Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-ungar. Gcrntoren-Aeitung. Nr. 10. ZZeilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Altgriechische und allhebräische Musik. Die mit so großen Erwartungen begrüßte Ausführung von Resten altgriechischer Tonknrlst und alter hehräischer Gesänge, Lie Dienstag, den 26. Februar im Neuen königlichen Operntheater in Berlin stattgefunden hat, scheint allgemeine Enttäuschungen gebracht zu haben. Die Kritik ist fast einstimmig «ine ungünstige und indem sie den künstlerischen Leistungen der Solo- und Chorsänger vollste Anerkennung zollt, erklärt sie ^gleichzeitig, dass den vorgeführten musikalische» Reliquien (?) der Geist des Alterthnms fehlte. So wird zum Beispiel im „Local- Allzeiger" berichtet: „Gestern (Dienstag) wurden zu wohlthäligem Zweck unter Mitwirkung von Fräulein Bera Goldberg, der Herren Gollanin upd Brieger, sowie eines von Prof. Frendenberg dirigirten Ge- , sangschors und des Tonkunstler-Orchesters „Reste altgriechischer, .altchristlicher und alt hebräischer Gesangs mnsik" zur Ausführung gebracht. Die Sänger erschienen conümirt aus der Bühne, welche nacheinander einen griechischen Tempel, einen griechischen Hain, ein düsteres Gewölbe und einen jüdischen Tempel darstellte. In einem Geleitwort znm Progrrmm heißt es, mit dem Eoncen solle der Versuch gemacht werden, das größere Publikum für musikgeschichtliche Fragen zu interessiren. Öb baä zweckmäßig oder nothwendig ist, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls uothwendig wäre es aber, solch: Versuche in weniger fragwürdiger Form vorzunehmen, als es in dem kaum ernst zu nehmenden gestrigen Concert geschah. Gegen die an dritter Stelle stehende hebräische Musik war vielleicht am wenigsten einzuwenden. Indessen in jeder großen Synagoge hört man ebenso interessante altjüdische Musik, aber ohne das theaterhaste Um und Aus und ohne schlechte Orchesterbegleitung. Die höchst primitive altchristliche Musik hat für ein Laienpublikum nichts Fesselndes, zumal in einer so nüchternen Aufführung, wie sie gestern geboten wurde. Und was null schließlich die alten Griechen anbelangt, so wissen wir von ihrer praktischen Musik so gut wie gar nichts. Auch Herrn Professor Fleischer's eigenthümliche Spekulationen über die Harmonik der Griechen fördern uns in dieser Hinsicht nicht im Mindesten. Die aus Grund dieser Speculatiorl besorgte Harmonisirung der altgriechischen Melodiefragmente kann aber, im Verein mit der von Willy Boehme besorgten Jnstrumentirung, nur gelindes Grauen erregen. Wenn die alten Griechen wirklich solch' blutige Dilettanten waren, wenn sie in der That an solch stumpfsinnigen Musikpiecen Gefallen gefunden fanden, dann haben wir alle Ursache, ihre Musik begraben sein zu lassen. Das „größere Publikum" sollte man j auf alle Fälle damit verschonen, um so eher, als in infolge des gelehrten Mäntelchens, das die ganze Tache trägt, beim Laienpublikuln Geschmack und natürlicher künstlerischer Jnstiuct leicht unterdrückt werden und die Eitelkeit dafür an die Stelle tritt. Es ist traurig genug, dass auf so vielen Gebieten des geistigen Lebens der Gebildetheits-Dünkel sich breit macht. Mit diesem Giftpilz auf auch die musikalische Kunst zu verseuchen, ist kein rühmliches Unterfangen." Noch eingehender wird die musikalische Ausführung von ’ einem zweiten Berichterstatter behandelt, der dem eigentlichen Berichte im „Kleinen Journal" nachfolgende geschichtliche Be merkungen vorausschickt: „Dass die Musik bei den Juden gepflegt und in großer Ehre gehalten wurde, geht aus vielen Stellen der heiligen Schrift hervor. Die Musik der Hebräer war vornehmlich religiös und bildete den Hauptbestandiheil des Gottesdienstes, der den Leviten anvertraut war. König Salomo bestimmte, dass sie für Leu Dienst des Tempels 4000 Sänger und Musiker, getheilt tu 288 Chöre, liefern sollten. Ueber die Beschaffenheit der hebräischen Musik ist es schwer, wenn nicht unmöglich, sich einen klaren Begriff zu machen, da uns keine zuverlässigen Aufzeichnungen über die Theorie und über den Gebrauch der Instrumente erhalten geblieben sind. Die Glanzperiode der hebräischen Musik ist wohl die des Sängerkänigs David und Salomo; von dem einen stammen bekanntlich die Psalmen, vom andern der „Canticug canticorum*, die beiden wichtigster! Typen religiöser und profaner Munk. Dass die Psalmen gesungen wurden, ergiebt sich sowohl aus der besonderer» Struktur der Dichtung, wie auch aus den Bemerkungen, die am Anfang einiger Psalmen angebracht sind. So zum Betspiel trägt der Psalm 9 die lieberschrifl: Nach der „schönen Jugend" zu singen, der 22.: „nach der gejagten Hirschkuh", der 44.: nach dem „Hochzeitslied der Roien" u. s. w. Diese lleberjchristen beziehen sich offenbar auf damalige, bekannte Volksweisen. Aus diesen Bemerkungen kann man außerdem schließen, dass die Psalmen von dem Chor in manchmal alterniererlden, manchmal vereinte» Strophen gesungen wurden, und dass sie von Instrumenten, besonders von Kitharhen, Harfen und Psalterie» begleitet wurden. Die Bedeutendsten unter alten Völkern in musikalischer Beziehung sind die Griechen. Das griechische System hatte fünf Tetrachorde oder Reihen von vier Tönen anstatt der Octave, jedoch keine eigentliche Harmonie, wohl aber diatonisches und chromatisches Tongeschlecht; man hatte damals zahlreiche Instrumente, wie die Lyra, Kithara und den Autos, eine Art Schnabelflöte. Die nns erhaltenen Ueberbleibsel antiker griechischer Musik sind: 1. der Anfang der pytischen Ode Pindars, 2. drei Hymnen des Mesomedes (an die Muse, au Helios, an Nemesis). 3. die Grabschrist Seikilos (1889 gefunden), 4. zwei Apollohymnen aus dem zweiten Jahrhundert vor Christi, die in Stein gemeißelt in der Schatzkammer zn Delphi gefunden wurden, 5. ein Fragment ans dem Orestes des Euripides (1892 ausgefunden). Im Gottesdienst der griechisch-lateinischen Kirche im 3. Jahrhundert vor Chr. siuden wir zuerst den Gemeinde- und anliphonischen Wechselgesang. Im 4. Jahrdundert beginnt die Umgestaltung des Kirchengesanges durch Ambrosius, Bischof von Meiland, der die vier Kirchentöne u. s. w. einführt. Wesentlich für die Weiterbildung des Gemeindegesanges sind die Reformen Papst Gregor des Großen (591—604). Er führt die vier plagialischen Töne, die Notiruug durch Neumeu ein, benennt die Töne voll a bis g und gebraucht das Octavensystem statt der Tetrachorde. Wrs nns nun gestern Abend von allen diesen altgriechischen, altchristlichen, althebräischen musikalischen Reliquien geboten wurde, wirkte mehr durch Aeußerlichkeiteu, wie da sind bühnenmäßige Bilder, griechische und orientalische Tempel, Katakomben und theatralische Costümirung, als durch wirklichen, lebendigen Geist des Alterthums, denn wie es Herr Dr. Oscar Fleischer, der Veranstalter dieser Ausführung, in seinem Vorwort zu den Texten bemerkt, sind die Melodien allerdings uns mehr und minder getreu erhalten, aber die Klänge, mit denen die Siugstimmeu begleitet wurden, sind uns nicht überlieseet worden. Man musste sie ergänzeu und gerade durch diese Zu tbateir, durch diese modernen Harmonien, durch die moderne Rhylhmifiruug, durch die moderne Instrumentation, durch das moderne Orchester ist das ursprüngliche, alterthümliche Aroma so gut wie verloren aegangen. Der größte Theil der Gesänge mnlhere auch in der That w»e ans irgend einem modernen Oratorinn oder gar ans einer Oper eutnommen an. Mancher unserer zeitgenössischen Compouineu. w»e z. B. Dölibes in seiner „Lakmo" oder Sasnt Saeus in seiner „Oejahuira", hat mit