Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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»n 11.* Die Wahrheit. Seite L V Mein Rath geht dahin, die Orgeln durch gut geschulte mehrstimmige Chöre zu ersetzen. So existirt z. B. in der Großgemeinde Hannover ein vorzüglicher vierstimmiger Chor ohne Orgel, der dadurch, dass durch die Bemühungen des Qbereantors Lienhardt die besten Kräfte herangezogen werden, außerordentlich Glltes leistet. Dieser Chor in Verbindung mit den hervorragenden Leistungen des Obercautors bewirkte, dass, selbst bei den modernsten Mitgliedern der Gemeinde der Gedanke an eine Orgel nicht Wurzel fassen kann. Der Gottesdienst ist hier mustergiltig, darüber sind sich Ke»lner und Nichtkenner einig. Es geht also auch ohne Orgel, ja noch bester; denn der Synagogenbesuch ist in Hannover ein recht guter, darum entfernt die Orgel, die größtentheils mehr geschadet als genützt hat! Biblische Funde. Es geschehen Zeichen und Wunder. Die Erde öffnet ihren Schoß und ein Archiv, wie es die kühnste Gelehrtenphantasie nicht zu träumen gewagt, erschließt sich dem freudetrunkenen Blicke der Forscher. Die Bibel, die arme depossedirte Bibel, welcher die Zunft der Historiker einen Platz neben den Grimmischen Märchen angewiesen hatte, sie kommt wieder zu Ehren, und zwar sind es gerade die sagenhaftesten Theile der heiligen Schrift, die fünf Bücher Mosis, welche durch die Ausgrabungen der letzten Jahre in vielen Punkten eine geradezu verblüffende Bestätigung erfahren haben. Riesenbibliotheken sind ans Tageslicht gefördert worden, Bibliotheken, zum Glück nicht aus Büchern in unserem Sinne bestehend, denn diese hätten die Jahrtausende nicht überdauert, sondern aus Ziegeln mit eingebrannter Keilschrift, und diese Ziegel, sie erzählen uns von Menschen und von Begebenheiten aus unvordenklichen Zeiten, über die uns bisher kein Geschichtsbuch zu berichten wusste oder nur die spärlichsten Andeutungen erhalten geblieben sind. Noch ist die Unmasse dieser altehrwürdigen Aufzeichnungen nicht vollständig entziffert und es wird wohl noch Jahre lang währen, bis das Riesenwerk vollbracht sein wird, aber schon aus dem bisher Erschlossenen ist uns höchst überraschende Kunde geworden, und Erzählungen, die wir für Ammenmärchen zu halten, gelehrt wurden, haben sich als historisch' erwiesen. Und! Eines hat sich als ganz sicher herausgestellt: uicht nur dass j das Alter dvs Menschengeschlechts sich aus ungezählte Taufende j ' von Jahren erstreckt, sondern es hat lange, lauge vor der Zeit, j um welche die meisten alten Völker in ihren Kosmogonien die J. Welt entstehen lassen, schon sehr entwickelte Culturen gegeben, j .welche eine mehrtausendjährige Entwicklung zur Voraussetzung! haben. In diesem Punke stehen uns manche Ueberraschnngen j bevor, wenn einmal alle jene Stätten, wo einst civilisirte Menschen gehaust, ihren Schliemann gefunden haben. Mit welcher Geringschätzung sprach und spricht man uicht noch von den Patriarchen der Bibel! Im günstigsten Falle betrachtete man sie als Personificationen, als Symbole, aber! der Naive, der da glaubte, ein Abraham habe wirklich existirt, wurde belacht und bedauert. Nun, die neuesten Ausgrabungen in^Mesopotamien, dem kulturgedüngten Lande zwischen Euphrat und Tigris, haben über die Darstellung der Genesis ein ganz neues Licht verbreitet, sie haben ergeben, dass die Stätten, deren, die heilige Schrift Erwähnung thut, vorhanden waren, dass die Begebenheiten, die sie schildert, sich wirklich zugetragcn haben. Der genannte Abraham ist nach der Angabe der Genesis als Sohn Therach's oder Tharah's in Ur zu Chaldäa geboren. Dieses Ur nun, dessen Lage die Bibel nicht präcisirt, war absolut nicht auszusigden, so dass die Gelehrten überhaupt daran zweifelten, ob es je existirt habe. Erst vor fünfzig Jahren machten Taylor und Rawlinson Entdeckungen/ welche sie zu der Annahme berechtigten, dass Ur im hohen Alterthum eine Ms an der Sonne gebrannten Ziegeln und als Mörtel dikncnd Im Erdharz erbaute Stadt am rechten Ufer des Enphrat war / ursprünglich ein Hafen des persischen Golfs, befinden sich jetzt ihre Ueberreste — in Folge der in historischer Zeit stattgehabten Verschüttung des Euphratdeltas durch Jahrhunderte lange Ablagerungen, durch welche der Euphrat ein Nebenfluß des Tjgris geworden — etwa fünfzig französische Meile» aufwärts. Ur stand unter dem Schutze des Mondgottes Sin, den man auch in Haran anbetete, wo Abraham mit seinem Vater Halt machte, als sie sich auf Befehl des Ewigen nah Kanaan begaben. Haran, an der Ost mit West verbindenden großen Handelsstraße gelegen, war eine Haltestelle für die Karawanen und ein internationaler Markt, wo die Produkte aus allen Wettgegenden ausgetauscht wurden. Die Hypothesen Taylor's und Rawlinson's waren freilich nur Hypothesen, aber diese haben durch den Dekan des Rewyorker theologischen Seminars M. E. A. Hoffman» eine glänzende Bestätigung erhalten. Dieser hat nämlich vor wenigen Wochen eine ganze Collektion von affyrischen Ziegeln und Cylindern entdeckt, deren Keilinschriften durch den Reverend Hugo Radan entziffert worden sind. Die genannten Objekte reichen bis auf dreitausend Jahre vor der Geburt Abraham's zurück. Sie gestatten die Aufstellung einer chronologischen Liste der Babylonischen Könige vor sechsundsechzig Jahrhunderten, und sie bezeugen, dass ans diesem Theile der Erde die Civilisation schon fünftausend Jahre vor der christlichen Aera ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die „Rewyorker Tafelchen", wie man diese neuesten historischen Dokumente nennt, lehren uns, dass die biblische Stadt Ur in Chaldäa am westlichen Ufer des Euphrat nächst der Einmündung des Nebenflusses Schatt-el hal gelegen war. Anfangs wenig bedeutend, gelangte sie unter dem König Luggalzagisi zu Blüthe; dieser — so heißt es in der in Ziegel gebrannten Inschrift — erhob sie wie einen Stern zum Gipfel des Himmels. Die Könige von Ur herschten auch über andere Städte. Es ist nicht bekannt, wie lange ihre Dynastie bestand, aber man weis;, dass der große König Sargon die Stadt Ur nebst vielen anderen Städten seinem Reiche einverleibte und dass sein Sobn Naram-Sin sein Eroberungswerk mit glänzendem Erfolge sorcsätzte. Dreihundert Jahre nach Sargon fiel der Thron Priesrerkönlgen zu, deren berühmtester Gudea war; dieser vergrößerte das Reich, baute Tempel, ließ in Gold-, Kupfer- und Eifenbergwerken schürfen, förderte Kunst und Wissenschaft. Dann kamen wieder die Könige von Ur an die Reihe, deren einer, Bnr-Sin II., um Zweitausendfünfhundert vor unserer Zeitrechnung den Rebellionen des Südens und den Invasionen ans dem Norden unterlag. Diese Wirren mögen Terach und seinen Sohn Abraham veranlaßt haben, Ur zu verlassen. Damals tauchte der Name Kedorlaomer's, des Königs von Elam, auf, unö derjenige Amraphel's, des Königs von Sinear, nnd mit diesen und anderen Königen hatten Abraham und seine Leute harte Kämpfe zu bestehen, in deren einem er seinen gefangen genommenen Neffen Loth befreit. Alle Herschernamen, denen wir in der. Ursage der Bibel begegnm, alle Kämpfe, die sie schildert, wir finden sie auf den assyrischen Inschriften wieder — und diese Inschriften sind authentisch, denn sie siud gleichzeitig und sind im Aufträge eben der Gewaltigen angefertigt worden, welche jene Thaten vollbracht, von denen sie der Nachwelt Kunde geben wollten. Wir dürfen allerdings Abraham nicht ausschließlich als den gutmüthigen, friedfertigen, Schafe weidenden Patriarch.ur ansehen, als welcher er ttt unserer Vorstellung lebt. Er war. was er sein musste, ein tapferer Feldherr, er war eingrweihc in die Geheimnisse der chaldäischen Wissenschaft, und wenn er dem Monotheismus huldigte, so that er dies nicht blos in Folge Eingebung oder Ueberredung, sondern aus Ueberzeuguug, die auf Nachdenken beruhte. Nicht ohne Grund hatte Jehova ihn zum „Vater einer Menge von Völkern" ausersehen; er war kraft'seiner Vorzüge und. Tugenden zum Führer der Menschheit wie prädestinirt mcher hat seine Mission auf die gläozeud'te Weife erfüllt. - - '(Schluss folgt.)