Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Die Wahrheit. Seite 5. ti[d) sind, überall im Staate zur vollen Herrschaft gela»»gen. <So' langte freilich noch eine ganze Ckasse von Staatsbürgern nür unrihres Glaubens willen von gebildeten und ungMlbMn' Christen beschimpft, zurückgesetzt uift ht rDerr heiligsten Rechkeü' verkürzt werden,. so' lange das Unerhörte geschehen kann, wie es setztin Könitz vorgekommerr ist, dass B. eh* jüdisches Gotteshaus nach Spuren eines aützedlichen ,>Ritualmordes" durchsucht wurde, ohne dass ein. Schrei sittlicher Entrüstung durch die ganze christliche Welt gegangen wäre, so lange sind wir; jfön einem wahrhaft christlichen Staat noch weit entfernt. Nicht' Wir Juden sind dann aber diejenigen, die dem christlichen 'Staate entgegenstreben, sondern jene Scheinchristen, die durch ihren Hass und ihre Rohheit gegen andersgläubige Menschenbrüder den herrlichen Lehren des jüdischen Urchristenthums in/s Gesicht schlagen. Äus der Ersten Wiener Toynbee-Halle. Die immer rührigen Zionisten, die trotz manch krankhafter Idee immer wieder jüdische Interessen zu fördern und jüdisches Selbstbewusst sein wachzurnsen bestrebt sind, haben auch inWien eine neue Stätte gegründet, in der sie ihreThätigkeit— für sich, ungestört von anderen G^sinirnngsrichtungen — in eigener Weise entfalten können. Die Toynbee-Halle, dieses nach englischem Muster gegründetete Institut, ist der allabendliche Sammelplatz einiger zionistisch angehauchter Studenten, heiratslustiger Inngsranen, nach Thee dürstender Seelen und — last not least — einiger wissensdurstiger Jünglinge. Doch — werfen wir einen kurzen Rückblick aus das. was die Halle während der letzten Wochen geleistet hat. „Die Erziehung bei den alten Völkern," war das Thema eines gewissen Fräulein Kollmann, welche in anerkennenswerther, schulmeisterhafter Weise ihrer schwierigen Aufgabe sich zu entledigen wusste. Einen interessanten, wissenschaftlich angehauchten, dabei in populärer Weise wiedel-gegebenen biblischen Vortrag hielt der Liebling der Toynbee-Hallegäste, Herr Professor Dr. Leo Kellner. Nach den Ausführungen des Redners entspann sich eine höchst interessante Diskussion. Trotz der Gelehrsamkeit Pros. Kellners, die wir ganz und gar zu würdigen wissen, finden wir seine Behauptung, die Kinder Israel hätten die von Gott empfangenen, niedergeschriebenen Worte auf Ziegelplatten mit sich herumgetragen, zu kindisch. Auch die Bescheidenheit des Moses mit Cäsar, dem hochmüthigen Römer, vergleichen zu wollen, erscheint uns widersinnig. Doch der Präses der Toynbee-Halle hat immer Recht. Am nächstfolgenden Abend entspann sich auf Anregung des Herrn cand. theol. Ringwald eine lebhafte Discnssion über „jüdische Chntzpe." Wieviel hiebei jüdische Chntzpe zu Tage gefördert wurde, soll der Vergessenheit anheimaestellt werden. Wer weiß, wie lange noch über dieses Thema debaiiirl worven wäre, wenn nicht Reverend Hechler so tresiende Schlussworte gefnnden hätte. Erwähnt seien noch die ausgezeichneten, leicht fasslichen Vorträge der Herren Dr. Kornfeld, Dr. Engländer und Jork-Steiner, sowie die Bibelerklärung des Herrn Berliner. Für die Toynbee-Halle ungeeignet erschien uns der Vortrag über „Civilehe", und wäre es Herr Dr. Kahn nicht gewesen, wer weiß, wie es dem Referenten ergangen wäre? Eine Kritik über die „jüdische Ethik" um» sich der Schreiber nicht erlauben, da an diesem Abend „kein Einlass in Folge Ueberfüüung" das Motto der Toynbee-Halle war. Interessant waren auch die Vorlesungen der Herren Steinschneider (»Hass und Liebe") und Kohlt („Der kleine Clesmn"), sowie die Gesangsvorlräge der Herren Hochsteiner, Gebr. Samek und Deutsch. Die letzte Woche bot auch des »Guten genug." „Alexander der Große" wurde von Herrn stnä. Krampfl-cek gut vorgelragen. vom Publikum aber trocken ausgenommen; mit mehr Interesse folgte man dem Vortrage des Herrn Dr. Fischt über „Astronomie", obwohl auch während dieses Referates ein ehrwürdiger Alter an mich die Frage richtete: „Kommt der Thee noch nicht bald?" Samstag Abend sprach Herr cand. theol. Ringwald über „Agada", Sonntag Herr Dr. Horwitz über »Hamlet", während das Concert des Abends von dem Herrn Tedesco und dem Frl. Feigenbaum mustergiltig allsgelührt wurde. Dass endlich Frau Dr. Kahn am Samstag Abend unaufgefordert das Wort ergriff, möge auch erwähnt sein. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten, rmd an letzterem lässt es die Toynbee-Halle in keiner Weise fehlen. Vor allem die Ruhe — wir bedürfen ihrer so sehr, und in der Toynbee-Halle fehlt sie uns. »Viel Lärm um Nichts," das ist die Losung des „Abends". Welch grauenerregenden Scene» endlich vor der Halle sich abspielen, mag unberührt bleiben, und eine Kritik über Quantität und Qualität (storrenäum) des »aus Gnaden verabreichten" Thees abzugeben, unterlassen wir und zwar, um mit Herrn Jork-Steiner zu sprechen, aus „Galanterie vor den Damen." Die Wiener Toynbee-Halle hat während der kurzen Zeit ihres Bestehens schon viel Gutes geleistet, bedarf aber noch — wie jedes neue Institut — unendlich vieler Verbesserungen. Vielleicht wird der Schreiber dieser Zeilen, ei» aufrichtiger Freund und täglicher Besucher der Halle, in nächster Zeit einige zweckmäßige Vorschläge an dieser Stelle veröffentlichen. Im Uebrigen — Dank für das bis jetzt Geleistete und »Glück ans" zur weiteren Arbeit! Jüdische Älterthümer und Kunstwerke. Mit großein Interesse wurde in Wien uaö auswärts der Bericht über das „Indische Museum" in Inngbunzlan in Nr. 3 der „Wahrheit" vom 18. Jänner d. I. gelesen. Ich hatte im vergangenen Sommer bei meinem Aufenthalte in der an und für sich sehr interessanten und malerisch gelegenen alten Stadt des nordöstlichen Böhmens, die auch eine sehr alte, bedeutende jüdische Gemeinde mit altem Gotteshanse und merkwürdige,» Friedhose besitzt, Gelegenheit, unter Führung des Herrn Obercantors Benedikt Singer daselbst, diese merkwürdige und au Kunftwerkelt reiche Sammlung zu besichtigen, um deren Errichtung sich Herr Carl Schubert, Vorsteher der Jungbunzlauer Culiusgemeinde, besonders verdient gemacht hat. Die herrlichen Jahrhunderte alten Vorhänge zur Bundeslade (Porauches), Prachtstücke, im wahren Sinne des Wortes, die zur „Pracht und Herrlichkeit" einem jeden großen jüdischen Gotteshause gereichen würden, erwecken bei jedem fachkundigen Beschauer Bewunderung, und wir hoffen, bei der ersten großen Ausstellung jüdischer Alterthümer und Kunstgegenstände in der österreichischen Metropole, die nur mehr eine Frage der Zeit ist, den Kunstwerken der Juugbunzlauer jüdischen Gemeinde zu begegnen, von denen wir schon heule sagen können, dass sie allgemeines Aufsehen erregen werden. Dem Vorstande der Jnngbnuzlauer jüdischen Gemeinde muss man Dank zollen, dass er in oem ganz merkwürdig gebauten, viele Stockwerke hohen, massiven Gemeinde- und Schnlhanse, das eine der herrlichsten Aussichten in das malerische Jserchal bietet, einen besondern Saal für die herrlichen Sisre-Thora und sehr bedeutenden Kunstwerke eingerichtet hat. Unseres Wissens ist dies die erste derartige Einrichtung einer Eultusgemeinde, die es jedem Knuftkettuer, Gelehrten und Fachmanne ermöglicht, diese herrlichen Alterthümer und Kunstwerke in Augenschein zu nehmen. Mögen auch alle anderen alten und großen Gemeinden ihre htstorijcheu und Kunstdenkmäler in ähnlicher Weise einer fachmännischen Besichtigung zugänglich machen. Einen Wunsch möchten wir znm Schluffe noch äußern. Einige Prachtstücke der Jungbunzlauer Kunstwerke sollten scholl jetzt aus photographischem Wegc vervielfältig werden und, sei es als Photographien oder in Form von Ansichtskarten, mit kleiner beigefügter Beschreibung in die Oeffemlichkeit gelangen; ein eventuelles Erträgnis könnte einem wohlthätigen Zwecke zugefnhrt werden. — Ehrend wollen wir noch des greisen Schnlveleranen Herrn Hermann Pollak gedenken, der jetzt cur einer Geschichte der Jnngbunzlaner jüdischen Gemeinde und ihres alten Friedhofes, von welch letzterem er einen sehr interessanten Plan seinerzeit entworfen und veröffentlicht har, arbeitet und der besonders bei Ausstellung der Gegenstände im „Museum" und bei deren Catalogisirung verdienstvoll milgewirkt hat. M. A. Wien.