Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dte Dahryen. Sekte 4. Nr. gläubigen behinderten, aufs eifrigste das Wort. Auch sonst machte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders in den Großgemeinden, ein immer stärtererTerrorisMusauf Seite der reformistisch gesinnten Gemenrdeleitung gegen die gesetzestreue Minderheit geltend, am stärkten in Frankfurt a. M, wo auf Veralassung des Gemeindevorstandes die noch vorhandenen Lehrhäuser zur Pflege' des Talmudstudiums polizeilich geschlossen Mmden.^ ' Gerade dort, in Frankfurt a. M. traten nun 1848 eine Anzahl gesetzestreuer jüdischer Männer zusammen und erwirkten nach langen, unausgesetzten Bemühungen die Erlaubnis, eine Religionsgesellschafr aus streng religiöser Basis zu gründen. ZumMabbiner dieser Religionsschule wurde der als unermüdlicher Vorkämpfer des gesetzestreuen Judenthums in Wort und Schrift bekannte Berfasier der „Neunzehn Briefe" und des »Choreb", Samson Raphael Hirsch, damals Landrabbiner in Nikolsburg, berufe», der 1851 sein Amt antrat. Er wusste den opferwilligen Mitgliedern dieser Vereinigung sofort klar zu machen, dass eine Schule das nothweudigste und wichtigste Mittel zur Pflege des jüdischen Geistes sei, und dass auch die moderne Bildung in demselben Umfange wie in anderen höheren Lehranstalten darin idre Stätte finde» müsie. Aber jüdisches Wissen und moderne Bildung sollten nicht als zwei disparate Elemente betrachtet merdeu, die sich gegenseitig Concesfionen zu machen und sich rvohl oder übel miteinander zu vertragen hätten. Die Tendenz ber Anstalt war vielmehr die: religiöses Wissen und gesetzesireues Leben so innig mit weltlichem Wissen und modernem Leben zu verschmelzen, dass sie sich gegenseitig durchdringen und befruchtend auf einander einwirken. Taifroh im Derecb erez umr die Devise der neuen Anstalt, die 1853 zunächst mit vierblassen für Knaben und für Mädchen eröffnet und innerhalb ivemgcr Jahre vollständig ausgebaut wurde. Dass auch das weibliche Geschlecht neben einer zeitgemäßen Bildung mit gründlichen jüdischen Kentniffen ausgerüstet und mit den heiligen Schriften Im Urtext bekannt gemacht wurde, war eine selbst im gesetzestreuen Lager ziemlich neue Forderung, mit deren Durchführung der geniale Begründer und Leiter der Anstalt das Ziel erst vollständig erreichte, das er sich vorgesetzt hat. In der Knabenschule (von der wir hier allein zu sprechen haben) wurde der hebräische Unterricht so orgauisirt, dass die Schüler Gelegenheit erhielten,: die Kenntnis der heiligen Schrift rmd des reichen in der mündlichen Lehre niedergelegten Gesetzesinhalts des Judenthums an der Quelle zu schöpfen, und dass die Begabteren dadurch befähigt luütDeii, auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft zu liefere» Studien vorzuschreiteu. Für das Lehrziel im profanen Unterricht war neben dem Strebe» nach allgemeiner Bildung das Interesse der vorwiegend kaufmännischen Kreise der Handelsaustalt Frankfurt maßgebend. Daher wurde die Schule als Realanstalt mit zwei fremden Sprachen und eingehendem mathematisch-naturwissenschaftlichem Unterricht ganz nach dem Lehrplan eingerichtet, wie er für die damaligen höheren Bürgerschulen, jetzigen Realschulen, maßgebend war. Dass das Ziel des hebräischen Unterrichtes erreicht wurde, betvies die immer wachsende Pflege jüdischen Geistes und jüdischen Lebens in dem Kreise der Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., die immer mehr das Muster einer modern gebildeten, ^streng gesetzestreuen Gemeinde wurde und das in der alten Stammgemeinde fast gänzlich verdrängte<Studium der Gotteslehre wieder zu hoher Blüthe brachte. Die Leistungen in den profanen Fächern aber wurden nicht nur von den Bchördeu der alten freien Stadt Frankfurt, sondern auch nach dem Uebergange Frankfurts -an Preußen von den preußischen Schulbehörden als völlig gleichwerchig mit den Leistungen anderer Realanstalten anerkannt. Dies sprach sich darin aus, dqjs der Anstalt im Jahre 1867 zur selben Zeit wie dem Philantropiu die Befugnis ertheilt wurde, ihren Absolventen wissenschaftliche Zeugnisse zur Berechtigung für beu Einjährig. Freiwiüigendienst auszustellen. Die Schule, die bis 1875 vom Rabbiner Hirsch selbst, von da ab bis 1900 von seinem Sohne, Dr. Mendel. Hirsch, geleitet wurde, hat inzwischen an Frequenz und Ansehen bedeutend zugenommen. Das durch die Freigebigkeit des in den - letzten Tagen verstorbenen Barons Wilhelm v. Rothschild erbaute und 1882 bezogene prachtvolle Schulhaus wird jetzt von ca,. 350 Schülern (die daran angebaute Mädchenschule von ca. 28>0,Schülerinnen) besucht, die von 12 wissenschaftlichen, 6. Elementarlehrern (und 7 Lehrerinnen) unter reichtet werden. (Schluss folgt.) Geschichte der Luden in Ludapest. Dem unermüdlichen und segensreichen Wirken der israel. Ungar, litterarischen Gesellschaft verdanken wir auch Heuer das Entstehen einer ausgezeichneten Preisschrift über die e schichte der Iuden in Budapest *). Der Verfasser, Dr. Alexander Büchler, behandelt in derselben auf Grund eingehender wissenschaftlicher Forschungen und in überaus fesselnder Form die Entwicklung des Cultus- und Culturlebens in den drei auf dem Territorium des heutigen Budapest allmälig entstandenen Cultusgemeiuden Ofen, Altosen und Pest. Im Nachfolgenden wollen wir es nun versuchen, einige Auszüge aus der sowohl den Fachmann als auch den Laien befriedigenden Und höchst schätzenswerthen Arbeit zu geben: Die älteste jüdische Gemeinde in Budapest war die Ofner. Hier hat es schon in den ältesten Zeiten Juden gegeben; es wurden jüdische Grabsteine aus dem 13. Jahrhundert gefunden, doch lässt sich die Existenz der Ofner Juden in Documenten bis ins 12. Jahrhundert verfolgen. In ergreifender Weise geschieht auf dieses hohe Alter Berufung in einer aus dem Jahre 1713 stammenden Eingabe, in welcher es heißt: „Es halt aus angebohrner allerhöchster Clemenz dieses durchlauchtes Ertzhaus von Oesterreich bey glorwürdigster Eroberung des aus Ottomanischen Portheu Joch vorhin darunter gewesten Königl. Haupt, und Residenz Statt Ofen vor die arme Judenschafft, als derer Vorfahren von denenen durchlauchtigsten und glohrwürdigsten Königen in Hungaren eine ganze Judeugasseu und Synagog innegehabt, wessen Wahrzeichen nebst denen Heüsern die Grabschriften in Stein gehauen von 500 bis 600 Jahren vorhanden seyudt, die allerhöchste gnade gehabt." Die Geschichte der Ofner Juden ist übrigens eine Kette fast ununterbrochener Leiden; Verfolgung reiht sich au Verfolgung, das Duster ihrer Geschicke wird nur selten durch einen Sonnenstrahl »erhellt. Ein solcher war -er aus dem Jahre 1251 stammende Freibrief des Königs Bela IV. Ungefähr um diese Zeit bereiste der Wiener Gelehrte Jsak den Moses Ungarn, und sein Weg führte ihn auch nach Ofen und Gran, wo seine Glaubensgenossen ihn fragten, ob die Frauen in den warmen Quellen dieser Städte das rituelle Bad nehmen dürfen. Der Rabbi gestattete, dass die jüdischen Frauen von „Bude" die Thermen benützen. Der „schwarze Tod", der im Jahre 1348 wüthete, war ein Anlass zur Judenverfolgung, wie in der Folge jede Epidemie, jede größere Katastrophe. An Allem waren die Juden schuld. Man braucht nur das „Öftrer Stadtrecht" zu lesen, von welchem Michuay und Lichner im vorigen Jahrhundert eine neue Ausgabe veranstalteten, um einen Begriff von den Demüthiguugen und Bedrückungen, von den schweren Lasten und Braudschatzuugen zu erlangen, denen die Juden im Mittelalter bei uns gerade so wie in ganz Europa ausgesetzt waren. Trotz alldem bildeten sie im Ofen eine ganz ansehnliche Gemeinde, gab es doch eine ganze Judengasse (Platea Judaeorum), die heutige' St. Georgsgasse, und ein Judenthor (das spätere Weißenburger Thor). Neben diesem Thor stand die Synagoge, und durch das Thor wurden die Todten nach dem Friedhof befördert, der in der Gegend der jetzigen Christinenkirche gelegen war. Der Historiker Josef Podhradczky har noch im Jahre 1833 einzelne Grabsteine dieses Friedhofs gesehen. Später mussten die Juden in die heutige Werböczygasse übersiedeln, und seitdem hieß diese Judengaffe, während das benachbarte *) A zsidök törtenete Budapesten a legregibb id&ktöl 1867ig. Irt» Dr. Bfiehler Sändor. Budapest 1801. mm \r:\