Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Hesterr.-ungar. Gantoren-Aeitung. Hr. 11. Beilage zur Zeitschrift „Me Wahrheit." 21. Iahrg. -Offener Brief und dringende Bitte an den Vorhand des Oesterr.-ung. Cantoren-Vereines in Wie«. Im Frühsommer des Jahres 1900 war an dieser Stelle Wieder einmal zum so und sovieltenmale ein scheinbar aus Standeskreisen in Böhmen herrührendes Sendschreiben zn lesen, dem ich mehr als sonst mein Augenmerk zuzuwenden glauben musste. -Ein ungenannt sein wollender College hat in demselben versucht, alte Lieder in neuen Tönen anzustimmen. Orgelpunkt und Scala dieses so beschaffenen Sanges wiesen durchwegs ein wehanüthiges Moll auf. Im oantus Lrmuo wechselten lauter Urgestalteu miteinander ab, die man schon kennt, wenn man ihrer unsichtig wird, oder sie auch nur mit Namen erwähnen hört. Sie umtanzten uns in Hexenhafter Grausigkeit all die autoch- Ihoncn Schreckbilder der cantoralen Amtsthätigkeit; die Standes- Mel und Standesgebrechen, die wider Gewohnheit und Vernunft sich bei uns eingebürgert; unsere geringwertihge Socialstellung, unsere Hilflosigkeit, bei jeder neuen Art der Vergewaltigung, die man straflos uns gegenüber sich herauszunehmen wagt — Hier waren sie der Reihe nach aufgezählt, hier standen sie Glied an Glied, durch drastische Beispiele aus allerjüngster Zeit neubelebt, vor unseren leibhaftigen Augen. Wäre es nur dies allein und nichts anderes gewesen, mich hätte, offen gestanden, diese alte Jeremiadezkalt gelassen, so kalt wie -Einen, der durch jahrzehntlanges Anhören derselben sinnesstumpf und hartherzig geworden. Allein da war mehr als ein bloßes Lamento herauszuhören. Der Herr Anonymus mochte es instinctmäßig gefühlt haben, dass es gar seltsamlich und abgeschmackt sei, mit Rührscenen, die echolos verklingen und gleichsam in "Nichts verdämmern, Stimmung machen zu wollen. Er entsan» sich eines Besseren und spielte den Berather. Und siehe da! was -er uns räth, ist einfach und klug, praktisch und gut, ebenso vernünftig als selbstverständlich, und nur darum verwunderlich, Lass wir bis zum Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts haben Warten müssen, bis die rettende Formel, das richtige Heilserum -für den kranken Organismus der Standesbrüder von einem "Mitcollegen gesunden wurde. Tie Jncarnation dieser Weisheitslehre gipfelt in dem Grundsätze: „Wir sollen das Bitten, das völlig nutzlos sich bis «nun erwies, hübsch bleiben lassen, und statt dessen uns aufs Fordern verlegen. Und da es zum Fordern einer Drohmiene bedarf, ein gewisses Etwas, das Einen recht inponirt, so thäten wir wohl daran, uns in allen Haupterfordernissen der gemeinsamen Standesinteressen wie Ein Mann solidarisch zu erklären, Einer für Alle und Alle für Einem kraftvoll einstehend." Das nennen sie allerwärts und auch hierzulande: Organisation. „Organisiren wir uns!" meinte der Aufsatzschreiber, und schrieb es als Aufschrift an der Spitze seines Aufsatzes. Man sollte meinen, dass, wer so weise zu rathen weiß, es auch sicherlich versteht, wie man derlei nützliche Rathschläge praktisch ins Werk zu setzen habe. Der gute College, der so schicklich und glücklich anhub, hat sich in lauten Anklagen wider seine Peiniger ergangen, ins Weinen begeben und darüber an Lie Hauptsache, an die sachliche Durchführung seines guten Vorschlages vergessen; und das ist schade, jammerschade! Vermuthlich 'ist ihm gleich vielen Anderen was Menschliches passirt, ihm ist die Rede im Schwalle der Rede durchgegangen, durchgeblitzt mit allen ihren Pointen und Schlusseffecten, und wir, die das Ende mit Spannung abgewartet, wissen heute gerade so viel wir -gestern. Es ist im Allgemeinen nicht rathsam, sich um die Angelegenheiten Anderer sonderlich zu bekümmern. Ich würde es auch nicht gethan haben und thät' es wahrscheinlich auch jetzt noch nicht, wenn diese Anderen Andere wären, d. h. Personen, die uus fremd sind, und Dinge, die mir ganz und gar fernliegen. Das ist indess hier nicht der Fall. Die Sache, um derentwillen ich aus meiner reservirten Haltung plötzlich ins Bordertreffeu hinüberschwenkte, ist von höchst actueller Bedeutung, reicht sie doch uns und allen Denjenigen, die von des Cantors Pflichten Brot und Obdach ziehen, bis zum Lebensnerv hinan. Wer weiß, ob uns nicht das Neuuzehner-Jahrhundert knapp vor Thorschluss das Geheimnis enthüllte, das Feldgeschrei, das uns im Laufe des zwanzigsten Säculums siegend zum Ziele führt. Dies im Geiste überschlagend, griff ich zur Feder und schrieb und schrieb .... In einer längeren Artikelserie, siehe Jahrgang 1900 Nr. 16, 19, 21, 23, 26, 27, 32 und 35 der „Wahrheit", „zur Orgauisationssrage" benannt, habe ich versucht, dieser brennenden Lebensfrage näher zu treten, dabei fast Alles streifend, was mit dem Cantorenthum in irgend welchem Zusammenhang steht. Ich habe mir da Zweierlei vor Augen gehalten: erstens, dass fürs Cantorenthum im Allgemeinen, insbesondere aber für die übergroße Zahl der stellungsuchenden und stellungnehmenden Co liegen etwas geschehen müsse, um ihre zum Himmel schreiende Nothlage nach Thunlichkeit zu mildern; zweitens, dass ihnen diese Hilfe nur von jener Collegenseite kommen könne, die mitleidig, aber nicht der leidende Theil dabei ist. Vom rein psychologischen Standpunkte betrachtet, ist diese Hilflosigkeit einer führerlosen Masse durchaus nicht befremdlich, was im Sinn des altrabbinischeu Spruches: Ln chowesch matir es azmo mibes ha-assirim gar treffend und haarscharf ausgedrückt wird. Könnte die Saudesgeuossenschaft, könnte jeder Einzelite von ihnen in des Tages Ungemach, in der jäh hereinbrechenden Brot- und Stellungsnoth sich selbftEhelfen, sie ertrügen nie und nimmer den schimpflichen Zustand, das klägliche Geschick, das da obwaltet, so wir genüthigt find, der Eine hier, der Andere dort, heute da und morgen wo anders einem Proberuf zu folgen oder gar einen neuen Posten anzutreteu. Mannesstol; und Amtsehre, über welche doch jeder ernste Mitcollege eifrige Wache hält, erleiden einen heftigen Stoß schon beim bloßen Durchlesen eines jener famosen Concurse, die mit exorbitanten Ansprüchen umsomehr sich bemerklich machen, je niedriger der Jahresgehalt und je unansehnlicher die Gemeinde ist, die aber, ob von einer großen oder kleinen Gemeinoe herstammeud, insgesammt an dem liebgewördenen Princip festhalkeu: Nur Männer unter vierzig Jahren anzusteüen und nur dem Acceptirten Spesen zu vergüten. Und nun gar, da sich einer anschickl, Einstand zu halten auf seiuem neuen Posten uitd nur noch den Vertrag zu gewärtigen hat, den die Morgen- oder Abendpost ihm sicherlich bringen wird. Was sind das für prächtige Sachen, die seiner da harren! Dienstpflichten die schwere Menge, auch solche rein fürsorglichen vorbeugenden Charakters, Rechte aber möglichst wenig, und dieses Minimum von Rechten wird noch dadurch in Frage gestellt, indem ihm fast immer eine recht nette Zahl von Einschränkung»- und Aufhebungsclauseln gegenübere stehen. Das Herz im Leibe krampst sich zusammen, wenn man bedenkt, was geschehen kann, wenn ein College von vierzig Jahren und darüber genöthigt ist, werbend um eine Cantorstelle in 36 und 3) aufzutreten neben einer Unzahl von Mit» competenten in den Altersstufen von 25 bis 35. Wer wird bevorzugt und wer beiseite geschoben? Wer? Vermuthlich der Allerjüngste, Allerfescheste, gewiss aber Derjenige, welcher mit seinem Stimmgetön selbst die Tauben zu hören bringt, ei« Ratschmaul hat zur Verblüffung Aller und die wenigsten Esser F