Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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<£tiie 4. Die N)ahrhert. Nr. 8. Nun sollte man glauben, dass bei so viel Schaden aus Ler anderen Seite auch Erfolge erzielt worden sind. Aber wie jeheil diese aus! Die Schlachtungen in den Wiener Schlachthäusern sind in stetiger Abnahme begriffen, ja die Genoffen- Ichaft der Fleischhauer hat sogar den Antrag auf gänzliche Einstellung des Schächtens cingebracht; ein Geist der Auflehnung und des Aufruhres herrscht unter vielen jüdischen Gemeinde- «ngehörigen; statt mit Nertrauen blickt man mit Mistranen zu *>fii Führern der Juden empor, und als letzter Trumpf gelangt Jetzt viel mehr Trefefleisch an Inden zum Verkauf als früher. Auch das mag schließlich als Erfolg verzeichnet werden, dass einigen Schächtern, auf Kosten der anderen, die sich am meisten rackern Müssen, ungleich viel gezahlt wird. Uebrigens scheint es Herr Rabbiner Mayersohn nicht ganz, genau mit feinem gegebenen Worte zu nehmen. Er hat versprochen, dass bereits vom 31. Zauner 1901 angefangen von jedem Rinde (60 kr.)1 K. 20 H. bezahlt werden wird, und wir zahlen noch heule 1 K. 60 H. Wem ist also zu glauben? Wird nun die Wiener Cultusvorstehung hilfreiche Hand Lieten, um einen ganzen Gewerbestand zu nnniren, und es ist nicht Dflicht der von uns gewählten Vertreter, auch unsere Interessen Ivahrzunehmen? Können sich die Herren nicht vorstellen, dass -vir unsere mit so viel Mühe und Selbstverleugnung errichteten Betriebe nicht wieder zu den früher bestandenen Fleischverschleißen «remacht werden dürfen, dass wir dagegen kämpfen und unseren Besitz bis zum letzten Athemznge vertheioigen werden? Oder ist cs wünschenswerth, dass wir eine Bundesgemeinschaft suchen, dis rtns entwürdigen würde? Nein, das kann nimmermehr der Wunsch einer solchen Mlltusvorstehung sein, wie wir sie besitzen, und hoffentlich wird in kurzer Zeit auch an dieser Stelle die Ansicht Eingang sinden, Lass geistliche und geschäftliche Agenden nicht einer Hand an- Dertrant werden dürfen, und dass die Regelung dieser Angelegenheit von Männern vorgenommen werden muss, die nicht zurr für das Beten, sondern auch für das Arbeiten ein wohl- IvoÜendes Auge haben! Wir Flei'chhauer und Selcher sind gerne bereit, Opfer zu Lringen, aber man darf uns nicht religiösem Uebereifer und Praktischer Kurzsichtigkeit znm Opfer bringen. Das geschieht nicht <inmal in Foscany, wo man, wie zahlreiche an mich gelangte Luschristen beweisen, lieber auf den Rabbiner verzichtete, bevor :»iau vielen Familien ihre Existenz geraubt hätte. Darum fort ,nit der neuen Reform, wir wollen mit der Cnltusgemeiude eine gerechte Einführung schaffen, die Allen zum Wohle und der ^ultusgemeinde zur Ehre gereicht. Hochachtungsvoll Gottlieh Herr m a n n, Fleischhauer, IX., Liechtensteinstraße 40. Ans Schächtcrkreisen erhalten wir solgende Zuschrift: Die Regelung der Schächtersrage, wie selbe von Herrn Rabbiner Mayersohn im Einvernehmen mit den fünf Vertrauens- Männern vorgenommen wurde, ist gewiss vollauf berechtigt und sür Wien sogar höchst nothwendig gewesen, aber es ist dabei so manches gewaltige Unrecht geschehen, das mich von den Vertrauensmännern geradezu gewundert hat. Dem ist wohl bei jeder neuen Einrichtung nicht auszuweichen, nur m u s s getrachtet werden, die Fehler und etwaiges Unrecht wieder gut zu machen. Lur Erreichung dieses Zweckes lvürden Sie, geehrter Herr Redacteur, nicht nur mich, sondern auch weitere, in dieser Frage rnteressirte Kreise durch Veröffentlichung nachfolgender Zeilen zu großem Dank verpflichten: Für Wien sind ca. 25 Schächter mit gewaltig differirendem, ja sogar hohnsprechend verschiedenem Gehalte angestellt worden. Unter diesen 25 gewiss fachlich genau approbirten und autolifirten Schächtern sind nun erstens solche, die noch nicht ganz Hwei Jahre in Wien domiliciren, andere wieder, die nicht nach Oesterreich zuständig sind, und drittens solche, die sogar das 4)0. Lebensjahr überschritten haben. Darf sich aber die Wiener Eultusgemeinde ihren Statuten gemäß erlauben, solche Männer als Fuuctionüre, als Religionsdiener anzustelleu? Der Herr Rabbiner scheint, trotz seiner eminent anerkennenswerthen und gewiss nicht zu unterschätzenden Regelung, zu vergessen, dass er in der Residenzstadt Wien und nicht in einer rumänischen Judenstadt lebt, und er darf sich auch nicht einbilden, dass alles ganz nach seinem Willen gehen muss. Für die ganze Angelegenheit ist nun von der Cultnsgemeinde ein Provisorium bis Mitte März angenommcu worden, nnd bis dahin soll man. Einsicht erhalten, wie hoch das Erträgnis der Schechila sich gestaltet, da mit demselben die Entlohnung der Schächter in Einklang zu bringen wäre. Wenn es aber überhaupt dazu kommt, vom Gehalte der Schächter zu sprechen, dann bitten wir den löblichen Vorstand genau zu erwägen, warum einem Schachet 1100 K. und einem anderen, ebenfalls neu ausgenommenen, von gleicher Qualisicallon nnd gleicher Arbeitskraft, ein Gehalt von 2600 K. zugefagr wird. Und weiter, was hat die Gemeinde damit erwirkt, wenn im Schlachthaus alles regelrecht hcrgeht, nicht aber in den Fleischbänken, wo das Fleisch znm Verkaufe gelangt? Hier liegt eben der Kernpunkt der Frage, und so lange die Fleischbänke nicht geregelt sind, hat Herr Rabbiner Mahersohn nur eine halbe Sache gemacht, und bei dem darf es nicht bleiben. Meines Erachtens sollte auf folgende Art vorgegangen werden. Es muß in allerkürzester Zeit bei der Cnltnsgemrinde eine Enquete mit folgender Zttsammenstellii iig einbernfen werden: 5 Cnltnsvoi steher, u. zw. 3 Mitglieder des Koscherfleisch-Comiles und 2 Mitglieder der Finanzsection, ferner 2 jüdische und 2 christliche Fleischhauer, 2 Selcher, 2 Schächter und 1 Aufseher (Raschgstich). Bei den Berathungen muss selbstverständlich auch das Nabbinat vertreten sein, dann wird man auch zu einer definitiven und vollkommen gerechten Regelung der Frage, soweit sie die Schächter, Fleischhauer itnö Fleischselcher betrifft, gelangen. Bemerkt sei noch, dass die Vertreter der Schächter nicht aus der Mitte der jetzt fungirenden Vertranrnsmänner genommen, sondern in einer neu einzubernsenden Vollversammlung der Schächter und Maschgichim gewählt werden sollen. Die Ethik Jesu?) Von Dr. I. K a h a n, Znaim Was geht uns Inden die Ethik Jesu an? — Scheinbar nichts, in Wirklichkeit aber sehr viel. Denn, fragst Du Freund und Feind, Gläubigen und Ungläubigen, wo die Sittlichkeit ihre Wurzel hat, welche Lehre die beste Moral predige, so wette ich tausend gegen eins, dass man Dich aus die erhabene Ethik Jesu verweisen wird als die Grundlage aller Sittlichkeit in Staat nnd Gesellschaft .Ja, man geht gar so weit, die europäischen Staaten christlich zu nennen, nicht etwa deswegen, weil ihre Einwohner zumeist sich Christen nennen, sondern weil der moderne Staat ans christlichen Anschauungen, aus christlicher Sittlichkeit, auf christlicher Cultur ausgebaut sei. Für den vorm theilsfi eien Kenner der christlichen Quellen war es allerdings längst kein Geheimnis mehr, dass die christliche Ethik die Lobeshymnen durchaus nicht verdient, die ihr gesungen werden. Aber eben der vorurtheilssreie Kenner ist eine Rarität, die man lauge suchen muß. Wer wollte oder konnte es immer untersuchen, ob irgend eine Tugend, die man christlich nannte, auch wirklich in der Ethik Jesu begründet sei? In ruhiger, sachlicher, jedem Laien verständlicher Darstellung hat nun Albrecht R a n die Ethik Jesu ihres Nimbus entkleidet und aller Welt gezeigt, was an ihr wirklich ist. Das Bild, das uns da entrollt wird, ist keineswegs geeignet, Begeisterung zu erwecken. Nicht nur wird der Ethik Jesu jede Originalität abgesprochen, sondern auch jede Brauchbarkeit für die menschliche Gesellschaft! Sie sei überhaupt keine sociale Ethik, sondern eine Anweisung, wie man sich angesichts des nahen Weltuulergangs zu verhalten habe, um der ewigen Seligkeit theilhastig zu werden (Seite 41). Wollte man die Moral des *) „Die Ethik Jesu," ihr Ursprung und ihre Bedeutung vom Standpunkte des Menschenthums. Von Albrecht Rau. Giessen, Verlag von Emil Roth.