Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesterr.-ungcrr. Kcrntoren-Zeitung. Mr. 9. Beilage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 21. Iahrg. Jur Leschung der OberrantorfteUe in Karlsbad. Voll einem angesehenen Mitglieds der Karlsbader Gemeinde erhalten wir folgende Zuschrift: „Den Besuchern unserer allen Curstadt steht für den nächsten Sommer eine Ueberraschung bevor. Unser bisheriger Obercantor Tiger, der seit 15 Jahren in Karlsbad wirkt, soll am 1. Juni 1901 Karlsbad verlassen, und es ist bisher nicht bekannt, wohin er sich wenden wird. Wenn in einer Gemeinde ein Funclionär mit seinem Vorstande eine Differenz hat, dann steht für ihn die Sache von vornherein ziemlich schlecht, und er hat nicht viel Aussicht, aus einer derartigen Differenz erfolgreich hervorzugehen, weil er sich fast in allen Fällen ohne entsprechende! Verteidigung befindet. Insbesondere bei den jetzigen Zeiten i schließt sich die jüdische Gemeinde gerne ihrem Vorstande an. j Dieser Vorstand besteht in der Regel aus den ehrenhaftesten > Männern der Gemeinde, ivelche wirklich nur das Wohl der-! selben vor Augen haben. Welche Aussichten soll daher ein Ober- Kantor bei einer Differenz mit diesen bevorzugten Männern der Gemeinde haben, insbesondere wenn er dabei noch bedauerlicherweise zwei schwache Seiten hat, und zwar, dass er einerseits total mittellos ist, airdererseits ein Naturell besitzt, das ihn vollkomuien ungeeignet macht, sich selbst zu vertheidigen und seine Rechte zu wahren? Dass unsere Cantoren nicht schon lange den Entschluß gefasst haben, eine Verbindung unter ein-; ander zu erzielen, durch welche ihr Stand irr entsprechender; Weise repräsentirt wird, so dass sie sich gegenseitig, in Zeiten der Bedrängnis B. beistehen, ist eigentlich zu verwundern,*) und diesem Umstande ist es auch wohl zuzuschreiben, dass sich nunmehr der Karlsbader Obercantor Tiger mit seiner aus Frau! und vier Kindern bestehenden Familie in der höchst traurigen > Lage besindet, existenzlos einer ungewissen Zukunft enlgegenzui sehen. j Obercantor Tiger ist ein Sällger ersten Ranges. Ich j wage es, dies umso sreimüthiger zu gestehen, als Tausende der verwöhntesten Juden und Christen aus alleu Weltgegenden derselben Meinung sind; weil die größten Autoritäten und Kritiker auf dem Gebiete der Musik sich mit Tiger beschäftigt haben, und unter diesen ein Manu, wie Professor Hanslik, nachdem er in gehört hatte, ihm schriftlich und aus freiern Antriebe sein volles Lob spendete. Dieser Obercantor Tiger, der mit unserem ausgezeichnet geleiteten Chore eine Zierde nicht nur unseres Gottesdienstes, sondern in gesanglicher Beziehung — man braucht sich gar nicht zu scheuen, es offen auszusprechen — unserer ganzen Stadt ist, wird Karlsbad verlassen, nicht weil er, wie man angeblich in seinem Interesse zu verbreiten sucht, gekündigt hat, sondern, weil man ihm gekündigt hat, nachdem er 15 Jahre lang in dieser Stadt gewirkt, und zwar vortrefflich gewirkt hat. Schwere Vergehen müssen es sein, die eine ehrenhafte Körperschaft, wie sie unzweifelhaft die Repräsentanz der israel. Eultusgemeinde Karlsbad ist, bewogen haben, einem Manne, der die beste Zett seines Lebens in ihrer Mitte verbracht bat, «ine Kündigung zuzusenden; schwer muss er gesündigt haben, dass man ihm trotz seiner ausgezeichneten Stimmmittel, trotz seiner hilflosen Lage den Sessel vor die Thüre stellt. Hat Obercantor Tiger vielleicht eine schwere irreligiöse Handlung He gangen, dass man sich zu einer solchen schweren Bestrafung *) Eine derartige Bereinigung besteht wohl im Oesterr.-ungar. in Wien, aber die Indolenz der Cantoren ist eine so große, dass sie dieser Vereinigung fernstehen und sich an seine Existenz erst »ann erinnern, wenn sie in Roth und Gefahren find. Die Redaction. j veranlasst sah? Hat er vielleicht ein sittenloses Leben geführt,! welches den Zorn rer Repräsentanz heranssordete? Hat er sich! politisch ungünstig bervorgethan, oder ist er gar mit den Slrafgesetzen in Conflicl gerathen? Keine Spur von alledem. Die Ursache seiner Entlassung liegt viel tiefer; es haben sich entsetzliche Dinge ereignei, die zu seiner Kündigung geführt baden, Dinge, die einem Me:.scheu die Haare zu Berge rreiben müssen : Obercantor Tiger kommt nt 11 seinem Gehalte nicht aus, und deshalb der Zwist! Bevor ich die rhatsächlicheu Verhältnisse schildere, möchte ich mir die Freiheit nehmen, die Leser mit einer kleinen Geschichte ans meiner eigenen Jugend zu belästigen. In meinem 17. Lebensjahre wurde ich durch lange Zeit von einem Zustande befallen, der mir Monate lang meine gaze fröhliche Jugendzeit verdarb: mein Halskragen rutschte mir fortwährend über die Halsleiste meines Hemdes hinaus, und es bildete sich zwischen Kragen und Hemd eine Lücke, durch welche man ein Stückchen vom Hals sehen konnte. Mann kann sich nicht vorstellen, was ich dadurch jeden Morgen beim Ankleiden gelitten habe. Immer wieder zupfte ich die Halsleiste des Hemdes hinter deu Kragen, vergeblich; ich hielt sie manchesmal rninnkenlang mit der Hand — nmsonst; ich kaufte mir neue Hemden, neue Kragen — alles nutzlos. Sowie ich mir einen Halskragen anlegte, war er in der nächsten Sekunde über die Halsleiste hinaus gerutscht, und das obligate Stückchen Hals jchanle hervor und machte den Eindruck, als ob ich ein liederlicher Junge wäre. Eines Morgens befand ich mich abermals in dieier verzweislungsvollen Lage, fast eine S:uude hatte ich au dem Kragen herumgearbeitet, aber wie gewöhnlich war alle Arbeit vergebens. Ich foante mir nicht helfen, schließlich traten mir die Thränen in die Augen und in diesem Zustande begab ich mich aus die Straße. „Hallo, was in dir denn passirt? Du weinst ja!" ries mir ein Schulkamerad eutgegeu, der zufällig des Weges kam. Fast gebrochen vor Bewegung gestand ich ihm die Uriache meiner Leiden. Mein Freund lachte hell auf. „Du Narr," sagte er, „da wird dir das Heulen wenig Helsen! Welche Kragennnminer hast du denn?" „35" erwiderte ich. „Seit welcher Zeit?" „Ach schon lange; wenigstens schon drei Jahre," gab ich zur Antwort. „Ja, lieber Junge," sagte er, „glaubst du denn, du wirst ewig mit den Krägen Nr. 35 anskommen? Du wirst von Jahr zu Jahr stärker und größer; dein Hals wächst auch, und du musst schon einen größeren Kragen haben. Deine 35er rutschen über die Halsleiste, weil sie zu eng sind; versuche es einmal mit 36, 37 oder 38 Cemimeter, du wirst sehen, dann wird es gehen." Wahrhaftig, der Mensch hatte Recht. Ich benöchigte bereits Kragennummer 38 und hatte mich Monate lang nnllöthig gequält. Unserem Obercantor Tiger geht es ähnlich, wie mir seinerzeit. Wir haben hier eine Cnltusgemeinde-Repräsentanz, welche, wie bereits gesagt, dllrchaus aus ehrenhaften, rechtschaffenen Männern, Fabrikanten, Advocalen, Aerzten, EKausleuten u. s. w. besteht, und wir haben einen Obercantor, der eine vorzügliche Stimme besitzt, allein ausgewachsen uttd erzogen im Jaroslauer Ghetto, ist er von jenem einfachen, bescheidenen Naturell, das es so vielen seiner Landsleute unmöglich macht, das, was sie besitzen, in entsprechender Weise zu verwertheu, weil ihnen insbesondere die Begabung fehlt, ihre Ueberzeuguug und ihre Gedanken in formgerechtee Weise zum Ausdrucke zu bringen. Naphthali Tiger kam vor 15 Jahren als junger Mann in deu bescheidensten Verhaltnißen nach Karlsbad, wurde hier als Obercantor angestellt und erhielt eine» Gehalt von 1400 Gulden sammt Nebeneinkommen. Das war für ihn zu jener Zeit ein Gehalt, der seine kühnsten Erwartungen überlraf. Das»