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Die Wahrheit · 1901-03-08 · Heft 10 (8.3.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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£eiic 4. Vre Wahrhett. . Nr. 10. <onservative Basis, ähnlich der Frankfurter Realschule, zu stellen Bestrebt ist. Die Hauptschwiengkeit einer jeden jüdischen Mittelschule Bildet der Religionsunterricht, weil er umfassender betrieben Iverden muss, als an den staatlichen Mittelschulen und er ja Eigentlich das alleinige Kritorium der jüdischen Mittelschule bildet. "Die jüdische Mittelschule muss außerdem auf allen Wissensgebieten mit ihren nichtjüdischen Colleginnen gleichen Schritt halten. Eines auf Kosten des Andern zu thun, ist nicht zulässig? ^Unsere Unterrichtsonstalt versuchte nun das Problem folgendermaßen zu löjxu: 3 Stunden wöchentlich ist der Religionsunterricht für jede Classe obligatorisch, und zwar je eine Stunde für beschichte, Bibel- und Gebetübcrsetzung. Jeden Samstag wird Zugendgottesdieust mit Exhorte abgehalten, in welcher der Reli- Zionsprofeffor den Kindern den Inhalt der Sidra oder Haftora, in möglichst schlichten Worten zu erzählen hat., Konfirmanden -Erhalten etwa zwei Monate vor der Barmizwa Unterricht in den 'Vorschriften des Tefillinanlegens, Sidra maavir, Meznmen Benschen u. s. w. Strenge beaufsichtigt wird das Tragen der Arba kanfos, Heilighaltung des Sabbath, und werden die Kinder auch angehalteti, womöglich auch an Wochentagen die Synagoge -zu besuchen. Befähigtere Schüler werden im Talmud — natürlich in Privatstunden — unentgeltlich unterrichtet. Hinzufügen will ich noch, dass die israel. Gemeinde zu "Vagujhely nebst einer Volksschule auch eine jüdische Mädchen- Lürgerschule aus eigenen Mitteln erhält. Um diese letztgenannten .Zistitute hat sich besonders Herr Dr. L. Bortstieber, Präses Lcs Schulstuhles, außerordentliche Verdienste erworben. Die 'Gtmeindc besteht nur aus 250 zahlenden Mitgliedern, aber sie -hat bewiesen, wie viel man auch mit schwachen Mitteln durchsetzen kann, wenn nur der Wille ein ehrlicher ist. Weneralversammiung und Ärudermahl der Wiener Chewra Kadischa. Das lebhaftere Interesse am jüdischen Gemeinde- und Rer einsleben, das erfreulicher Weise endlich einmal anch auf dem lange Zeit ziemlich sterilen Wiener Boden allgemein zu Tage atritt, kam auch der am 3. d. M. um halb 5 Uhr Nachmittag im „Hotel Continental" abgehaltenen Generalversammlung der .„Chewra Kadischa" zu statten. Es documentirte sich einerseits Lurch stärkeren,Besuch der Versammlung, und andererseits durch regere Theilnahme der Mitglieder an der Debatte. Die meisten 'Redner plaidirten dafür, dass der Vorstand der Chewra Kadischa uicht mehr wie bisher durch den Cnltusvorstand ernannt, sondern Don der Generalversammlung, resp. von den Mitgliedern selbst gewählt werden solle, ein Verlangen, das bei den jetzigen Agen- Len der Chewra Kadischa vollkommen gerechtfertigt erscheint. Auch einige andere Anregungen verdienen eingehende Würdigung -und Berücksichtigung, die sie hoffentlich auch beim Vorstande der -Chewra Kadischa und beim Cultusvorstande finden werden. Im Nachfolgenden der Bericht : Nach Eröffnung der Generalversammlung durch den Präses, Herrn Moriz Karpeles, und nach Verlesung des Rechenschaftsberichtes ergriff Herr Moriz Baum das Wort. Cr constatirte, dass die Wünsche der Mitglieder beim Vorstande wohl immer Gehör finden, allein als der eigentliche Ort, um Anregungen zu geben, erscheine ihm die Generalversammlung und in diesem Sinne habe er sich zum Worte gemeldet. Zunächst beantragt der Redner, dass das alljährliche Requiem für Lie verstorbenen Mitglieder der Chelvra Kadischa nicht im Anschlüsse ein anderes, sondern selbständig abgehalten werde, und Laun soll dasselbe abwechselnd im Stadttempel und im Leopoldstädrcr Tempel ftattfinden. Im Weiteren verweist er auf den Unfug, der mit den Sammelbüchsen des Vereines „Mikdasch Meat" getrieben wird, der dircet der „Chewra Kadischa" Con« ourrenz bietet. Am dringendsten erscheint aber dem Redner eine zeitgemäße Umgestaltung der Statuten. Ursprünglich war die Chewra autonom, jetzt ist sie ganz und gar von der Cultusgemeinde bevormurtder. Im Jahre 1874, als der Centralsriedhof eröffnet wurde, ist auch die Chewra Kadischa zu Grabe getragen worden. Die Leichenbestattung könnte durch die Chewra, die jetzt nur ein gewöhnlicher Wohlthätigkeitsverein ist, vollkommener, rationeller und billiger besorgt werden, als durch die Eultusgemeinde, welche die Friedhofverwaltung fiscalisch betreibt. Die Budapester und Prager Chewra Kadischa haben eine bedeutend größere Anzahl von Mitgliedern, und die Ursache der geringen Anzahl in Wien liege in der veraltete»l Verfassung. Vor allem müsste aber der Vorstand von den Mitgliedern gewählt und nicht vom Cultusvorstande ernannt werden, hiedurch würde der Vorstand in innigeren Contact mit den Mitgliedern und überhaupt mit der Bevölkerung kommen. Als nothwendig erscheine ihm auch, dass ein Medici »er im Vorstand der Chewra sitze, da derselbe in ziemlich ausgedehntem Maße Krankenunterstützung psiege. Zum Schluffe gibt Redner die Anregung, dass auch eine Frauen Chewra Kadischa gegründet werden möge. Herr Kann dankt zunächst deni Vorstände für die Einberufung und etllän sich hierauf mit der Concession, dass von nun ab v3 Vorstandsmitglieder von der Generalversammlung gewählt werden sollen, nicht'zufrieden. Das sei so eine Art 5. Curie. Einzig richtig wäre es, dass die Chewra sich ihren Vorstand selbst wählt. Redner beschwert sich auch, dass die Delegirten der Chewra, namentlich bei den Leichenbegängnissen der. ärmeren Classe. seitens der Friedhossunctionäre nicht die ihnen gebührende Rücksichtnahme finden,- und macht einige Vorschläge ttir Behebung der gerügten Uebelstände. Die Vermehrung der Mitglieder könnte am sichersten dadurch herbeigesührt werden, dass Jeder es sich zur Aufgabe macht, wenigstens einen Freund zum Eintritt in die Chewra zu bewegen. Besonders jene Vorstandsmitglieder, die gleichzeitig Cultnsvorsteher sind, sollten sich bemühen, im Cultusvorstande Mitglieder zu werben, da noch viele Cultnsvorsteher nicht Chewra-Mitglieder sind. Ein wirksames Mittel für die Vermehrung der Mitgliederanzahl wäre auch, die Aufhebung der Aufnahmsgebühr. Herr Fuchs hält die Entwicklung der Chelvra Kadischa nur dann für möglich, welln sie vollkommen unabhängig vom Cultusvorstande würde, und darum scheint es ihm nicht opportun, dass Vorsteher der Chewra auch gleichzeitig Cultnsvorsteher sind. Herr Kanitz will wohl nicht als Anwalt des Vorstandes auftreten, aber man möge den Herren, die sich mit so viel Eifer in den Dienst der Körperschaft stellen, nicht ihre Pflichterfüllung durch unnöthige Vorwürfe und Angriffe erschweren. Architekt Marino re k erblickt die Ursache der geringen Mitgliederanzahl in dem Mangel der Autonomie der Chewra. Im Weiteren stellt er folgenden Antrag: 1. Die Generalversammlung spricht dem Vorstande Dank u>td Anerkennung für seine Mühewaltung aus. 2. Die Generalversammlung möge eine Resolution beschließen, dass durch entsprechende Aenoerung der Statuten den Mitgliedern eine intensivere Theilnahme an der Leitung des Vereines ermöglicht werde. 3. Die Generalversammlung soll auftatt wie bisher alle drei Jahre, von nun ab alljährlich ftattfinden. 4. Die Chewra Kadischa möge die Gründung einer Anstalt zur Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen anstreben. Vicepräses Dr. S p i tz e°r spricht seine Freude darüber aus, dass die heutige Generalversammlung ein regeres Interesse für das Gedeihen der Chewra bekundet. Bisher war in den Versammlungen Friedhofstille, heute regt sich frisches Leben. Bezüglich des Vorwurfes, dass die Statuten der Cheivra schon veraltet sind, müsse er bemerken, dass die Cheivra Kadischa mit ihrer uralten Tradition conservaüv bleiben müsse. Er kenne übrigens keinen, Gegensatz zwischen Vorstand und Mitgliedern, hier in der Chewra gäbe es blos Brüder, ^.Juden, die gemeinschaftlich für die Verw rklichung eines erhabenen Zieles thä'ig sind. Die in der heutigen Generulversaminlnng vorgebrachten Wünsche h wen den Vorstand schon früher beschäftigt und er habe mit dem Cultnsvorstauve bereits eine diesbezügliche Aenderung der-'Ssiltulen vereinbart, nur sollte.hiezn die Zustimmung der Generalversammlung eingeholl werden. Vorläufig wird den

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