Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. 10. Seite -6. am berichtet; „AufGrund des Arheiterstriks ist vorläufig jeder Trausport nach Amerika ringeslelll/" Und hieran schloss sich «ne fast gleichlaniendeMittheilung aus Antwerpen. So waren '»sie Häfen verschlossen. t Schon zu Pegnm der Austvauderung hatte Ungarn als "Greuzstaat seine Maßregeln dagegen getroffen und die ungarisch-rumänische Grenze gesperrt, d. h. die Regierung hatte es jedem Emigranten unmöglichgemacht, sich in Ungarn niederzulaffen, oder ülos dort zu bleiben, indem nur denjenigen die Passage gestattet wurde, welche durch ihr Billet Nachweisen konnten, dass ste sich nach einem 'Ort begeben, der außerhalb Ungarns lag, und während der ganzen Durchreise durch das 'Land durfte kein Emigrant das Eisenbahn-Coups oder den Dampfer verlassen. Dieser Umstand vermehrte in hohem Grade Las Zusammenströmen von Auswanderern in Wie», wo ihnen -zuletzt verboten werden musste, von den Dampfern an's Land -zu glhen, und von wo sie, trotz ihrer Verzweiflung, unmittelbar zurückgesandt wurden. Um die Mitte August war Wien 'von den rumänischen Flüchtlingen nahezu geräumt. Längs der ungarischen Grenze hatte man nun den einzigartigen Anblick meiner ganzen, jammervoll fliehenden Bevölkerung, welche hin und Zurück über die Grenze geworfen worden war und dort unter ^elenden Zelten lagerte, außer Stande, weiterzukommen und sich soweit zu bringen, um in das Land zurückzukehren, wo das -Martyrium ihrer harrte, doppelt grausam nach ihrem fruchtlosen -Versuche, ihm zu entrinnen. Um diese Zeit standen die Dinge — nach Angabe des »einsichtigsten Gewährsmannes, des Mannes, der mehr als irgend ein Anderer gethan, um den Unglücklichen zu helfen, des Herrn ^Astruc, Schuldirektors in Rustschuk — so, dass von den -250.00 Juden Rumänien's 100.000 Hunger litten. Am '15. August fand er in Galatz sechshundert Emigranten, die «ben von Wien zurückgcsandt worden jwaren. Es waren etwa Hundert Familien, die weder Obdach noch Möbel hatten, sondern -auf den Straßen oder in den Höfen lagen, denn die christlichen "Arbeiter duldeten keine jüdischen Lastträger neben sich. Astruc ««öffnete ein Samaritan und schildert den entsetzlichen Zustrom Zeines Menschenhaufens, der aus wahren Sceletten bestand. Blinde -und Lahme wurden hereingeführt; Männer, welche Frau, Kinder mnd Vermögen verloren hatten, wurden als Geistesschwache Hineingeleitet. Hier stand ein junger Mann, der außer Rumänisch noch Französisch, Englisch, Deutsch sprach, aber dennoch -außer Stande war, täglich dreißig Pfennige zu verdienen, und setzt obendrein brustkrank geworden war. Dort kam ein junges Mädchen, welches der Jammer wahnsinnig gemacht hatte, nachdem ihr Vater, der aus dem Dorfe, in dem sie wohnten, vertrieben worden, seinen Verstand darüber verloren und bei seinem kurz nachher eingetretenen Tode die Tochter allein, von Allem entblößt, in der Welt zurückgelaffen hatte. Dort kam eine Witwe mit neun nackten Kindern, dann ein Soldat, der vier Tage lang nichts gegessen hatte, seit er die Kaserne verließ, wo er Von der Tyrannei seiner Vorgesetzten und von dem Hohn seiner ^Kameraden" das Aergste erlitten hatte, was ein Menschuur aushalteu kann. Dort stand eine Dame, deren Mann sich in der Verzweiflung selbst das Leben genommen, und die nun seit drei Monaten außer Stande gewesen war, für ihre Kinder zu sorgen. All' diese Armen, Frauen, Kinder und Greise, stürzten sich in schrecklichem Gedränge über das Essen, deffen bloßer Anblick sie wild machte. Mitten in diesem Elend veröffentlichte ein muthiger Mann, >err Motrn, Professor an der Universität in Bukarest, eine Ibhandlung in der Nova Eevista Romana (1. August 1900), a welcher er einen Angriff aus den siegreichen Antisemitismus :«n seinem Vaterlande richtete. Er sagt hier : „Alles, was man anderwärts bezüglich der Unterschiede zwischen Ariern und Semiters als Belmuthung geäußert hat, ist brr uns als Evangelium verkündet worden. Die Äntifemiteu des Auskmdes haben nichts erfunden, was bei uns nicht gut« gehcißen worden war« Die blutigen Historien," die im Mittelalter in derIkranken Phantasie atmseliger Mönche entstanden, die Einbildungen der Unwissenheit, Alles, was sich irgendwie gegen die Juden schreiben oder sagen ließ, ist zum täglichen Brod geworden, das. unsere antisemitischen Apostel unter gläubige Seelen vertheilen; die Juden sind Vampyre, die Juden sind Schuld an den Steuern; die Juden haben die Welt verarmt, ohne sie würde Glück und Ueberfluß herrschen, ohne sie wäre das rumänische Volk stark und blühend." . Aber ein solcher Ausspruch war nnr eine Stimme in der Wüste: Niemand schloß sich Motrn an, Niemand fühlte, wie wahnsinnig es war, diese in die äußerste Armulh getriebene Bevölkerung, die in serne Lande geflüchtet war, nur um das Recht auf Arbeit zu erlangen, als Aussauger der Ehristeü anzugreifen, die ihnen systematisch alle Hilfsquellen verstopft harten. Indessen hatte Rumänien's geradezu jammervoller finanzieller Zustand, d. h. die Furcht, dass die großen jüdischen Finanzmänner in Westeuropa Unter dem Eindruck der grausamen Verfolgung, deren Gegenstand ihre Stammesgenoffen waren, die Anleihen verweigert würden, die der Staat nicht entbehren konnte, im Monat Juli einen Ministerwechsel veranlasst. Der Politiker P e t e r C a r p, bekannt wegen seines Unwillens darüber, dass man den Juden die Menschenrechte vorenthielt, wurde zum Minister-Präsidenten ernannt und sollte versuchen, der verzweifelten Situation abzuhelfen. An seinem guten Willen zu zweifeln, liegt kein Grund vor. Aber wie die Verhältnisse lagen, war er thatsächlich in all' seiner scheinbaren Machtfülle ohnmächtig. Freilick gelang es ihm, einzelnen humanen Männern, wie Arion und Alexander Marghiloman Sitz in seinem Ministerium zu geben, aber er wurde auch genöthigr, ganz unzweideutige Antisemiten wie Jacu M a j o r e s c u und besonders den Vertrauensmann der parlamentarischen Majorität N. P h ilipescu aufzunehmen, dem er nur wenige Monate vorher, anlässlich der Judenmisshandlungen, die in Bukarest auf Philipescu's Anstiften i. I. 1898 stattfanden, in Jassy zugerufen hatte: „Ihr Ältconservativ'en habt Eure Fahne mir Schande und Blut besudelt!" Die folgenden Begebenheiten haben Carp's Machtlosigkeit in nur allzu reichem Maße bewiesen. Im August wurde ein neues Gesetz für die „Fremden" (unter denen immer n u r die Juden verstanden werden) erlassen, dem zufolge sich jeder Fremde bis zum 2. September von der Polizei eine schriftliche Erlaubnis verschaffen musste, um sich im Lande aushalteu zu dürfen. Diese Erlaubnis wurde natürlich nicht gratis ausgestellt. Jeder Jude, der nach dem angegebenen Datum nicht mit einem solchen Papier versehen war, wurde ausgewiesen. selbst weirn er in Rumänien geboren war und dort seiner Wehrpflicht genügt hatte. Es gab jedoch Viele, die nicht gewillt waren, diese demüthigende Erlaubnis, sich in ihrem Vaterlande aufzuhalten, nachzusuchen, und die entschlossen waren, es bis zum Aeußersten kommen zu lassen. Darauf brachten, im November die rumänischen Zeitungen folgenden scheinbar höchst humanen Regierungs-Erlass: „Die im Lande geborenen und ausgewachsenen Fremden bedürfen weder einer Legitimation noch eines Paffes, um im Lande bleiben zu können, falls sie Nachweisen, dass ste ihre Naturalisation beantragt haben." Und die Regierung beeilte sich, Europa durch den Draht mitzutheilen: „Eine Verordnung des Ministers an die Präfecten fordert die Juden auf, die Ertheilung des Bürgerrechts nachzusuchen." Diese Mittheilung war leider nur darauf berechnet, Rumänien's leere Staatscaffe zu füllen. Das Ganze war ein Finanzmanöver. In Rumänien giebt es einer im Finanz- Ministerium augestellten Berechnung zufolge 100.000 erwachsene Juden, männliche» Geschlechts, die als Fremde betrachtet werden, obschon sie keinen Freindenpass haben, da sie keinem anderen Staate zugehören. Diese müssen "von jetzt atz behufs Naturalisation ein Gesuch einreichen und haben zu zahlen : i) für das Gesuch selbst 25 Fraiies> d? h- 2,500:000 Francs; 2) für Stempelpäpi.er und Ausweise/betreffs' Steuerzahlung, Militär-