Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063074--01263-3067838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Di* Wahrheit. Seite ö. Nr. 12. tegenheiten, auf welche Redner anspielt, zu kennen, sie scheinen ihm weder geeignet, zu den vorgebrachten Klagen Anlass zu geben, noch die Erregung des Redners zu rechtstrtigen. College Pollak sei genügend parlameiltarisch geschult, um zu wissen, dass es nicht angeht, in öffentlicher Sitzung allgemeine Verdächtigungen zu erheben. Er müsse den Redner bitten, bei der Sache zu bleiben, und wenn er auch die Redefreiheit so weit als möglich zu währen bestrebt sei, wäre er nicht in der Lage, den Redner in dieser Weise weiter sprechen zu lassen. Kais. Rath Wilhelm Pollak: Der Herr Vorsitzende hat Recht, wenn er mir eine gewisse Erregung anmerkt, diese ist aber gerechtfertigt durch die vorhin erwähnten Vorgänge, die mir von verschiedenen Mitgliedern gemeldet wurden und die ich genau erhoben habe. Dieselben beziehen sich in erster Lillie nicht aus den vom Herrn Präsidenten vermutheten Vorfall. Wenn der Herr Präsident glaubt, ich hätte die Angelegenheiten tu der letzten vertraulichen Sitzung Vordringen sollen, so erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass dieselben erst seit damals vorge-! kommen sind.! Dr. Spitzer: Ich erkläre schon jetzt, dass ich für das > Elaborat stimmen werde, sehe mich aber trotzdem veranlasst, einige Bedenken vorzubringen. Dass das Statut reformbedürftig ist, wird niemand bestreiten können, und dies um so tveniger, als ja henie schon Comilös bestehen. Die Anschauung des Herrn kaif. Rath Wilhelm Pollak. dass der Cultusvorstand depossedirt wird, ist nicht richtig, es kommt in den Reformen eher die Ollmipolcnz des Vorstandes zum Ausdrucke. Erstens bleibt es sein freier Wille, gewisse Agenden anderen Organen zu übertragen, und dann kann er sie ja jederzeit wieder zurückzieheu. Bei all dem bin ich aber noch nicht überzeugt, ob wir wirklich den Sprnrrg ins Ungewisse machen müssen. Vielleicht würde mau mit beu Sektionen das Gleiche erreichen, wenn man sie ebenfalls ernennen und mit dem Beschlussfassungsrechre ausstatten würde. Unbedingt nothwendig ist es aber, dass kein schriftlicher Verkehr zwischen den einzelnen Organen stattfinde, und die Obmänner der Commiisionell müssen das Recht haben, im Plenum oder im Vertreter-Collegium mündlich Vortrag zu erstatten. Nur dadurch kann eine rasche Geschäftsabwicklung herbeigeführt werden. Trotz der vorgebrachten Bedenken werde ich für die Verwaltungsreform stimmen, weil ich sie überhaupt nicht all zu tragisch nehme, denn die Form erscheint mir Nebensache und Hauptsache die Thätigkeit; ich werde auch dafür stimmen, weil die Beschlussfassung über die gottesdienstlichen und religiösen Fragen einzig und allein dem Cnltnsvorstande Vorbehalten ist und keine Gefahr besteht, dass durch Beschlüsse der Commissionen j die religiöse Üeberzeugung der Gemeindemitglieder nach der! einen oder anderen Richtung verletzt werden könnte.! Wilhelm K u f f n e r : Es ist mir nicht klar, was Herr! kais. Rath Pollak mit seiner erregten Auseinandersetzung bej zweckte. Hat er gegen oder für die Statutenänderung gesprochen? i Er befürchtet, dass die Machtvollkommenheit des Vorstandes! beschränkt werde. Das ist gar nicht richtig, denn es steht ja in > seinem Belieben, Agenden abzugebeu oder nicht. Zum Schlüsse j hat Herr kais. Rath Pollak einen Antrag gestellt, der mir unj bedeutend erscheint. Was in demselben enthalten ist, gehört nicht j in die Statuten, sondern in die Geschäftsordnung. Ganz ent-! schieden muss ich mich aber gegen jenen Theil der Aussührungen i wenden, die von einem Gegensatz zwischen den alten und neuen j Vorstandsmitgliedern sprachen und so klangen, als ob die letzteren! das Vertreter-Collegium occuviren wollten. Die Vorwürfe gegen ( das Bureau sind deplacirt und überhaupt ist es unklug, die j Jngerenz des Bureaus auf die Geschäftsgebahrung zu reduciren. j Ritter v. T a u s s i g : Es kommt mir vor, dass die heutige Debatte auf falschen Voraussetzungen geführt wird. Die Frage ist die: Soll das Statut einer Aenderung unterzogen werden oder nicht? Das2 Jemand für die Beibehaltung des gegenwärtigen Zustandes ist, kann ich nicht glauben, denn die jetzige Gebahrung bewegt sich außerhalb des Statutes. Der Gedanke der Aenderung ist nun der, dass in Zukunft der Vorstand, ohne eine Statutenänderung vornehmen zu müssen, die Geschäftsführung jeweilig so einrichtet, wie es ihm gutdünkt. Das Statut mit obligatorischen' Bestimmungen über die Geschäftsführung anzusüllen, ist nicht zweckmäßig. Dieses Gestrüpps das die gegenwärtigen Statuten enthalten, muss binweggeraumt werden, um dem Vorstände freie Hand zu verschaffen. Alle Bemerkungen, die in der Debatte über uachtheilige Folgen der künftigen Organisation gemacht wurden, sinv heute nicht acruell. Wir wissen ja noch gar nicht, welche Organisation der Vorstanbfür die richtige halten wird. Das zu besprechen, wird dann Gelegenheit sein, wenn wir uns mit der Frage der positiven- Organisation beschäftigen werde,!. Um die Reform zu beschleunigen,, hat das Comits mit gutem Grunde und einstimmig beschlossen,, die innere Organisation von den übrigen Stattttenändernngen zu trennen^ weil wir das Gefühl hatten, dass wir gegenwärtig außerhalb des Statuts und gegen dasselbe arbeiten. Damit nun die Oesfenllichkeit nicht über die Tenoenz der Aenderung in Zweifel sei, muss ich betonen, dass wir durch dieselbe uns nicht nur auf legalen Boden stellen, sondern auch eine Aenderung der Geschäftsführung herbeisühren wollen. Es ist aber keine Entlastung des Cultusvorstandes, sondern nur eine Verschiebung der Angelegenheiten, die ihn beschäftigen. Die Erfahrungen der letzten Wochen haben uns ja gelehrt, dass sich fast die ganze Thätigkeit des Vorstandes durch die Behandlung inferiorer Dinge erschöpft wird. Ist es nun zweckmäßig, durch derartige Formalitäten die Bedeutung einer so großen Körperschaft zu vegradiren. Durch die Uebertragttug der minderwichtigen Dinge wird die Seriosität nnd- Sachlichkeit der Verhandlungen und hiemit die Autorität des Eultnsvorstandes gehoben, und es ist geradezu im Interesse der Bedeutung desselben gelegen, die vorgeschlagenen lAenderungen zu acceptireri. Ich kann auch den Standpunkt des Misstrauens gegen sich selbst nicht billigen, der in der Debatte dadurch;n Tage trat, dass man die Befürchtung ansiprach, der Vorstand werde mit dem Recht der Uebertragnng einzelner Agenden Missbrauch treiben. Das ist absolut anrichtig. Entweder ist der Vorstand nrtheilssähig genug, dann wird er auch ganz gut wissen, in welchem Falle eine Uebertraguug statt;,lstnden hat und in welchem Falle nicht; ist er aber seiner Ausgabe nicht gewachsen, dann wird auch mit der Statutenänderung nicht viel erreicht werden. Ich glaube, dass man sich mit Gespensterseherei abqnält, wl> doch nichts anderes bezweckt wird, als dem Vorstande freie Hans zu schaffen. Es muss aber betont werden, mir der Aenderung wird nur die Möglichkeit geboten, die Geschäfte möglichst einfach und rasch zu erledigen, es liegt aber in derselben noch rächt die sichere Gewähr einer Besserung des Geschäfrsgebahrens. Mit Lappalien, deren Erledigung jeder geringbesoldete Beamte besorgen konnte, consumirl jetzt der Vorstand seine ganze Begeisterung für das Iudenthum. Derartige Verhältnisse sinb unhaltbar, das Gestrüpp muss ansgejätet werden. das den Vorstand an der Entfaltung einer rvirklich ersprießlichen Thätigkeit hindert. Das und nichts anderes wird heute mit der Statutenänderung bezweckt, alle Details der Organisation sind für eine spätere Zeit Vorbehalten. Vorsitzender Viceprästdent Dr. K o h u conftatiir zur- Richtigstellnng, dass der Vorstand niemals gegen das Statut gearbeitet habe. (Zwischenrufe: Außerhalb des Statutes.) Kais. Rath Wilhelm Pollak: Es scheint, als iei ich von den sehr geehrten Herren Vorrednern vollständig missverstanden worden. Ich bin nicht gegen die Statnten-Aendernng, da ich, wie schon bemerkt, bereits vor 10 Jahren hiefür genannt habe; ich wünsche nur, dass Cantelen gegen WillkürUchkeilen, wie diese vorzukommen pstegen, geichassen werden und dass nichts verfügt werden könne, ohne den Vorstand painrr zu haben. Aach liegt es mir ferne, wie Herr College Knffner missverständlich meint, einen Gegensatz zwischen alten uub neuen Cultus-Vorständen in meinen Anssührungen auch nur andeuten z»t wollen. Ich bin glücklich, nochmals conftatiren zri können, dass man so schätzenswerte, arbeilssreudige Mitglieder in den Vorstand bekommen habe, wie man dies von der höchstbesteuerten Curie gar nicht erwarten konnte.