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Die Wahrheit · 1901-02-01 · Heft 5 (1.2.1901) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Hesterr - ungcrr. KcrntoMN-Dertrtrrg. Nr. 5. Meitage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 21. Iahrg. Synagoge und Canior vor und nach Sulzer. - Von Obercantor P. M i nko w S k y, Odeffa. (Schluss.) Der Boden war für Empfänglichkeit reif geworden; es fehlte nur an Jnüialoren und Mustern. Was das erste aubetrifft, bin ich in der glücklichen Lage eonstatiren zu können, dass es die Gründer Meiner Gemeinde waren, Männer aus dem Westen, die die Snepazen eines Reformkriegs kennen gelernt, oder selbst vielleicht vurchgeuiachr baden und bei ihrer Uebersiedlurch nach der neuen blühenden Stadl Odessa die europäische Culmr feit sich brachten. Diese Männer waren es, die zuerst gewagt häben, den Rubicou zu übersetzen und einen Tempel, der einen ausländischen Namen (Brodier Schul) trägt, aufbauen ließen, wo der . weltberühmte Canror Nisstm Blumenthal 52 Zahre amtirre und wo Schreiber dieser Zeilen seit 8 Jahren -die. Ehre hat zh suugiren. Diese Männer waren die Initiatoren des modernen Gottesdienstes in Russland. Alles was die „Brodier" einsüdrten. war und ist bis nun in allen Gemeinden Russlands ohne weiters nachgeahmt. *) Das Andere, nämlich das Muster, war weder Seesen noch Leipzig, weder Berlin noch Hamburg, sondern Wien! Und in den sechziger Jahren wurde Wien zum chasonischeu Mekka erklärt, wohin alle Vorbeter Russlands schaarenweise pilgerteu, ur» den Meister der „Schire Ziou" persönlich zu sehen und zu hören. Es wurde mit einem Male für einen Cautor fast unmöglich, einen Posten zu bekleiden, wenn er nicht seine Ordination (N2'vv) von der Akademie zu Wien zeigen konnte. Die Synagogen wurden renovirt, neue Ordnungen eiugeführt, Almemors wurden demolirt und Altäre aufgebaut, und Sulzer zum Alleinherrscher der jüdischen Liturgie anerkannt. Der Sulzerparoxismus, der alle russischen Cantoren erfasste und fanatisirte, ließ auch an Lächerlichkeiten nicht mangeln. Es wurde viel, vielleicht mehr als nöthig, „gesulzert". Jeder Hauch, jede Pause, jede Miene, jede Geste, jede Nuance, die Tracht, der Haarschnitt, auch das Gähnen und Husten, mit einem Worte, was Sulzer zufällig oder absichtlich that, wurde * mit allem Eifer auf das Genaueste nachgeäfft, obwohl auch hier galt: „Quod licet Jovi, non licet bori.a Vom musikalischen Standpunkte war hier der „Schir Zion" im Anfänge zwar sehr hoch bewundert, aber zu wenig verstanden. Der alle, weiche, elegische, sentimentale und lyrische Gesang, der seit Jahrunderten unter den russischen Juden Wurzel geschlagen hat, ließ sich nicht so leicht durch den harten, calculireudeu und dramatischen Vortrag Sulzers verdrängen. Es musste lange Zeit dauern, bis der homophone Gesang, oder der kakophonische Lärm, der seit jeher im jüdischen Gotteshause in Russland schaltete und waltete, den polyphonen Piecen Sulzers den Plätz räumen konnte. Schneller als die Piecen wurden die Responsen, rricht als Ohrenschmaus, sondern als Mittel zur Ordnung, ausgenommen. Die Harmonie des „Schir Zion" hat direct aus die Harmonie des häuslichen Lebens gewirkt. Anstalt dass der russische und polnische Jude, wie früher, sein häusliches Chaos mit sich in die Synagoge nahm, gewöhnte er sich nachher, Rhythmus und Ordnung aus der Synagoge nach seinem Hause mitzubringen. Im Jahre 1881 hatte ich das Glück, den großen Meister in seiner Wohnung kennen zu lernen. Obwohl alt und halb erblindet, war dennoch seine Conversaiiou witzreich, sinnvoll, und alle seine Bemerkungen über die jüdische Liturgie zeichneten sich *) Es ist hier nicht der Ort, lange bei der Geschichte meiner Gemeinde zu verweilen, es sei mir aber gestattet, diejenigen Bemerkungen, die für den Faden meines Artikels notwendig sind, vorzubringen. durch ursprüngliche Frische aus. Seit, damals hegte ich die Idee, eine Biographie Sulzers im Hebräischen für die russische JudeU herauszugeben; aber wir konnte ich so was unternehmen, ohne die geringsten Notizen vom Leben Sulzers zu besitzen? Wie groß war nun meine Üeberraschung, als ich in diesem geschätzten Blatte plötzlich über die Sulzer-Gedenkseier las, welche die „Gesellschaft für Sammlung und Conservirunz von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums" in Wien veranstaltet: hat. Doch soll schon damit unsere Schuld dem großen'Reformator gegenüber erledigt sein? Palestrina, der für die katholische Kirche nicht mehr als Sulzer für die jüdische Synagoge gewirkt hat, wurde gleich nach seinem Tode von der Curie als Heiliger (der höchste Kirchenlohn) erklärt und wie ein Kirchensürst in. der Basilika des Baticans begraben, und dem jüdischen Palästrina soll eine private, bescheidene und locale Gedenkfeier mehr als genügend sein? Die Synagoge schuldet ihrem Reformator Danket Das Cantorat schuldet seinem Organisator Pietät! Es fehlt nur eine passende Gelegenheit, wo beide sich vereinigen sollen, um eine würdige jüdische Gedenkfeier für Sulzer in ganz Israel zu bereiten, und eine solche Gelegenheit soll nicht lange aus sich* warten lassen. Nach meiner Bermuthung fällt der hundertjährige Geburtstag Salomon Sulzers in das Jahr 1902, oder 1903; ebem Zeit genug für die Vorbereitung einer imposanten Säculars e i e r für Sulzer, an der sich ganz Israel betheiligen könnte. Ich lege den hochgeschätzten Collegen aller Länder folgendes Programm vor, welches natürlich alterirt und ergänzt werdest kann: 1. Es soll ein S u l z e r - S ä c u l a r s e i e r - C o m i t e von ungefähr 20 der bedeutendsten Cantoren der Welt gebildet werden, dessen Aufgabe wäre, öffentlich und energisch für einen Sulzerfond einzutreten. Selbstverständlich muss Wien, die Stadt, wo der Meister gelebt und gewirkt hat, der Ort, wo der „Schir Zion" das Licht der Welt erblickt hat, als Ceutrum, und Obercantor Josef Singer, der Nachfolger Sulzers, als Präses des. internationalen Sulzer-Säcularseier-Comites gewählt werden.. 2. Jedes Mitglied des Comites soll unter den Collegen,. wie auch unter den Vorständen der Gemeinden seines Landes für einen Sulzer-Säcularfond Propaganda machen. Wenn jeder- Cautor sein Schärflein dazu beitragt, wenn jede Gemeinde, die den Namen Sulzers ehrt (und welche ehrt ihn nicht?), jährlich oder einmal für diesen Zweck eine Spende leistet, was sürkeine beträchtliche Summe könnten wir bis zu dem Säculartage zu» sammenbringen? 3. Der Zweck, den der Sulzerfond verfolgen soll, nämlich philamropisch oder didactisch, muss erst von der Majorität der sich betheiligenden Cantoren bestimmt werden; allenfalls soll er nur für das Wohl der Cantoren, oder das Gedeihen des Cantorats dienen. 4. Es sollen Broschüren in verschiedenen Sprachen herausgegeben werden, in welchen die Biopraphie Sulzers (sammt Photographie) gründlich behandelt wird; es wäre wünschenswerth, dass blos Cantoren sich mit dieser Arbeit beschäftigten. Die hebräische Uebersetzung will Schreiber dieser . Zeilen gerne übernehmen. .. 5. An dem Tage des Säcnlums sollen in allen Synagogen der Welt Seelen-Gottesdienste für Sulzer celebrirt werden, bei denen blos Sulzer'sche Musik aufgeführt werden soll. Natürlich gibt es noch Vieles zu. besprechen, was den geehrten Collegen, die sich für die Sache erklären-werden, überlassen werden muss.' .... -

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