, dass diese Ansicht „Zurück zur jüdischen Schule!" sofort tausende Gegner Hervorrufen wird. Die große Schaar der Assimilanten, die Utilitarier, bamij die religiös Indifferenten und schließlich die modernen Fortschrittsjudeu, sie werden alle dagegen Protest erheben. Allein, wir wollen für diejenigen das Wort ergreifen, welche dem Judenthllme noch zugänglich sind; die Spekulanten werden stets dem irdischen Bortheile, dem verblüffenden Momenterfolge nachjagen, und mit diesen ist jede Auseinandersetzung unmöglich. Natürlich wird auch das Argument ins Treffe» geführt werden, dass^die Separirung der Kinder nach Religionsbekenntnißen eine selbstauL-