Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Die Wahrheit. Gdite 5 Thor, das nachmalige Wiener Thor. Sabbaththor (82omdati Laxu), im „Ofner Stadtrecht": „Sambstager Margk" benannt wurde. Unter dem König Sigmund brach in Ofen wieder eine Judenverfolgung aus. Andererseits lesen wir, dass während seiner Regierung französiche Juden sich in Ofen niederließen. So berichtet Bertrandon de la Barquerie, der oberste Stallmeister des Herzog Philipp des Güten von Burgund, der nach Ostern 1843 auf seiner Rückreise von Palästina sich in Ofen aufhielt: „Man sieht daselbst viele Juden die französisch sprechen und von welchen mehrere von der Classe jener sind, die aus Frankreich vertrieben wurden." Damals erfreute sich die Ofner Gemeinde so großen Ansehens, dass sie als die erste im Lande galt.. Wenn die Gesammtheit der Juden an den Herrscher ein Anliegen hatte, so war es die Ofner Gemeinde, die an die Spitze der Action stand und das Amt einer Fürsprecherin übernahm. Bei festlichen Gelegenheiten entfaltete die Gemeinde großen Pomp. Als König Mathias mit seiner Braut Beatrix von Neapel seinen feierlichen Einzug hielt, da empfingen ihn auch die Juden festlich^ Der greise Judenvorsteher zu Pferd mit einem Schwerte, woran ein silbernes, zehn Pfund schweres Fäßchen hieng. Ebenso geschmückt folgte dem Greise sein Sohn, dann vierundzwanzig jüdische Reiter, kastanienbraun gekleidet, jeder mit drei Straußenfedern auf dem Hute, endlich zweihundert Mann zu Fuß mit einer rothen Fahne, worauf in der Mitte ein Eulenfuß, oben die jüdische Tiara, unten zwei goldene Sterne prangten. Die Gesetztafelu tragend und singend, gingen sie vor der Königin einher. Ihre Fürsprecher: Farkas, Miwl. Hozman-Mayer stehlen im Namen der Judenheit des ganzen Landes, der König möge ihre Privilegien bestätigen, was der König auch that. Auch nach Stuhlweißenburg begleiteten ihn die Juden in feierlichem Aufzuge zur Krönung. Mathias betraute den Vorsteher der Ofner Judengemeinde, den erwähnten Miwl oder Mendel, der zu den angesehensten jüdischen Familien des Landes gehörte, mit der" politischen Vertretung der ungarischen Judenheit. Der officielle Titel Mendel's war Präfect; sein Reichthum soll ein colossaler gewesen sein. Gegen Ende des XV. und Anfangs des XVI. Jahr- , Hunderts gab es wieder Judenverfolgungen. Besonders traurig c gestaltete sich das Los der Juden nach der Mohacser Katastrophe. Sultan Suleiman schleppte einen großen Theil der Ofner und Graner Juden nach Constantmopel und alsbald bildeten sich in allen größeren Orten der Balkanhalbisel, ungarische Judengemeinden. In Constantinopel selbst hatten die „Ofner" eine ansehnliche Gemeinde mit Synagoge, welch' letztere im Jahre 1554 nebst einigen hundert Judenhausern einem Brande zum Opfer siel. In Ofen selbst war eine Anzahl von Juden zurückgeblieben, und da die Qsmanen ihnen gegenüber sich leidlich tolerant zeigten, blühte die Ofner Gemeinde wieder auf und das Ofner Ghetto ward alsbald zu einem weitberühmten Handelsplätze. Man sprach weit und breit vom Reichthnm der Ofner Juden. Die wiederholte Belagerung der Stadt brachte jedoch viel Elend über sie und als 1686 der Türkenherrschaft für immer ein Ende gemacht wurde, da hatte auch für die Ofner Juden das letzte Ständlein geschlagen. Kaum hatte die Stadt von Leopold I. ihre Privilegien als kön. Freistadt erneuert, so war es ihr Erstes, die Ausweisung der Juden zu betreiben. Leicht wurde das der Stadt nicht gemacht, denn die Herrscher nahmen die Partei der Juden. Nach der im Jahre 1735 durchgeführten Conscription zählte die Ofner Judengemeinde damals ' 32 Familien mit 156 Seelen, darunter 71 Kinder, 3 Lehrer, 1 Diener, 18 Mägde. Meist waren es eingewanderte Familien, nur 12 ungarischen Ursprungs'; der Beschäftigung nach waren die meisten Kaufleute. Am 17. Juni 1746 gab Königin Maria Theresia den wiederholten Urgrenzen der Stadt Ofen Folge und sammtliche Juden mussten die Stadt verlasien. Die meisten von ihnen übersiedelten nach Altofen — so die Familien Leitersdorfer, Politzer, Nickolsburger, Pollak, Schlesinger, Bachrach, Teltsch, Bürgels der Vorsteher Simon Göczel u. A. Erst nach Erlassung des Toleranzedicts Josef II. (2783) konnten sich Juden wieder in Ofen niederlassen; das erste jüdische Gasthaus: wurde trotz des Protestes der Stadt mit Statthalterei-Erlaubnis im Jahre 1736 eröffnet. Die christliche Bevölkerung verhielt sich fortwährend feindselig gegen die Inden und noch 1348 verlangte sie die Vertreibung v Zu der einstigen Größe, namentlich zu dem einstmen Ruse tonnte es die Ofner Judengemeinde nicht mel.'- ringen; sie blieb unansehnlich, fast könnte man sagen, bis au, v.n be''tia?n Tag. _Ueber die Geschichte der- Ju':.-u in Altofen vor dem XV11I. Jahrhundert ist wenig bekannt. Nach der 1737er Conscription wohnten damals dort 43 jüdische Familien mir 198 Seelen; ungarischer Herkunft waren davon nur acht, die meisten stammten uns Mähren. Gemeindevorsteher war Mendel Hirsch, Lehrer Abraham Wolf, Cantor Hirsch. Einen Rabbiner hatte die Gemeinde nicht. Die Altofner Juden erfreuten' sich des . Schutzes der Grundherrin Gräfin Peter Zichy, welche auch die Niederlassung der vertriebenen Ofner Juden begünstigte. Die 1752er Conscription weift schon 59 Familien aus. Die Gutsherrin stelte der Gemeinde 1765 einen Privilegiumsbrief aus, in welchem sie ihr volle Religionsfreiheit gewährt und deren Angelegenheiten regelt. Im folgenden Jahre wird Altofeu eine Kronherrschaft, und die Judengemeinde gelangt unter die Botmäßigkeit der Kameralverwaltung, welche ihr 1766 einen vom Grafen Anton Graffalkovich unterfertigten Protectionsbrief auSstellt. mit denselben Freiheiten, welche die Gemeinde unter den Zichys genossen hatte. Unter Josef II. baute die Gemeinde eine Schule, hauptsächlich um dem Monarchen zu Gefalle» zu sei», von dem sie wusste, „daß dieß Fach eins von seinen beliebtesten Verlangen ist". Die feierliche Einweihung der Schule erfolgte am 22. Juni 1784; die Gemeinde : darauf, dass, wenn sie eine große Feierlichkeit vLransrauel, „so kommt solches ohne Zweifel auch in die tungen" und der Kaiser werde seine Freude daran haben. ^)ie Festrede hielt der Arzt Dr. Joseph Manes Qesterreicher, dem Joseph II. 1781 gestattet hatte, das Doctorat an der Öftrer Universität ablegen zu dürfen — eä war dies der erste Jude, der an einer österreichisch-ungarischen Hochschule zum Doetor der Medicin promovirt wurde. Die Altofner Gemeinde war auch die erste der Budapester jüdischen Gemeinden, die einen prächtigen Tempel baute, denselben der im vorigen Jahre restaurirt worden ist. Am Anfang des XU. Jahrhunderts war die Altofner israelitische Gemeinde die angesehenste des Landes. Sie zahlte im Jahre 1803 527 Familen; die vornehmsten waren die Abeles, Bobelle, Boskowitz, Goldberger, Graner, Hollitscher, Kanitz, Kunewalder, Offenheimer, Reuß, Ziltzer. Sie trieben hauptsächlich Handel, daneben aber auch Industrie und Handwerk; die Golosch ni^re hatten ihre eigene Zunft. Die blaue Leinwand der Altofner Juden war berühmt. Mit dem Aufblühen der Pester Gemeinde begann das Ansehen der Altofner zu sinken; viele Altofner siedelten nach Pest über. Aber noch heute ist die Altofner israelitische Gemeinde eine der strebsamsten und geachtetften im Lande; ist sie auch nicht so vermögend und tonangebend wie einst, so hat sie doch ihren alten guten Ruf nicht eingebüßt, und noch heute ist der Altofner Jude stolz auf seine Herkunft. (Schluss folgt.) Jüdische und christliche llumäueu. Bon Dr. Georg'B ran d es in Kopenhagen*). Brich aus in lauten Klagen, Du düstres Martyrerlied, Das ich so lang getragen Im flammenstillen Gemüth! Heinrich Heine. Die Barbarei, welche, ständig im Steigen begriffen, das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnet, hat sich u. A. in einer Wiederbelebung des N.rtionalitäten- und Rassenhaffes Lnst gemacht, den die vornehmsten Vertreter euro- *) Wir entnehmen diesen vortrefflichen Aufsatz des gefeierten Literaten dem Januarheft der dänischen Monatsschrift „Tielskuerao". Die Red.