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Die Wahrheit · 1901-03-15 · Heft 11 (15.3.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. V. Salomo Lurja. Von Dr. M. H. Frirdländtti In keinem Lande wurde im sechzehnten Jahrhundert -mit mehr Eifer und Liebe, mit mehr Begeisterung und Enthusiasmus Las Studium des Talmud betrieben als in Polen. Die talumdischen Hochschulen Polens erfreuten sich einer ungewöhnlichen Prosperität und wurden von zahlreichen wissbegierigen Jüngern frequentirt. Diese Akademien standen in solch hohem Ansehen, Lass, so oft es galt, in irgend einer Gemeinde den vacanten Rabbinerposten neu zu besetzen, der auf denselben reflectirende Eaudidat keiner anderen Empfehlung bed.urfte, als den Nachweis, dass er ein Schüler derselben war. Die hervorragendsten Lehrer dieser Hochschulen waren Salomo Lurja, Moses Jsserls und Salomo Schachna. Letzterer war ein Schüler des seiner populistischen Methode wegen berühmten Jakob Pollak und hatte es sich gleichsam zur Aufgabe gemacht, diese damals sehr beliebte haarspaltende Lehrweise auch Äl Polen einzuführen. Die von ihm in Lublin creirte Hochschule wurde von zahlreichen Schülern, die aus allen Richtungen der Windrose herbeiströmten, besucht. Er starb im Jahre 1558. Salomo Lurja aus Posen (geb. 1510, gest. 1573) war «in mit hohen Geistesgaben reich ausgestatteter Kopf. Er zeichnete Wh besonders durch Charakterfestigkeit, Wahrheitsliebe, Uuer- Hrockenheit, Uneigennützigkeit und wahrhafte ungetrübte Frömwigkeit vortheilhast aus. Von seiner frühesten Jugend an widmete <r seine Kraft wie seine ihm von Gott verliehenen äußerst trefflichen Fähigkeiten ausschließlich dem gründlichen Studium Des Talmud und der rabbinischen Litteratur. Sein Vorbild waren die französischen Tossafisten, daher er die sophistische Lehrweise Jakob Pollaks und Schachnas entschieden perhorrescirte. ^Obwohl er, als ein Verehrer der Kabala, kein besonderer Freund philosophischer Studien war, war ihm doch jeder Aberglaube und Fanatismus tief in der Seele verhasst. Mit einer Freimüthigkeit und Rücksichtslosigkeit sondergleichen geißelte er Las Treiben der Frömmler und Heuchler seiner Zeit, wodurch «r sich selbstverständlich viele Feinde zuzog. Eines Tages wurde er von einem Talmudgelehrten gefragt, -ob denn die Hochorthodoxen, die nicht stehend, sondern sitzend Lie Gebetriemen aulegen, correct handeln? Lurja rntgegnete: „Wiste, mein lieber Freund, dass diese neuen Frömmler, die Pch als Kabalisten ersten Ranges geberden und auf den Sohar Pch stets berufen, keinen rechten Begriff von demselben haben. Mlle unsere Vorfahren haben gestützt auf den Talmnd und spätere Decisoren die Gebetriemen stets in stehender, niemals «ber in sitzender Weise angelegt. Glaube mir, dass selbst im Falle R. Simon b. Jochai hier stünde und den in Rede stehenden -Brauch uns zu octroiren beabsichtigen möchte, wir ihn dennoch »licht beachten würden, da wir ohnedies ihm in den meisten fallen keine Berücksichtigung schenken; denn müssten wir alle seine Aussprüche beobachten, so dürften wir unter keiner Bedingung wim Anlegen der Tefillin die üblichen Benedictionen sprechen, da Lies nach seinen kabalistischen, mysteriösen Anschauungen strengstens verböten ist. Ja noch mehr, seinen Principien zufolge ist jeder, der es wagt, am Halbfeste Gebetriemen anzulegen, ein Sünder, desten ungeachtet legen alle Juden — die Chassidim ausgenommen — am Halbfeste Gebetriemen an. Ich rathe dir, schließt Lurja sein diesbezügliches Gutachten, dich von diesen Frömmlern fern zu halten, damit du dich weder mit ihnen noch mit ihrem Mysticismus befreundest; diese Leutchen geberden sich als Mystiker, denen allein die Pforten der göttlichen Geheimnissen geöffnet sind, während bit; geoffenbarte, jedem Menschen rn verständlicher Weise zugänglich gemachte Thora ihnen ein terra incognita ist." (Resp. des R. S. Lurja § 98.) Ein anderes Mal wurde Lurja wieder befragt, ob es einem Kopf- Leidenden gestattet werden kann, unbedeckten Hauptes speisen zu dürfen? „Für dieses Verbot, entgegnete Lurja, finde ich nirgends «inen Anhaltspunkt. Im Midrasch, rabbah, 3. B.M. 27, heißt es wohl: Wem irgend ein König eine Gesetzordnung iu seinem Lande Verbünden lässt, wie vernehmen die Uuterthanen dieselbe? 11. Stehend entblößten Hauptes, mit Furcht, Angst und Zittern. Der Allgütige aber spricht zu Israel: Leset das Schema, das meine Gesetzordnung ist, aber ich verlange von euch nicht, dass , ihr es stehend oder mit entblößten Haupte thun müsst. Hieraus - folgt deutlich, dass unbedeckten Hauptes zu speisen oder zu beten keine Sünde ist, allein was soll ich . thün, das Volk legt auf Lappalien immer mehr Gewicht als auf die wichtigsten Satzungen." (Resp. des R. S. Lurja § 72.) R. S. Lurjas tiefe taünndischd Gelehrsamkeit fand selbst bei seinen Gegnern, die sich seiner rücksichtslosen Aeußerungen halber in ihrer Ehre und Würd'e gekränkt und verletzt fühlten, die gebührende Anerkennung. Ostrag in Wolhynien, wo er sich erst in seinem vierzigsten Lebensjahre niederließ, war der Schauplatz seiner segensreichen Thätigkeit. Seine Response» „Schaalot uteschubot," wie sein Commentar zum Talmud „Jamschel Schelomo" zeigen klar und deutlich, dass er das große, unermessliche Meer des Talmud mit äußerstgeschickter Hand zu durchsegeln im Stande war. Zu den berühmtesten Zeitgenossen Lurjas gehörte unstreitig R. Moses Jsserls in Krakau (geb. 1520, gest. 1572). Sein Vater R. Israel, der als angesehener kenntnisreicher und wohlhabender Mann das Vorsteheramt in der Krakauer Gemeinde bekleidete, ließ frühzeitig seinem reichbegabten Sohne Moses eine äußerst treffliche Erziehung angedeihen. Anfangs besuchte Moses/ nachdem er iu Krakau von gediegenen Fachmännern tüchtig vorbereitet wurde, die Hochsckule des R. Meier Katzenellenbogen in Padua, mit dem er auch verwandt war. Später bezog er die berühmte Talmudschule des R. Schalom Schachna in Lublin, dessen Schwiegersohn er geworden ist. Er stand fast noch im Jünglingsalter, als er in die Heimat znrückkehrte, wo er seiner immensen Gelehrsamkeit halber zum Rabbinatsrichter ernannt wurde. Da er in äußerst günstigen Verhältnißen lebte, so konnte er sich seinen Studien ungestört, ohne von brudFeubeit Nahrungssorgen behelligt zu werden, hingeben. In Polen wurde er bald als eine rabbinische Autorität ersten Ranges verehrt. Selbst von seinem ehemaligen Lehrer, R. Meier Katzenellenbogen in Padua, wurde er als erste talmudische Größe Polens anerkannt und gewürdigt. (Jsserls Resp. 9.) Sein Lehrhaus wurde von unzähligen wissbegierigen Schülern srequentirt, die mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Vorträgen lauschten. Trotz seiner asketischen Lebensweise und äußerst strengeil Religiosität beschäftigte er sich denn doch in seinen Musestunden mit philosophischen und astronomischen Studien, worüber ihm R. Salomo Lurja bittere Vorwürfe machte. Jsserls entschuldigte sich damit, dass er die Philosophie nicht von den Griechen in ihren Sprachen gelernt, sondern aus den Schriften wahrhaft frommer nnd streng conservativer Juden. Sein Werk „Torath haola" zeigt, dass er auf dem Gebiete der Philosophie heimlich war. Seine Anerkennungen zu Zaeuta's Chronik (Jochasin) beweisen, dass er auch historischen Siun hatte. Am meisten All klang fanden bei seinen Zeitgenossen seine praktischen Ergänzungen „Hagaoth" zu R. Josef Karo's Schulchan Aruch, die bis auf den heutigen Tag berücksichtigt und gewürdigt werden. Wie durch hohe Gelehrsamkeit zeichnete er sich auch durch nachahmungswürdige Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, Herzensgüte/ Seelenadel, Freigebigkeit und Charakterfestigkeit vortheilhast aus. Als R. Moses Jsserls am 23. Omertage des Jahres 1572 das Zeitliche gesegnet hatte, wurde sein Hinscheiden von der Krakauer Gemeinde wie von der Gesammtjudenheit, die in ihm einen ihrer würdigsten Lehrer verloren hatte, aufs innigste betrauert. Unter den unzähligen Schülern Jsserls ragte besonders hervor R. Josua Falk Kohen in Lemberg (gest. 1614), dessen Commentar zum „Choschen Mischpat," - „SepherM eirat Enajim" (Sema) genannt und zu den Turim allgemeine Anerkennung gefunden hatte. Gemeinde- ««d Vereinsbote. Me«. Sonntag, den 17. März 1901, V*ll Uhr V. M. findet eine öffentliche Plenar-Sitznng des" Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde statt. Tagesordnung: Bericht des Comite's (9) Mr bie Reform der inneren Verwaltung: Die Wahrheit.

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