Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 5 Die Wahrheit. Seile 7. In den „Münchu. N. Nachr." lesen wir: In. den letzten Jahren sah man Willy v. Rothschild nicht mehr an der Börse,, u»id-seine Geschäfte, die er abschloss, bestanden größtentheils in Emissionen. Fast an allen Vergebungen Hon Anleihen fremder Staaten ist das Haus Rothschild betheiligt -gewesen. Das letzte Werk des Verstorbenen ' war wohl die Uebernahme von je 1< 0 Millionen baierischer und badischer Staatsanleihe. Die vielen Anekdoten, die man sich über den i Verstorbenen erzählt, sind wohl meistens übertrieben und auch; unwahr. Einige, die wirklich den Stempel der Wahrheit tragen j sollen, seien hier kurz erwähnt: Als Rothschild noch die Börse I besuchte, ging er bei schlechtem Wetter immer zu Fuß, während j <r bei gutem Wetter stets seinen Wagen benützte. Er wollte ' Len Wagen schonen und nicht beschmutzen lassen, so hieß es i allgemein. Sein großer Reichthum und der stattliche Bestand -an Gold im Keller seines Bankhauses selbst^ hatten ihn mit? Ler Zeit ängstlich und vorsichtig gemacht. Er benützte meistens! aicht den Fußsteig,- sondern den Fahrdamm und ließ beständig! in einem gewissen Abstand einen Begleiter hinter sich gehen,! Wenn bei Quartalschlnss seine Angestellten mehr als gewöhnlich! zu arbeiten hatten nnd in Folge dessen Ueberstunden machten, j sorgte ihr Chef für das Abendessen. Jeder durste sich ein Gericht! mahlen, musste aber Alles genau ans einem Zettelchen notireu i und dieses persönlich - dem Verstorbenen überreichen. Einmal! geschah es, dass ein junger Commis, wohl in» die günstigste i Gelegenheit auszunützen, sich ein ganz solennes Nachtessen j leistete und dann seinem Chef Mmheilnng davon machte, welcher! Larans in trockenem Humor v.rsetzte: „Sie leben ja besser! als ick!"; Eines Tages ging ein beschäftigungsloser junger Mann! Bor dem Rothschild'schen Bankhause vorüber und bückte sich! Labei, um eine — Stecknadel auszuheben. Der alte Baron, der von seinem Fenster aus diesen Vorgang beobachtet hatte, ließ Len jungen Mann zu sich kommen und — stellte ihn ohne Weiteres an. So sehr hatte ihm das von Sparsamkeit zeugende Verhalten des jungen Mannes gefallen. Von diesen Reminiszenzen gibt es noch viele, die. auf den Charakter und die Güte des Verblichenen einen Hellen Schein iversen. Seine große Frömmigkeit war bekannt. In seinem stattlichen Hanse weit an der Nordgrenze der Stadt hatte er eine eigene Synagoge Herrichten lassen. Was ihn aber in dem Andenken seiner Mitbürger, namentlich der ärmeren, unvergesslich machen wird, ist seine großartige Wohlthätigkeit. Es gibt wobl -kaum eine zum Wohlthun bestimmte bedenlendere Stiftung, der er nicht große Summen zugewendel hätte. - i Rosa Sonnenschein. I G r o ß - K a n i z s a, im Jänner 1901. I Ihr leuchtendes Auge, ihren Hellen Blick, ihren lichten > Gedankenflug, die anmuthige Gestalt, beu Ausdruck ihres ganzen j Wesens, in welchem sich der Geistesheros des sanstmüthigen Bildes ihres Vaters abspiegelt — wir haben es wieder in unserer Mitte von Auge zu Auge gesehen. Ehrfurchtsvoll blickten wir empor zu dem Conterfei jenes Wissenshelden, der uns erzog und belehrte, uns das Judenthum in seiner erhabenen Mission! und seiner tausendjährigen Entwickelung, in seinen lm letzten i Jahrhundert gewonnenen geistigen Errnngenschasten kennen lehrte und einprägte. — Vor uns stand in seiner mächtigen Größe, der unvergleichliche Talmüdist, der scharfsinnige Lehrer und Meister. Im Bilde seiner Tochter erblickten wir den alten unvergeßlichen Gelehrten, der ein Menschenalter lang hier die Rednerkanzel zierte — H. B. Fasset— gesegneten Andenkens. Europa mit seinen damaligen Ausnahmsgesdtzen, seinem > Rassen- und Religionshass, seinen beschränkenden Normen für! gewisse Menschenclassen war ihr zu eng, behagte ihrem Freiheitssintt nicht, ihr Genius trieb sie hinaus, weit über den I Oeean, in das Land der Freiheit und Gleichberechtigung. Dortj weihte sie ihre geübte Feder nicht allein der schöngeistigen Litte- > ratur, sondern auch der Förderung der allgemeinen Menschenj rechte. Von aller Welt gehuldigt und zufolge der ihr von der Natur verliehenen Vorzüge geschmeichelt, hing sie dennoch mit ungeheuchelter Liebe.7 niw Aufopferung an ihrem Stamme. Ueber Alles theuer war ihr-ihre Religion nnd jenes Jüdenthnm, welches ihr radical fortschrittlicher Vater vertreten. Der Vater hatte noch in-vormärzlicher Zeit wegeu Aushebung des für Böhmen und Mähren geltende»» pharaonischen Matrikelgesetzes, das tut: eine bestimmte Anzahl jüdischer Heirate»l gestattete, bei Sr. Excelleuz, dem Miuister Fürsten Metternich, und beim Kaiser Ferdinand persönlich vorgesprochen. — Die Tochter interwievt f»eut2 den antisemitischen Bürgermeister der Residenz, forscht nach dein Grunde des unbändigen Hasses, der so viele Kränkungen und Zurücksetzungen der harmlosen jüdischen Bevölkerung Oesterreichs gebracht. — Sie will Helsen. So hat Fmu Rosa Sonnenscheill nicht allein den Geist, sondern auch das glühende Herz ihres großen Vaters für Religion und Jndeüthnm ererbt. Und sollte es ihr gelingen, aus brejein schlnpferigen, tief morastigen Wege eine Bahn zur Uinkehr zu brechen — dann dürfte wohl die Verfasserin der „Drei Küsse" veranlaßt rverde'n, auch über einer vierten Kuß eine Novelle niederzuschr'eiben — ein Hüldigungskuß, den sie sich von den Juden Oesterreichs wohl verdient gemacht hätte. ' Goldmaiin. Literatur. — Die Kunst ist international und interkonfessionell, nichts destoweniger ist angesichts der jndenfeindlichen Strömungen der Gegenwart das Werk des bekannten Schriftstellers Ar. Adolph Kohnt „Berühmte israelitische Männer «uv Kranen in der (Kulturgeschichte der Menschheit'- (Leipzig, A. H. Payne) :nit Freuden zu begrüßen. Der Verfasser beabsichtigt darinzu zeigen, rvie groß die Culrurarbeit tvar, welche die Inden und die dem jüdischen Stamme entsprossenen Männer bereits vollbracht haben. In den unS vorliegenden ersten vier Heften dieses Werkes werden in populärer, fesselnder Weise die bedeutendsten Tonkünstler und Virtuosen dargestcllt. Unter ausführlichen Biographien und Charakteristiken von Halevy. Goldmark, Mendelssohn-Bartholdh. Meyerbeer, Offenbach, von Ernst. Grün, Hauser, Joachim, Sulzer und Lewandowski und anderen lernen wie eine große Anzahl weniger bekannte Geiger, Pianisten, Capellmeister, Cantoren, Opern- und Concertsänger kennen. Dieses ebenso belehrende wie unterhaltende Werk, das mit den Porträts und Facsuniles der Künstler versehen und ganz vorzüglich ausgestattet ist, wird allen, welche sich für Kunst- und Cnlturgeschichte interessiren, besonders aber meinen Glaubensgenossen, aufs wärmste empfohlen. Dr. Kayserling. — Aaöviuer Ar. Heppuer's Züdilch-Litt. Aöreihüaleuder Koschinin (Prov. Posen). Israel Tuch. Im vorigen Jahre zum erstenmale erschienen, hat dieser Kalender nicht »n»r große Verbreitung, sondern auch, und das ist ein Beweis für die Lebensfähigkeit des Unternehmens, Concurrenten gefunden. Der diesjährige Kalender zeichnet sich durch große Fülle interessanter historischer Daten aus allen Zeitenj und Geschlechtern der jüdischen Geschichte, gedrängte Inhaltsangabe der Wochenabschnitte und Anführung geistreicher Sentenzen, schöner Gedichte, lehrreicher Sittensprüche berühmter Männer aus. Die von uns im Vorjahre gemachten Ausstellungen wurden oft berücksichtigt. Zahlreiche Daten, die für die österreichische Judenheit von Interesse sind, wurden ausgenoinmen. In Deutschland, wo man bei einem sehr großen Theile der jüdischen Bevölkerung lebhaftes Interesse für Alles, »vas Judrnthulu betrifft, voraussetzen konnte, wurde dieser Kalender mit Freude begrüßt. Bei uns in Oesterreich ist leider selbst in frommen Kreisen sehr wenig litte* rarisch-geschichtliches Interesse zu finden. Dieser Kalender im Hause jüdischer Familien könnte es wecken und ans leichte, populäre Art be, lehrend wirken. Auch die äußere Ausstattung ist sehr gefällig und der Preis ein geringer. Wir wünschen de,n Kalender möglichst weite Verbreitung . Wirthschafterin, auch kinderlose Witwe, die bei zwei älteren Herren den rituellen Haushalt selbstständig fuhren kann, wird gesucht. Anträge aus der Provinz finden besondere Berücksichtigung. Offerte unter „Ritueller Haushalt“ an die Red. d. Bl.