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Die Wahrheit · 1901-03-01 · Heft 9 (1.3.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die LVayryeil. Nr. 9. Herr Rabbiner Dr. David in Düsseldorf gegeben, der nachfolgendes offenes Schreiben an den genannten Abgeordneten richtete: Hochgeehrter Herr! In Ihrer Rede in der 22. Sitzung des Abgeordnetenhauses (am 9. Februar) anlässlich der Interpellation Peltasohn betreffs Zurücksetzung der jüdischen Juristen haben Sie zur Begründung Id' es Standpunktes nach dem Bericht Ihres hiesigen Parteiorgans, des „Düsseldorfer Volksblattes" unter Anderem Folgendes ausgeiührt: „In der Verfassung steht allerdings nichts davon geschrieben, dass wir in einem christlichen Staate leben, aber das Gros der Bevölkerung lasst sich das nicht ausreden, dass unser Staat als christlicher Staat gedacht ist, und das Gros der Bevölkerung ist weiter der Ansicht, dass allerdings eine gewiffe Scheidewand zwischen der christlichen Weltanj schauung und der jüdischen Weltanschauung besteht." ' Die hier von Ihnen vertretene, angeblich in dem Gros : der Bevölkerung verbi eitete Auffassung von der Verschiedenheit der christlichen und jüdischen Weltanschauung erscheint mir von j solch' wesentlicher rechtspolitischer Bedeutung für die Abgrenzung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Stellung der Juden,! dass es wohl an gezeigt ist, dieselbe einer näheren Betrachtung zu unterziehen unb aus ihre Wahrheit und Richtigkeit zu prüfen. Zunächst ist es klar, dass von einer allgemeinen einheitlichen christlichen Weltanschauung nicht die Rede sein kann im dogmatischen Sinne, d. h. in dem Sinne, als ob alle Bekenner des Christenthums sich auf dem Boden gleicher Glanbensgrund sätze zusammensändeu. Zur Widerlegung dieser Auffassung genügt ja ein einfacher Hinweis auf die verschiedenen Confessionen und Sekten innerhalb der christlichen Kirche, die in dogmatischer Beziehung wesentlich von einander abweichen. Ja, innerhalb der einzelnen Confessionen selbst gehen bekanntlich die Meinungen über die Geltung und Deutung der wichtigsten Glaubenssätze in den verschiedene» (orthodoxen, liberalen, nationalistischen, kritischen u. s. w.) Parteien und Richtungen weit auseinander. In der That gibt es wohl auch in keinem Zweige des Staatsdienstes ein größeres Collegium voll rein christlichen Beamten, die in ihren dogmatischen Anschauungen völlig übereinstimmten. Es ist aber auch an sich nicht abzusehen, was die bloße Abweichung in der einen oder anderen Glaubensvorstellung, soweit dieselbe nicht das praktische Leben beeinflusst, also in einer ethischell Norm einen Niederschlag gesunden hat, mit den Pflichten und Ausgaben des Staatslebens zu lhun haben soll. Man denke nur, wohiil es führen würde, wenn man den Glauben an gewisse specifisch christliche Dogmen als wesentliche Voraussetzung der christlichen Weltanschauung gelten lassen wollte. Um nur Eines anzuführen, müsse man dann consequenter Weise unter anderen auch den größten Dichtern unseres Volkes, Männer wie Lessiug, Göthe, Schiller, die bekanntlich einen sehr freien religiösen Standpunkt einnahmen, ebenfalls die christliche Weltanschauung absprechen. Und doch nahm z. B. Goethe die leitende Stellung des Staats- Ministers in einem deutschen Staate ein, und wer möchte wohl behaupten, dass dadurch das Wohl der Allgemeinheit gefährdet worden sei? Ist demnach selbst unter Christen eine einheitliche, allgemeine Weltanschauung in dogmatischem Sinne ausgeschlossen, so kann man dagegen wohl zugeben, dass in der modernen civilisirten Gesellschaft eine gewiffe Uebereinstimmung in den sittliche»' Grundsätzen herrscht, die man als christliche Weltanschauung rn Anspruch nimmt. Wo aber ist dann, wenn nur die Sittenk^hre in Betracht kommt, ein Gegensatz, ja nur ein Unterschied «bischen christlicher und jüdischer Weltanschauung? Wie vielmehr eit christliche Sittenlehre nach geschichtlichem Ausweise aus der Mischen hervorgegangen ist, so enthält sie auch keinen einzigen wesentlichen Grundsatz, der nicht schon zuvor von der jüdischen 'Religion verkündet worden wäre. Die jüdische Sittenlehre ist aufgebaut aus der biblischen Grundanschaunng von der Einheit des Menschengeschlechts, mit welcher im Princip die Gleichheit rmd Ebenbürdigkeit aller Menschen gegeben ist. Alle Menschen stammen von Adam ab, der im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, folglich haben alle an dieser natürlichen, höheren Würde gleichen Antheil, »HD wer einen Menschen beleidigt, beleidigt Gott selbst. Die jüdische Sittenlehre ist es daher, die schon fünfzehn Jahr- ' hundnr ie uor Chr. den Grundsatz verkündet hat, der im Neuen Testnnienle wiederholt, auch von der Philosopbie und Naturwissenschaft der Gegenwart als die „Goldene Regel" der Ethik anerkannt wird, den Satz: „Liebe Deinen Nächsten ivie Dich selbst!" (Leviticus, Cap. 19, V. 18). Dass aber dieses Gebot den umfassendsten Sinn hat und auch den Nichtisraeliten gegenüber gilt, wird ausdrücklich in dem gleichen Capitel V. 33 u. 34 betont; „Und wenn nirrer Dir ein Fremdling weilt in Eurem Lande, sollt Ihr ihn nicht unterdrücken. Gleich dem Eingeborenen unter Euch sei Euch der Fremdling, der unter Euch weilt, und Du sollst ihn liebeir wie dich selbst; denn Fremdlinge wäret Ihr im Lande Aegypten!" Im Geiste dieses Grundsatzes fordert von uns unsere Lehre des Weiteren neben der sittlichen Selbst- Heiligung Treue und Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Redlichkeit, Barmherzigkeit und Duldung gegen Jedermann und macht es uns insbesondere zur heiligen Pflicht, die Gesetze des Staates gewissenhaft zu beobachten und durch Theilnahme an allen gemeinnützigen Bestrebungen die Wohlfahrt und den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft zu fördern. Denn das ist das Ideal, die letzte Hoffnung des Judenthums: „dass alle Menschen zu einem Bruderbünde werden, dass Frieden und Eintracht unter ihnen herrsche und Unrecht, Bosheit und Laster ivie Rauch gänzlich unter ihnen schwinde!" (Gebet am Bersöhnungsseste). Aus den zahlreichen, herrlichen Aussprüchen unseres Schristthums, in denen diese Lehren niedergelegt sind, seien nur folgende, besonders markante hier angeführt: „Du sollst Deinen Bruder nicht hassen in Deinem Herzen!" (Lev. Cap, 19). „Wenn Du den Ochsen Deines Feindes oder seinen Esel umherirrend antriffst, so sollst Du ihn seinem Herrn wiederbriugen." „Wenn Du beu Esel Deines Feindes unter seiner Last erliegen siehst, hüte Dich, ihn in Stich zu lassen; Du sollst ihm vielmehr Helsen!" (Exodus Cap. 23, 4 u. 5). „Wenn Dein Feind hungert, speise ihn, wenn er Durst hat, gieb ihm zu trinken!" (Sprüche Sal. 25, 21). „Siehe, das ist ein Fasten an dem ich Gefallen finde: dass Ihr öffnet die Fesseln des Unrechts, dass Ihr löset die Bande der Unterjochung und die Niedergetretenen befreit; brich dem Hungerigen Dein Brot und führe Obdachlose in Dein Haus; siehst Du einen Nackten, so bekleide ihn und entziehe Dich nicht Deinem Fleische!" (Jes. 58, 6 ff). „Der Herr hat es Dir verkündet, o Mensch, was gut ist und was Er von Dir fordert: Nichts als Recht tyuu, Liebe üben und demüthig wandeln mit Deinem Gotte!" (Micha 5, 8). „Die frommen aller Völker haben Antheil am ewigen Leben!" (Talmud). Eine ausführliche, philosophisch vertiefte Darstellung der jüdischen Sittenlehre gibt das Werk des Prof. Lazarus (Die Ethik des Judenthums, Frankfurt 1898), wo Sie auf Seite 409 eine einigermaßen erschöpfende Zusammenstellung der wichtigsten Grundsätze finden, wie sie im Jahre 1885 von etwa 350 Rabbinen bestätigt und von dem Deutsch-Israelitischen Gemeiudebunde veröffentlicht worden sind. Ich bitte Sie also, hochgeehrter Herr, diese Grundsätze gefälligst zu prüfen und zu vergleichen und mir dann zu sagen, in welchen wesentlichen Stücken die christliche Weltanschauung zu ihrem Vortheil von denselben abweiche. Vermögen Sie aber derartige Unterschiede, wie ich fest überzeugt bin, nicht aufzufinden, nun, so erwarte ich von Ihnen, dass Sie als christlicher, deutscher Mann ihren Jrrthum eiusehen und öffentlich bekennen werden. Was übrigens den Begriff des „christlichen Staates" betrifft, den Sie in Ihrer Rede mit solch' gewichtigem Nachdruck betonen,, jo haben wir Israeliten durchaus keinen Grund, denselben nicht gelten zu lassen. Im Gegentheil, wir können nichts Besseres wünschen, als dass die Idee des „christlichen" Staates in dem einzig wahren und einzig berechtigten ethischen Sinne vollkommen verwirklicht werde, d, h. dass die wahren Grundsätze der christlichen Ethik, die ja mit denen der jüdischen ideu-

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