Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaction u. Administration Wien, n/1, Novaragaffe 27. . ft. 1. östrrr. Postjparcaffa Anakhängige Heiischrist für Msche Jhpmspatft: Ganzjährig . . . ft. 12.— Halbjährig ... ft. 6.— ,, Aheck-Conto Nr. 846.251. j Interessen. Für Lultusbeamte: Inserat«: Ganzjährig ... ft. 10.— 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ansland: jAbonnementS- »md Insertion-» Ganzjährig .... 13 »ark betrüge find in Wien zahlbar. Mott»: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit \" 6 Rubel oder 16 Frc». Nr. 7. Wie», 15. Februar Ml. Inhalt r Kaiserworte gegen den Antisemitismus. —5 Protestversammlung der Juden Berlins. — Einiges über jüdische Realschulen. — Die Jude» in Budapest. — "Dro domo. — Jüdische und christliche Rumänen. — Feuilleton: Heimweh. — Wann werden wir uns organifiren? — Verschiedene Nachrichten. Kaiserworte gegen de» Antisemitismus. Seit Jahren geht eine. stark reaktionäre Strömung durch die Welt, der sich selbst freiheitliche Staaten nicht ganz entziehen konnten, und vielfach ist die Ansicht verbreitet, dass die Herrscher es sind, welche auf diese Weise die dem Socialismns, der Aufkläruttg und der Unzufriedenheit zulieigendcn Kölker zum stillen Gehorsam zurückführen wollen. In dieser „Rnckwärtsconcentrirung" spielt der Antisemitismus eine große Rolle, und da von den Antisemiten so oft darauf hingewiesen wird, dass ihre Bestrebungen in den höchsten Kreisen Billigung finden, erscheint es nicht uninteressant, die Stellung einzelner Fürsten zu dieser modernen Krankheit zu beleuchten. Wie sich Kaiser .W i l h e l m zum Antisemitismus verhält, das hat er erst in der Vortyoche wieder geoffenbart, als er, verbürgten Zeitungsmeldungen zufolge, zu dem jüdischen Generaldirektor B a l l i n in Hamburg sagte: „Sie stehen noch nicht an der rechten Stelle; es muss dafür gesorgt werden, dass Sie dahin gelangen." Und als Ballin hierauf antwortete : „Majestät wissen wohl nicht . . .* Da unterbrach ihn der Kaiser mit den Worten: „Was weiß ich nicht? Dass Sie Jude sind? Das ist mir ganz gleichgiltig, das macht mir nichts. Das können Sie Jedem sagen." Aus diesen Worten ist wohl genugsam klar zu ersehen, dass Kaiser Wilhelm kein Antisemit ist. Und wenn man dem gegenüber die, Frage stellt, wie es dann komme, dass in der ganzen deutschen Armee kein einziger jüdischer Officier zu finden sei, so können wir aus authentischer Quelle versichern, dass nicht der Kaiser hieran schuld ist, sondern der Dünkel der deutschen Officiere, welche keinen Juden zum Avancement Vorschlägen. Wer aber nicht von den Officieren des Regimentes vorgeschlagen wird, kann nicht zum Officier ernannt werden, selbst wenn es der Kaiser wollte. Dass Kaiser Wilhelm auch jüdische Officiere haben möchte, geht schon aus Folgendem hervor: Bei einem Mannöver fiel ihm ein Freiwilliger ins Auge, der sich als ganz besonders strammer Soldat erwies und den Dienst vorzüglich versah. Da dieser Mann die Knöpfe nicht hatte, das Zeichen, dass er zum Officier befähigt sei, lieft der Kaiser Wilhelm den Obersten des Regiments kommen und fragte ihn, warum denn dieser Mann, der so ausgezeichnet verwendbar sei, die Knöpfe nicht besitze. „Majestät," erwiderte der Oberst,, „der Mann ist Jude." . „So, Jude?" meinte der Kaiser. „Merken Sie sich, Herr Oberst, dass ich in meinem Heere weder Juden noch Christen kenne, sondern blos Soldaten!" Sprach's und wendete sich von dem Obersten ad. Während seiner Studieuzeil in Kiel zählte Kaiser Wilhelm^ damals noch Prinz Wilhelm, einen Juden, den Sohn eiaeK Rabbiners, zu seinen besten Freunden, und als dieser Jude später einmal im Park von Charlottenburg spazieren ging, wurde er von Kaiser Wilhelm erkannt und aus das herzlichste begrüßt, ja, er lud ihn auch zu sich zu Tische. Auch König Eduard von England hat seine Judensreuudlichkeit offen bekundet. Als. Prinz von Wales weilte er vor mehreren Jahren aus einer ungarischen Besitzung beim Baron Hirsch. Es war dies blos eine Unterbrechung seiner Reise^ denn von hier wollte er nach Keßthely, um den Grasen Tassila Festetics zu besuchen. Vor seiner Abreise telegraphirte er an den Grasen, er komme am nächsten Tage und zwar in Gesellschaft des Baron Hirsch. Die Antwort des Grafen lautete, er werde Se. königliche Hoheit mit geziemenden Ehren empfangen^ verzichte aber aus den Besuch des Baron Hirsch, da er keinen. Juden bei sich als Gast zu sehen wünsche. Hieraus erwiderte der Prinz, dass er nicht mehr die Absicht habe, nach Keßthely zu kommen. Und thatsächlich blieb er noch einige Tage beim Baron. Hirsch und reiste dann, ohne den Grasen Festetics gesehen zu haben, nach England zurück. Bezeichnend ist es, dass es gerkde die Herrscher der reichsten und handelstüchtigsten Völker Europas, nämlich die Deutschlands und Englands sind, welche nicht anstehen, den allgemeinen reactionaren Bestrebungen gegenüber ihre Sympathie» für die Juden kundzugebeu. Vielleicht dies gerade deshalb» weil sie den Handelsgeist, der den Juden so oft zum Vorwurf gemacht wird, auch bei ihren Völkern kennen und schätzen gelernt haben und hiedurch zu der Ansicht gelangt sind, dass zum Wähle der Völker besser ist, die nützlichen Eigenschaften der Juden zu verbreiten, als die Juden selbst ganz und gar zu unterdrücken. _■ protestversammluug -er Juden Lerlins. Fast zu gleicher Zeit, als Kaiser Wilhelm in ganz unzwei-- deutiger Weise die Zugehörigkeit zu einem-bestimmten Religionsbekenntnis als vollkommen nebensächlich für die Beurtheilung. und Wertschätzung, irgend eines seiner Unterthanen bezeichnete