Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 5. sich vollständig decken, und diese unsere Behauptung wurde durch die wir gebrauchen hier die mildeste Ansdrucksweise — lin Einweihung des neuerbauten Waisenpalastes voll und ganz bestätigt. Als Jntroduction dieser traurigen Komödie fuhr au einem Sabbathtage eine Deputation in mehreren Wagen zum Ministerpräsidenten, um ihn im Namen der Pester israel. Religionsgemeinde, sowie im Namen der israel. Waisenhauscommission zur Einweihungsfeier eiuzuladen. Herr v! Szell nahm die Einladung an, dürste sich aber dabei gedacht haben: Wunderliche Leute! die nicht einmal das Decornm wahren und namens ’ ihrer Religioilsgemeinde der Religion einen derben Faustschlag versetzen, indem sie den gebotenen Ruhetag öffentlich errtiveihen!J... Die Einweihung des Waisenpalastes war — vom religiösen Standpunkte betrachtet — ein noch nie dagewesener Skandal. Die Arrangeure fühlten denselben schon im Vorhinein und suchten ihn auch so gut als möglich zu bemänteln. So haben sie ossiciell erklärt, dass der „Tempelsaal" in einen „Festsaal" umgewandelt werden wird, allwo die Feierlichkeit vor stch gehen soll. Dann haben sie absichtlich dem Rabbiner L. Pollak keine Einladung zukommen lassen, weil sie nur;n gut ' wussten, dass dieser von seiner conservativeu Richtung, oder sagen wir richtiger, von seiner ehrlichen Frommgläubigkeit nicht- -abzubringen ist und gegen dieses sträflichen Thun eine gewichtige Einsprache erhoben hätte. Diese Vorsichtsmaßregeln machten die Sache nur noch um Vieles schlimmer, denn uun ist der begangene Chillul haschem offenbar ein beabsichtigter, ja ein im Vorhinein wohldurchdachter. Bedenkt man, dass der Waisenpalast im August 1900 schon fix und fertig dagestandeu und dass an den letzten israel. Hochfesten, sowie seither in dem mit-einer zierlichen Franengalleric versehenen Znstitutstempel ununterbrochener Gottesdienst abgehaltcn wurde, so ist man davon überzeugt, dass der Tempel <le facto schon „eingeweiht" war. Doch die officielle Feier Eonnte und durfte — und fügen wir.hinzu — sollte auch nicht Wegfällen, aber wir erwarteten, dass diese in einer religiös -erlaubte», und nicht in einer argen Verdruss erregende!» Art und Weise vor sich gehen werde. Den illustren Gästen zu Ehren, ward die unjüdische Parole ausgegeben, im Gotteshause während der Feierlichkeit unbedeckten Hauptes zu erscheinen, was sogar vom hochehrwürdigen Rabbinate guigeheißen wurde?! . . . Um dieses religionswidnge Vorgehen etwas zu mildern, wurden die Thorarollen aus dem heiligen Schreine entfernt und dieser „maskirt", d. h. mit lebende» Pflanzen umgeben. Der oberhalb der heilige» Lade angebrachte Schein hamwajo wurde mit grünen Blättern überdeckt, d. h. unsichtbar gemacht und vordem Paraucheß erhob sich die Büste unseres geliebten Landesfürsten. Die überwiegende Mehrheit der Glaubensgenossen behielt — zn ihrer Ehre sei dies constatirt — die Hüte ans. Kurz vor Beginn der Feier erscholl nun vom Sanktuarium herab der unglaublich klingende und in einem jüdischen Gotteshause noch nie vernommene Ruf: »kalapok le!«, zu deutsch: „Hüte ab!" Und siehe da, die ganze Versammlung entblößte das Haupt. — Auch die Rabbinen Dr. M.Kayferling und Dr. I. Weißburg standen barhaupt da, blos Dr. Samuel Kohn, der als Festredner fungirte, hatte sich mit einem kleinen Käppchen bedeckt. Während der Feier herrschte eine unglaubliche Unordnung und es geschahen viele Fehler. So musste der greise Kayserling durch fünfviertel Stunden — so lange währte die Feier — stehen, weil man es Unterlasten hatte, ihm eine» Sitz anzuweisen. Oberbürgermeister Markus musste „außerprogrammiich" das Wort ergreifen, und den Regierungschef, der sich das Schlusswort reservirte, ließ man überhaupt nicht sprechend M . . .. . Pro forma wurde daun der Tempel am Chanukka-Sabbath „j ü d i s ch" emgeweiht. Schließlich noch etwas noch nie Dagewesenes! In den beiden Tempeln,der israel. Knabenwaisenhäuser wird die „ewige Kampe" mit elektrischem rothem Glühlicht beleuchtet! Das ist doch der modernste Fortschritt in seiner weitreichendsten Irreligiosität. Und all das wird vom Cultusches und vom „Kaiserlmg-Kohuiglichen" Rabbinat gutgeheißen ^md vom Waisenvater Jacob Deutsch durchgeführt. D. H. Spitzer. öaron Wilhelm Karl v. Nothschlld. Ueber den vor einigen Tagen verstorbenen Chef' des Frankfurter Hauses Rothschild, lesen^wir in der „Frank. Ztg." Baron Willi, wie er in der Fmyilie und bei "hen ^Frankfurtern hieß, hat ein Alter von beinahe dreiundsiebzig Jahren erreicht. Er wurde am 16. Mai 1828 in Neapel als der dritte Sohn des Freiherrn Karl v. Rothschild geboren und siedelte mit dem Vater schon als junger Mann von sünfnndvierzig Jahren nach Frankfurt über. Von seinen beiden älteren Brüdern Mayer Karl und Adolf, wurde der erste nach dem Tode des Baron Mayer Anselm der Seniorchef des Frankfurter. Hauses; Baron Adolf, der sich in Frankreich ansässig machte, starb im vorigen Jahre in Paris. Ein jüngerer Bruder des Freiherrn. Willy, Alexander, starb bereits zu Beginn der Fünfziger-Jahre. Als Baron Mayer Karl am 16. Dctober 1886 aus dem Leben schied, ging auf Baron Willy die alleinige Leitung des Frankfurter Stammbankhanses über, die er bis zu seinem Tode mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit führte. In der Oeffenllichkeit ist Baron Willy nicht sehr hervorgetreten,- ungleich seinem Bruder Mayer Karl, der nicht nur als Kunstsammler und als Mittelpunkt eines geselligen Circels, sondern auch politisch von sich reden machte. Mayer Karl war der erste Reichstagsabgeordnete für Frankfurt a. M. uno wurde, als er beider zweiten Wahl gegen den Demokraten Sonnemann unterlag, in das preußische Herrenhaus berufen. Baron Willy dagegen trat eigentlich nur in seiner Eigenschast als österreichischungarischer Generalcousul den officiellen Kreisen nahe. Im Uebrigen lebte er seiner Familie, seiner Bankthälizkeit und seinen frommen Uebungen. Er hieng mit aller Hingebung an dem Glauben seiner Porfahren. Seine Talmudstudien, die er gemeinsam mit dem von ihm für diesen Zweck berufenen Rabbiner Fromm betrieb, gingen nach der wissenschaftlichen Seite über das blos religiöse Bedürfnis hinaus. Daneben aber fand er seine ganz-: Befriedigung iU Werken der Wohlthätigkeit, und es ist notorisch, dass er getreu den Vorschriften des altjüdischen Gesetzes den „Zehnten" entrichtete, d. h. den zehnten Theil seines gesammlen Einkommens mit aller Genauigkeit für milde Zwecke abzweigte und auswendete. An Sabbathruhe hielt die Wellfirma unter seiner Aegide unverbrüchlich fest, auch in Fällen, in denen große stnancielle Actionen dadurch beeinträchtigt werden konnten. Der fromme Sinn, den Baron Willy so seit Jahrzehnten hegte und bethätigte und der den Grundzug seines Charakters bildete, fand in weltlichen Dingen seine Ergänzung in einem Gerechtigkeitsgefühl, von dem die Geschäftsfreunde. und die Angestellten manch rühmliches Bespiel zu bekunden wissen. Schlicht und unscheinbar, wie der alte Herr in seiner äußeren Erscheinung, war auch seine Lebellsführnng. Im Schoße der Familie suchte er sein stilles Behagen, und nur selten verließ er Frankfurt, seit ihm in den vorgerückteren Jahren die früher gern unternommenen Reisen in die Schweiz beschwerlich fielen. Seine Gattin, Freifrau Mathilde, eine geborene Freiin von Rothschild, war ihm seit dem 21. November 1849 vermählt; vor Jahr und Tag feierte das Ehepaar in der Stille die goldene Hochzeit. Die beiden Töchter, Adelheid und Minna, sind seit den Jahren 1877 und 1878 verheiratet, die erste mit. den! Pariser Baron Edmund v. Rothschild, die zweite mit dem Frankfurter Bankier Max B. H. Goldschmidt. Außer dem Hause an der Bockenheimer Landstraße mit dem weitläufigen Park bewohnte die Familie vorzugsweise die Grüneburgj, das große Besitzlhum am Rordränd der Stadt; ferner gehört dem Baron Willy das Rothschild'sche Hans an der Zeit, das Landschloss bei Königstein und die Besitzung im Hemsbach. Auf diesen beiden Villen nahm man abwechselnd den Sommeraufenthalt. So ruhig und fast weltabgewaudt wie der Frankfurter Träger des bekannten Millionärnamens gelebt hat, ist auch von hinnen gegangen. Er liebte es nicht, Aufsehen zu machen oder auch nur zu erregen. Die Empfindung.aber, die sein Scheiden hervorruft, beschränkt sich nicht auf die Angehörige» . seiner Fiuauzdynastie. Er hat durch seine offene Hand vorgesorgt, dass auch die Armen am Sarge des Reichen trauern.