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Die Wahrheit · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Stcbaction u. Administration Unabhängige Aeitschrifi für jnöifche Vien. n/1, Novaragaffe 27. Stk. Bfttrr. Postsparcassa LheS-Conto Nr. 846.251. Interessen. >»f>,ati: 2V Heller Per No,pareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. j»llonnementS- und Insertion»» beträge find in Wien zahlbar. Melle: .Das Siegel Gottes »st Wahrheit!" San,jährig Halbjährig . «. 12.- . St. 8.— Für Lultus beamte: «anzjährig ... 9. 10.—;[ I Für Ausland: | Sanzjährig .... 12 Wogt i{ 8 Rubel ober 18 Freä. tlr. 8. Wien, 22. Februar m Inhalt r Zur Regelung der Koscherfleisch-Frage. — Die Ethik Jesu. — Jüdische und christliche Rumänen. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Althebräische Musik. — Verschiedene Nachrichten — Feuilleton: Nihilist. Zur Regelung der Koscherfleisch-Frage. Wie uns mitgetheilt tvird. hat der Vorstalld der Wiener Cultusgemeinde beschlossen, das nunmehr bestehende Provisorium auf drei. Monate zu verlängern und dadurch dem Rabbinate weitere Gelegenheit zn bieten, genaue und umfassende Erhebungen zu pflegen, um auf Grund derselben endgiltige Vorschläge machen zu können. Es ist gewiss feine leichte Ausgabe, die damit dem Rabbinate übertragen wurde, und dieselbe wird um so ^schwierige, als ja das Rabbinat durch die rituellen Vorschriften, an denen es naturgemäß festhalten ^muß, eine gebundene Marschroute hat; aber trotzdem darf bei der Lösung der Koscherfleisch-Frage nicht der ^religiöse Standpunkt allein maßgebend sein, sondern es muß ohne Verletzung der religiösen Vorschriften auch den praktischen Bedürsnißen der Consumenten und Gewerbsleute Rechnung getragen werden. Vor Allem soll jede unnöthige Belastung der Letzteren vermieden werden, da immer die den Fleischhauern und Selchern anferlegte Steuer auf das consumirende Publicum zurückgemälzt werden wird und bei, den heutigen allgemein traurigen E-werbsverhällnißen, die sich bei unseren Glaubensgenossen doppelt fühlbar machen, eine Bertheuerung des Koscherfleisches, besonders in den ärmeren Bevülkerungsschichteu, schwer empfunden und zum Schaden des ohnehin vielfach abgestumpften religiösen Srnnes die Zahl jener vermehren würde, die statt des theuren Koscherfleisches das billigere Tresefleisch vorziehen. Bei einer so eminent praktischen und die breiteste Oeffentlichkeit interessirenden Frage darf auch die össenliiche Discussio» nicht fehlen, da gerade durch dieselbe mancher praktische Vorschlag zu Tage gefördert werden könnte. Und wenn auch einmal auf der einen oder anderen Seite ein schärferes Wort fallen sollte, so darf an demselben nicht allzusehr Anstoß genommen werden. Immerhin werden wir bestrebt sein, die Discussion auf rein sachlichem Gebiete zu erhalten und persönlichen Angriffen möglichst aus dem Wege zu gehen, wiewohl es oft schwer fallen -irrste, die Person von der Sache zu trennen. In diesem Sinne veröffentlichen wir im Nachfolgenden zwei an uns gelangte Zuschriften und sind gerne bereit, weiteren Enunciationen. in unserem Blatte Raum zn gewähren: Geehrte Redaktion! Tie letzte Veröffentlichung meiner Zuschrift hat nicht nur unter meinen Geschäftsco liegen Zustimmung gefttnden, sonder» auch fast ausnahmslos bei allen Schächterll. Freilich durften die letzteren nur „unter vier Augen" ihr Einverständnis bekennen, was jedenfalls ein Beweis ist, dass sie nicht ans Ueberzeuguuz. dem Herrn Rabbiner Mayersohn Gefolgschaft leisten, sonder» ans Furcht, dass es ihnen so ergehen könnte, wie seinerzeit vielen jüdischen Gewerbsleuten in Foscany (Rumänien). Hufcdiese Furcht zwingt die armen Teufel, alles, was »on ihnen verlangt wird, zu leisten. Die Koscherfleisch-Frage - regeln, ist gewiss eine gerechte Sache, aber nur insolauge hiebei wirklich Gerechtigkeit geübt wird- Die jetzt vorgenommene Regeln,ig ist jedoch nichts weniger als gerecht, und zwar schon deshalb, weil sie einseitig vorgenomme» wird, ohne diejenigen zu Rathe zu ziehen, beneu eine reiche Erfahrung zu Gebote steht und die berufen waren, die Dolmetsche der von der Regelung betroffenen Kreise zu sein. Drei volle Jahre ist an der Regelung hernmgearbeited worden, und Keiner hat sich gesunden, der rücksichtslos genug, gewesen wäre, die Angelegenheit mittelst eines Decretes aus der Welt zu schaffen, damit aber auch zugleich 200 —300 jüdische Gewerbetreibende brotlos zn machen. Uneingeweihten möge» meine Worre vielleicht als eine Uebenreibung erscheinen, aber ich frage, wie kann ein kleiner Gewerbetreibender, der täglich 50—150 Kilogramm Fleisch verkauft und von diesem kärgliche» Verdienst eine Familie ernähren muss, die Last auf sich nehmen, 500 Gulden für einen Aufseher zu bezahlen? Und wer soll den» eigentlich dieser Aufseher sein? Ein zu einer rituellen Verrichtung, d. h. zum Schlachten nicht mehr fähiger Mann, also Jemands der nicht einmal das volle Vertrauen des Rabbi Mayersoh» genießt, wird über den jüdischen Fleischhauer gestellt. Wie mit den jüdischen Fleischhauern umgesprungen wird, beweist das Auftreten gegen einen hochachtbaren Fwnchhauer, einen wahrhaft frommen Mann, dem Rabbi Mayersohn aus seilte Frage, was er nun beginnen solle, da es ihm nicht möglich sei, 500 Gulden zu zahle», die einfache, von echt jüdischer» Gefühle zeigende Antwort gab: „Sperren Sie, Herr Lustig, (der Mann bat mich seinen'Namen öffentlich zu nennen) zu und gehen Sie wegen meiner betteln!" Einen solchen Rath hat ma» zu erwarten, wenn mau 60 Jahre ein ehrlicher, treuer und gläubiger Jude war. Uebrigens reiht sich diese Antwort der den jüdischen Selchern von einer anderen Seite gegebene» würdig ark.

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