Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 10. Die Wahrheit. Nr. 9. er jemals ein solches Glück erleben werde, das hatte er sich niemals träumen lassen. Merkwürdigerweise aber zeigte es sich nach einiger Zeit, dass dieses Glück später in ein Nichts zerrann. Die Familie Tigers nahm nicht nur zu, sondern die Kinder wollten sogar zu essen haben und gekleidet sein, und schließlich sah sich die Gemeinde in richtiger Anerkennung der Verhältniße bestimmt, ihm den Gehalt von 1400 auf 1600 Gulden zu erhöhen. .Der Hals war weiter geworden, und der Kragen zu eng." Nun haben die meisten Kinder die Gewohnheit, noch mehr zu wachsen, und dann noch mehr zu essen — der Hals wird mir den Jahren immer weiter und weiter, und der Kragen wieder zu eng — und aus diesem Umstande entstand jene Differenz zwischen der hiesigen Repräsentanz und dem Obercantor, die schließlich zum Bruche führte. Die Bedürfniße hatten sich gesteigert, und er konnte seinen Verpflichtungen nicht immer pünktlich Nachkommen; andererseits hat sich die Gemeinde mehrere Male ins Mittel gelegt, hat jedoch schließlich sie Geduld verloren, und so ist es zum Bruche gekommen. Ich habe mich bemüht, im Vorhergehenden unserer Cultusgemeinde-Repräsentanz alle Ehre zuzuerkennen, die ihr mit vollem Rechte gebührt, glaube jedoch, dass an dem dem Obercantor Tiger entzogenen Wohlwollen hauptsächlich der Umstand Schuld trägt, dass demselben, wie bereits erwähnt, die Gabe fehlt, seine Rechte zu wahren, und dass sich bisher auch niemand gefunden hat, der bereit wäre, seine Vertheidigung zu übernehmen, resp. seinen Standpunkt zu präcisiren. Die Cultusgemeinde-Reprasentanz hat aber ein Recht darauf, diese Vertheidigung zu hören, und deshalb will ich an dieser Stelle dieselbe Vorbringen. Obercantor Tiger ist vor 15 Jahren mit einer glockenreinen Stimme nach Karlsbad gekomm.n, und wenn man auch anerkennen muss, dass er heute noch ebenso frisch bei Stimme ist als zuvor, so laßt sich nicht leugnen, dass er während der Zeit seines hiesigen Wirkens seine Glanzjahre hinter sich gelassen hat. Was nun die Unmöglichkeit anbelangt, mit seinem Gehalte auszukommen, so ist es bekannt, dass in Karlsbad die Lebensverhältuiße äußerst ungünstig sind, resp. große Theuerung herrscht; es sind insbesondere die Wohnungen, die Lebensmittel u. s. w. in den letzten 15 Jahren fast doppelt im Preise gestiegen, und wenn man heute einen Voranschlag über die Bedürfniße eines Obercantors mit Familie in Karlsbad machen will, so kommt man zu folgendem Resultate: Eine Familie mit 3 erwachsenen Töchtern und einem Knaben braucht mindestens 2 Schlafzimmer und ein besseres Zimmer, welche in Karlsbad in einer Gegend zweiten Ranges nicht unter 500 fl. zu haben sind. Wer die Lebensverhältniße in Karlsbad kennt, wird weiter wiffen, dass eine Familie von 6 Personen und einem Dienstboteu hier mindestens 4 fl. per Tag oder 1460 fl. im Jahre braucht. Für einen Obercantor einer Gemeinde wie Karlsbad, der immerhin einige Repräsentationspflichten hat, milss man annehmen, dass er auch für sich selbst ungefähr 300 fl. braucht. Der Manu hat viel mit Aerzten zu thun, und es ist gar keine Veranlassung vorhanden, warum er nicht seinen Arzt ebenso anständig bezahlen soll, wie andere Beamte, und dazu gehören wieder ca. 100 fl. Kleider, Reparaturen rc. verschlingen pro Jahr 200 fl. Ein halbwegs brauchbarer Dienstbote kostet pro Jahr 120 fl. Dass ein Obercantor zur Schonung seiner Stimme jährlich 4 Wochen für eine Erholungs- oder Badereise 200 fl. braucht, ist ebenfalls durchaus nicht ungerechtfertigt, das alles gibt eine Summe von 2800 fl. pro Jahr, die ein Obercantor in Karlsbad in Tigers Verhaltnißen braucht, und wenn er dieses Einkommen hat, daun bleibt ihm nicht einmal ein Sparpfeunig iür seine alten Tage, und auch Stenern?c. hat er noch aus Eigenem zu tragen. Wo er für drei Töchter die Ausstattung hernehmen, und wie er sie verheiraten soll, das herauszufinden, bleibt ihm freilich selbst überlassen. Ich nehme selbstverständlich den Standpunkt ein, dass ein Obercantor einer größeren Gemeinde ebenso berechtigt ist zu leben, wie jeder andere öffentliche Beamte, und weder auf Unterstützungen noch auf Gnadengaben angewiesen sein soll. Wenn daher der Karlsbader Obercantor einen fixen Gehalt von 1600 fl. und, wß: es heißt, Nebeueinkommen von 600 fl. ha^ so ist vollkommen aufgeklärt, warum er mit diesem Gehalte nicht auszukommen vermag. Essehlen ihn eben jährlich 680 fl. zu seinem Auskommen, und nichts ist natürlicher, als dass,er dann Schulden machen muss. Die Gemeinde hat sich dieserhalb wiederholt ins Mittel gelegt und Gelder vorgestreckt; allein so lobenswerth dieses Vorgehen sein mag, so bleibt es nur ein Palliativmittel. Das einzig richtige Mittel wäre, in Berücksichtigung zu ziehen, dass sich die Lebensverhältuiße in Karlsbad, die Wohnungen und die sonstigen Bedürfniße vertheuert haben; uit d dass man dem Manne, der seine Pflicht erfüllt hat, eben die 600 bis 800 fl. per Jahr, die er mehr braucht, zugesetzt hatte. Einen Obercantor, der 15 Jahre in einer Gemeinde zur Zufriedenheit gewirkt und dort seine besten Jahre verbracht hat, einfach den. Sessel vor die Thüre zu schieben, weil er nicht auszukommen vermag, das mag ein sehr einfaches Vorgehen sein, aber eine derartige Behandlung eines langjährigen Beamten ist einer' jüdischen Gemeinde im Allgemeinen unwürdig und insbesondere mit dem Ansehen und der Bedeutung der Karlsbader Cultusgemeinde nicht vereinbar. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass di^ zwischen unserer Cultusgemeinde-Repräsentanz und Obercantor Tiger entstandenen Schwierigkeiten einzig und allein zurückzuführen sind, dass es, wie gesagt, dem letzteren nicht möglich ist, seine Vertheidigung dem Vorstande in der erforderlichen Form auseinanderzusetzen, und dass sich bisher auch niemand gefundenhat, der es für ihn thun wollte. Vielleicht tragen diese Zeilerr zur Aufklärung bei, insbesondere, da bereits ein großer Theil, vielleicht die Mehrzahl der Karlsbader Gemeindemitglieder, den. Wunsch hegt, dass Obercantor Tiger in seiner gegenwärtigen Stellung verbleibt." Soweit die Ausführungen des geschätzten Einsenders. Wirhaben denselben noch das Eine hinzuzufügen, dass laut contractlicher Vereinbarung eine Kündigung erst in 3 Jahren erfolgen, könnte, und die jetzige Kündigung, abgesehen von allen anderen Umständen, überhaupt als Contractbruch anfechtbar ist. Mit Rücksicht darauf erlauben wir uns sämmtlichen Cantoren naheznlegen, einer Berufung nach Karlsbad nicht Folge zu leisten. Die Gemeinden mögen es einmal sehen, dass, wenn ein socrasses Unrecht an einem Cantor begangen wirv, auch die Cantoren zu einer solidarischen Abwehr sich vereinigen können. Das wäre der einzige Weg, um derartige Entlassungen, die heute zu den Gewöhnlichkeiten gehören, für die Zukunft unmöglich zw j machen. Die Redaction. verschiedene Nachrichten. Aren. Fräulein Riva A d u t t, Tochter des in weitesten Kreisenbekannten langjährigen 2. Präses der türk.-israel. Gemeinde, Herrn Licco- L. A d u t t, hat sich mit Herrn Julius Frankl verlobt. Wien. Montag, den 25. Februar, am Vorabend des 7. Avar, wurde im Tempel in der Seitenstettengaffe ein Requiem für die im abgelaufenen Jahre verstorbenen Mitglieder der „Chewra Kadischa" tr* Anwesenheit des Vorstandes, sowie zahlreicher Vereins- und Gemeinde- Mitglieder abgehalten. Nach Verrichtung des Maariw-Gebetes stimmte Obercantor Singer das Sulzer'sche Requiem an, das durch den Chor in sehr wirkungsvoller Weise zu Gehör gebracht wurde. In der hierauf folgenden Rede betonte Oberrabbiner Dr. Güdemann, dass daS- Judenthum, dem Beispiele unseres großen Lehrers Moses folgend, der . beim Auszuge aus Aegypten die Gebeine Josefs mitnahm, jederzeit die Ehrung der Todten pietätvoll geübt habe. Hierauf gedachte der Redner der verstorbenen Mitglieder der Chewra Kadischa. Mit Absingung des Schiwißi durch den Chor und der Recitation des Kaddischgebetes durch der I. Cantor Schiller war die Trauerfeier beendet. Vor derselben, bei dem Minchagebete, fand ein Requiem für den Bruder des derzeitigen Vicepräsidenten der Cultusgemeinde Dr. Stern, Herrn Julius Stern, statt, wobei eine Composition des Herrn Oscar Strauß, eines Neffen des Verblichenen, zur Aufführung gelangte. Um einer Ueberfüllung des Tempels vorzubeugen und durch die Unordnung die Weihe nicht,zu beeinträchtigen, wäre es in Zukunft angezeigt, zwischen den beiden Trauerveranstaltungen eine größere Pause eintreten zu laffen.