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Die Wahrheit · 1901-01-25 · Heft 4 (25.1.1901) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Hesterr.-ungnr Kontoren eitung. Nr. 4. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Synagoge und Cantor vor und nach Sicher. Von Obercantor P. M i n k o w s k h, Odeffa. (Fortsetzung..) Die Beiden. Ritter und Priester, waren ans Wien: Jfak Manndeimer und Salomon Sulz er. Mil Mannheimer und Sulpr haben sich Rabbi und Chäsan die Hände gereicht, um dem historischen Zwist Einhalt zu thnn. Und wie segeubringend im die jniiicbe Liunaie und überhanpl für die Gestaltung des Zudcnlbums war diese Versöhnung! Im Ghettoleurpel, am Beige bei Sc.ieusleitrugasse zu Wien vereinigten sich das Gottesworl Sinais mir der Muse des Parnass zur Verjüngung des Gottesdienstes in Israel. Berlin wardestructiv, Wien constructiv. Eine zweiseihalte Mission der Juden'unter den Völkern, die srüher unbekannt und jetzt von den Zionisten höhnisch zurückgewiesen wird, eine fremde Theologie, d. h. eine Kirchen- und Dogmen-Religion mit dem Rabbiner als Pfarrer und Seelsorger, die dem Priestervolke (d^TD DdSöd) bis nun unverständlich blieb — war Bei liner Production; ein herrlicher Gottesdienst, eine religiöse, weihevolle, ethische und ästhetische Liturgie, die nach einigen kleinen Kämpfen einen glanzollen Sieg errungen und allgemeine Nachahmung in gariz Israel gefunden hat — ist Wiener Production. Zwischen Berliner- Reform und Miedsiboser Deform war Wienvon der Geschichte als Vermittlerin bestimmt. Graetz sagt: „Als wären die Wiener- Tempel und die Gemeinde von Anfang arr dazu bestimmt gewesen, das Verföhnungswerk zwischen den alten und neuen Formen zu vollziehen, hatte sich für dieselben ein Sangeskünstler (sonderbarer Weise ist hier der Narne verschtviegcn) gefunden, der mit seinen reichen Stimmmitteln den hebräischen Gebeten einen fast zauberhaften Ausdruck verlieh und den alten verschnörkelten Syuagogengesang in Seelenschmelz und Melodien umschiff." *) Wir wagen es öffentlich zu erklären, .dass die religiöse, begadle, edle und gemässigte Natur Mannheiniers nicht im Stande geivesen wäre, einerseits den Drang der stürmenderr Berliner zurück zu halten und andererseits die eiserne Reaction der polnischen Obscuranten zu brechen, hätte nicht die Vorsehung einen Künstler von Gottes Gnaden, wie Snlzer, ihm zur Seile, gestellt. Snlzer hat gezeigt, wie sich Aesthetik und Judenthrrm vertragen! Snlzer hat die Liturgie aus dem Chaos des Chassidismus wie ans-der Sclaverrr des ProtestantisN'Ns befreitAuch außerhalb Wiens, wo die gemäßigte und belehrende Predigt Mannheimers nicht gehört wurde, auch in den Ländern, wo bis nun noch kein Verlangen nach Kunzeireden vorhanden war, sogar in den Sancriruden der sogenannlen „Zudikrm" erscholl die Srimme Sulzers, drangen die Klänge der „Schire Zion" in die Tiefe des jüdischen Herzens. Wie Lavater in McndelS'vhn die Seele Socrates entdeckt hat, so glauben wir in Snlzer das Genie Palesrrinas gefunden zu haben. Zwar ist die synagogale Musik im Laufe der zweiten Hälsre des 19.' Jahrbunde>ts sehr weit fortgeschritten, wir canonrren, conlrapuntliren, ingiien, wagneriren und Gorr-rveist was wir noch sonn combiniren — immer aber in der kalten Kunst; warme Natürlichkeit, heilige Cinsachheil und „last duk not Originalirär find noch bis Heine mehr in den „Schire Zion" als in allen Nachwerken zu finden. -In Russland, wo der alte Wust am meisten angehäuft war, wo der Nenchafsidismns das Licht der Well erblickt und riefe Wurzel 'geschlagen har, dis er sich zu einer hindernden Mach: gegen alles Bernüinnge und Geordnete entwickelte, wo der polnisch musikalische Jargon < urch seine Apostel: Kaschtun, Schkudez, Pasternak, Joel David (der Wilnaer „Balehethil" genannt), Jaffe, Zalel (Ovessaer) rc., eine merkwürdige Höhe er* *) Geschichte der Jub,n. XI. Ed., S. 463, Graetz. langt hat und den Gottesdienst zu lauter musikalischen Sophistereien verwandelte, war für die Erneuerung der Liturgie säst keine Aussicht vorhanden. Die bitteren Kämpfe zwischen den Bekennern des Nenchafsidismns ititb seinen Gegnern, wie auch die G ährnng unter den verschiedenen Seelen der Chasfidäer, die sehr oft zu Mishandlungen und Denuncialionen ausarielen, verwirrten die Köpfe so sehr, dass von einer Verbesserung des Geschmackes und einer Verschönerung der Liturgie keine Rede sein konnte. Die limitirte sociale Stellung der Juden tu dem streng orthodoxen Slavenreich, gepaart mit dem inneren Fanatismus, ließen keine Reform anticipiren. Es bestanden zu damaliger Zeit, in Russland zwei Hauptparteien : eine religiöse, welche verschiedene Fractionen und, Farben um ihre Fahne schaarte, und eine irreligiöse, die sich gegen alle religiöse Bewegung in ihrem Jndifferentismus lveidete. Während die Ersten sich immer in den Haaren lagen, kümmerten sich die Anderen überhaupt um Nichts, und wollten durchaus ihr Nirvana um nutzlose Dinge keinen Moment gestört wissen. Ihr Standpunkt war ein sehr rationeller: wenn kein Gott da ist, wozu der Zank um den Gottesdienst? Auch diejenigen denkenden und doch religiösen Köpfe, die von der Derlirier Bewegung Wind bekommen hatten, oder vom Geist ihres russischen Mendelssohn (Ribel genannt), inspirirt, gegen den Petrificirten Rabbinisinns, wie auch gegen den desormirten Neuchassidismus sceptisch zu denken begannen, begnügten sich btos mit ihrem geheimen Deilken; zu thnn aber wagte Niemand etwas. Es fehlten nicht nur hier Reformmärtyrer, wie Friedländcr. Creiznacher, Holdheim, Chorin rc, sondern es wäre hier auch kein Boden ffür sie gewesen. Die Berliner dienten hier vielmehr als abschreckende Gespenster, denn als Mnner zur Nachahmung. Berliner und "D’-iö'D,, wurden hier bei den Frommen als gleichbedeutend angesehen. Erst mit dem Regierungsantritte Czar Alexander II., als die russische Last sich mit Freiheit zn schwängern begann, als ein Fortschritts drang alle Schichten der i Gesetlfchasr erfasste, als Millionen von Leibeigenen an einem Tage befreit wurden, als die russiche strengorthodoxe Kirche, der Zeit nachgebend, ihren alten monotonen Gottesdienst modernisirie 2) nnd besonders, als der Rassenhass etwas gelindert j wurde und säst auszuhören schien, fühlten auch die Juden die! höchste Zeit gekommen, um der Gnade ihres Monarchen (des? Czaren Liberator) durch innere Reform und äußere Ordnung j sich N'ürdig zu zeigen. I (Schluss folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. „Der sogenannte hebräische S i r a ch". Vorigen, i Mittwoch hielt im „Jüdischen Volksverein" über das in der tteberschrift! genannte Thema, Herr Dr. H. P. C h a j e s, ein noch junger Gelehrter,.! der sich durch seine gediegenen Erstlingsarbeiten bereits einen geachteten Namen erworben hat, einen durch erstaunliche Sachkenntnis und vollste I Beherrschung des Stoffes gleich ausgezeichneten Vortrag. Es handelt sich j um die seit dem Jahre 1896 auf Manuscriptblättern — die aus der Geniza (d. i. dem Aufbewahrungsorte alter, außer Gebrauch stehender Texte,! die man aus religiöser Scheu nicht. vernichten mochte, sondern dem I natürlichen Zugrundegehen überließ) einer Synagoge von Kairo stammen! und theils von den englischen Damen Lewis und Gibson, theils durch j durch Vermittelung von Profeffor 21. H. Sayce nach Cambridge, Oxford! und London gebracht wurden, zu denen noch zwei im Britischen Museum! gefundene Blätter, kamen —_ nach und nach entdeckten, ziemlich ansge- *) Die Choräledes einzigen russischen Kirchencomponisten Bortniansky (17 51—1825),. i*e seit der Regierungszelt Czar 2llexander III, von Pobedo noszoff und Synode als andachtsstörend aus der Kirche verworfen w urden, waren in der Regierungszeit Czar Alexander II. <il&- andachtsvoll in der Kirche acceptirt. ...

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