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Die Wahrheit · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. S. Me barfuß, weineird, vou. nagendem Hunger und Durst gemartert. Zwische-r ihnen Gruppen vou ungefähr hundert jungen Männern, die in zwei Zelten liegend, am Tage Marschübungeu tioruahmen, in dxr phantastischen Absicht,^zu Fuß über Budapest «ach. Hamburg zu wandern und vou dort in die weite Welt chjuauszugehen. Zu diesem Zeitpunkte wandte die rumänische Regierung M: Mittel an, um die Auswandermlg einer Bevölkerung zu verhindern, welche für Rumänien ein grgßeß Capit al bedeutet. Denn das köstbavste Capital eines Staates find doch die Menschen im Lande. U»rd der geringste Werth, den man einem Mensche» bcimessen kann, ist der Betrag seiner Versorgung. Selbst wenn man die Ernährungder 250.000 Juden Rumänien's ,mr mit jährlich 300 Francs per Kopf berechnete, verlor m.v.i doch bei ihrer Auswanderung ein Capital von 75 Millionen Francs im Jahre. Und da die Erfahrung lehrt, dass eine Mettschengruppe unter einigermaßen regulären Verhältnissen nur 'drei Mertel dessen verzehrt, was sie bervorbringt, so hätte der jährliche Verlust 100 Millionen Franks betragen. Keinerlei erschwerende Maßregeln vermochten indessen jetzt das leidenschaftliche. Verlangen der Unglücklichen zu hemmen, der Hölle zu entrinne», in der sie sich befanden. Und so begann «n ganz planloses Fortlaufen. Niemand dachte an etwas Anderes als an Flucht, au schleunige Auswanderung als einzige Rettung- Wer etwas Eigeuthuul besaß, verkaufte es zu einem Spottpreise und zog über das Weltmeer nach Amerika, Andere wurden in alle Winde - zerstreut. Diejenigen, welche gar nichts besagen, sondern täglich Hul'.ger. litten, verloren m ihrer Verzweiflung alle Ueberlegung; sie bildeten sich ein, durch wilde Aucht ihren Zustand verbessern zu können, und brachen zu Fuß mrit Frauen und Kindern auf, so dass man aus allen Land« tstroßen Numanien's Schaaren vou hungernden Juden sah, die «ach Constautinopel oder irgend einem Hafen wanderten, wo ste einen Rheder siuden konnten, der sie herabgesetzten Preisen «ach einer oder der anderen Inseln, wie Chpcrn oder Kreta «inschiffte, wo sie ihren Lebensunterhalt zu gewinnen hofften. Manche gingen nach England, Andere nach den Vereingten Staaten und Canada, Einzelne nach China. Die Donau aufwärts, aus den Eisenbahnen oder zu Fnß, strebten sie — vergebens — dem Unglück zu entfliehen. War- «ungen, doch nicht so jämmerlich ausgerüstet in fremde, ungastliche Gegenden zu ziehen, nützten nichts; der Auswandererstrom 'wälzte sich unablässig weiter. Keiner bemühte sich, ihre Noih zu Binder» mit Ausnahme ihrer Stammesgenoffen im Ju- und Ruslande. Vou der griechisch-orthodoxen Bevölkerung war keine Menschlichkeit zu erwarten. Doch mit Recht hebt ein rechtlich senkender protestantischer Prediger das Bedenkliche darin hervor, ^„Nathana e l", XVI. Jahrgang, 5. Heft) „dass auch die Protestanten in Rumänien den Juden keine Unterstützung zu- Eommen ließen und ihnen keinerlei Theilnahme bewiesen, oft -genug das Entgegengesetzte." Die unglücklichen Auswanderer folgten theils Anführern, bie ihrer Stellung keineswegs gewachsen waren, theils Lockxufeii habsüchtiger Abenteurer. Nur ein Beispiel: Ein Phantast, ber eine Flugschrift unter ihnen verbreitet hatte, worin versichert wurde, dass der Sultan in Anatolien rumänischen Colonisten reichlichen, fruchtbaren Boden angewiesen habe, bew.g Viele, darunter eine Gruppe vou 700 Personen, ihr Glück in Klein- «rfieu zu versuchen. Eine junge Frau, die Augenzeugin ihres Ruszuges gewesen, schrieb mir am 25. Mär; darüber: „Es ist mir unmöglich, die geistigen Qualen zu schildern, ble ich beim Anblick dieser Unglücklichen erlitten habe, die von Menschenhand vorsätzlich in's Elend gestürzt worden waren. Es war wie ein Bulcan in meinem Innern, als ich diese Menschen ^»»rbeiziehen sah, auf deren Gesichtern der tiefste Jammer und Hoch ein großer, fester Entschluss zu lesen war": Ein Theil von ihnen wurde schon an der türkischen ^Kreuze zurückgewiese», ein anderer gelangte freilich nach Anatolien, stand aber dort ohne jedes Werkzeug zur Bebauung meines unfruchtbaren Bodens da und musste kümmerlich den Rückzug antreten. Nicht besser erging es denendie nach Cyperu flüchteten. Die Arbeit in dem sumpfigen Bödeir. lürs'ihnen, ungewohnte Klima, die Mosqnito-Plage, welche'sie schrecklich mitnahul, und der elende Lohnmit dem sie-sich, vom-Hungergezwungen, begnügen mussten, veranlasste -sie bald, der Insel den Rücken zu wenden. Am träurigsten wirkte eiüe Flugschrift/ welche, in rumänischer Sprache abgefasst und .in Tausenden von Exemplaren gratisvertheilt, gewissenloser Weise ans nichts anderes ausging, alseiner geldgierigen Answanderungsügentnr> eine hübsche Einnahme . zu verschaffen. Mit der^ größtm .Verlogenheit wurde hier Kanada als wahres.Goldlaud/ gepriesen; in welchem die englische'Regierung den Ilnkömnckmgen iüchlMM reichlichen Erwerb, sondern volle Rechte als -russische Staats-» hii:±tr. würde/ Diese Flugschrift trieb Tauselide übörr den Ocean. - - --- Indessen nahm dieXllianos iorEito, die Mit dem Hauptsitz in Paris sich über Europa und-Amerika erstreckt, der Ans- -wanderer-sich nach Kräften an, und ihre Deputirten beriethen' gemeinsam, wohin mau mit einiger Aussicht Mus günstigen Erfolg den Strom lenken könne. Die Verhältnisse in Deutschland/ Oesterreich, Frairkreich und England machten -eine Massenein-. Wanderung in diese Länder unmöglich. Die Vereinigten Staaten^ erschienen auf diejDauer als einzig mögliche Znsluchtstätte. Dorthin drängte sich auch die Masse der Auswanderer ohne die geringste- Ahnuilg von dern amerikanischen Gesetz, das die Einwanderung, allen solchen Fremden verwehrt, die voraussichtlich der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen würden, oder deren Ueberfahrt von Anderen bezahlt worden ist, oder die bei ihrer-Anknnst von Anderen unterstützt werhen. (Fortsetzung folgt.) - Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. (O ester re i ch i fch - i f ra e k i t ifch e „U n i o n".)' Samstag, den 16. d., fand im Restaurant Khnner eine Vereins- Versammlung der Oesterreichisch-israelitischen ,,Union" statt, welche von eillem sehr zahlreichen, distingnirten Publikum besucht war. Unter den Anwesenden befanden sich der Vice-- Präsident der Wiener Cultusgemeinde, Landesschulrath -Dr. Gustav Kohu, die Cultusvorsteher Bezirksschulrath Dr. Marcus Spitzer, Director Simon, Architekt- Max Fleischer, : Obers ittgeiiieur Arthur von Mises, H. Eltbogen, ferner Director Heller, kais. Rath Schefftel. Scriptor Dr. Frankfurter, Custos Dr. Münz rc. Auch viele Damen bekundeten ihr reges Interesse für die eifrige Thätigkeit, welche die „Union" entfaltet. Präsident kais. Rath Ruzicka eröffnete die Versammlung mit einigen allgemeinen Mittheilungeu. Mit lebhaftem Bei fallewurde die Bekanntgabe begrüßt, dass die Zahl der Vereinsmitglieder innerhalb einer Woche um 140 gestiegen sri und bereits 2800 betrage, und dass die Werbearbeit unausgesetzt fortdauere. Hierauf hielt, sympathisch begrüßt, Herr Rabbiner Dr. Taglicht den ailgekündigten Vortrag über „Die ältesten jüdischen Bolksschnlen." Der Vortrag, der naturgemäß wenig Neues bieten konnte und gewiss auch nicht wollte, war a'usgr« - zeichnet in der Form und nach den aufgestellten Gesichtspunkten sehr geschickt geordnet. Der Vortragende entwarf ein umfassendes Bild von der Entstehung und Organisation der jüdi scheu Volksschule in talmudischer Zeit. Ohne Deuteleien wurden die pädagogischen Einsichten der Rabbiner vorgesührt, die spärlichen Notizen über Entstehung,. Einrichtung der Schulen, über die Methode des Unterrichts zu einem abgerundeten Ganzen verarbeitet. Ueberraschend. ist die Wahrnehmung, dass die moderne Erziehungslehre über die im Talmnd niedergelegten pädagogische» ' Grundprincipien nicht gar weit hinaus gekommen ist. So lautetdie Verordnung des Schnloberhanptes Abba Areka, dassKindervor dem sechstem Lebensjahre znm Unterrichte nicht ziizulassen seien. Gründlichkeit, knappe/ klare Vortragsweise ist die erste Anforderung, die an den Lehrer gestellt wird. Das Mud sollet wonröglich die ganze Schulzeit hindurch, bei einem Lehrer bleiben/

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