Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063066--01171-3067738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 11. dehnten hebräischen Texte der Spruchsammlung des Ben' Sira. Wie bekannt, liegen die'Sprüche des Siraeiden in griechischer und syrischer Sprache vor, Uebersetzungen des verloren gegangenen hebräischen Originales. Von dem Original, das noch dem Saadia Äaon (gesK 942), wenn * nicht noch weiterhin bekannt war, haben sich nur einige« Reste im Talmud wie in anderen rabbinischen Schriften erhalten. Um die erwähnten, neugesundenen hebräischen Sirachtexte hat sich nun ein lebhafter Streit unter den Gelehrten entspannen; die einen halten sie für den ursprünglichen Text, die anderen für eine Rückübersetzung aus der syrischen Version, Dr. Chajes, der selbst mit einem in der Revue des fctüdes Juives erschienenen Aufsatz in diese Discussion eingegriffen hat, suchte nun durch Erörterung einer Reihe von schwierigen Stellen des hebräischen Textes, die nur als misverständliche Uebersetzungen der^riechischen und syrischen Texte ihre Erklärung finden, den Nachweis zu führen, dass die Annahme der Echtheit unhaltbar sei. Dass einzelne Stellen der neuen hebräischen Texte echt seien, könne zugegeben werden. — Den intereffanten und bekehrenden Ausführungen des Dr. Chajes folgte reicher, wohlverdienter Beifall und — leider Gottes, auch eine sogenannte Discuffion, die beffer unterblieben wäre, denn weder die ganz unkritischen Bemerkungen des einen, noch die hohlen Tiraden des anderen Redners passten zu den aus ernster, wissenschaftlicher Mitarbeit fußenden Erörterungen des jungen Gelehrten. . Wien. (Bethausverein „M o n t e f i o r e".) Die feierliche; Einweihung der Kaiser Franz Josef-Jubiläums-Thora findet Samstag,! den 2. Februar, 10 Uhr Vormittags im Vereinsbekhause, ll., Tabor-! strahe- 86, statt.! ZLiseuz. Joses K u h n e r, der Nestor der Mährischen Cantoren,! ist am Montag, den 14. d. M. im Alter von 82 Jahren dahingeschieden.! 32 Jahre wirkte er s egensreich als Obercantor in der hiesigen Gemeinde,! und noch wenige Wochen vor seinem Hinscheiden erfreute er seine Gemeindemitglieder mit der Frische eines Jünglings durch seinen gediegenen Vortrag und seine herrliche Gesangsweise. Seiner wohlklingenden, selten schönen Tenorstimme wurden mehr als einmal Stimmen des Lobes und der Anerkennung von hervorragenden Autoritäten zutheil. Das Leichenbegängnis, welches am 16. d. M. stattfand, legte beredtes Zeugnis ab von der Beliebtheit und Werthschätzung, deren sich der Verblichene zeitlebens zu erfreuen hatte. Der Cultusvorstand, die Schuljugend voran mit der Trauerfahne, eine große Anzahl der Gemeindemitglieder gaben! dem theuren dahingeschiedenen Greis das letzte Geleite. Auch auswärtige Collegen und Freunde Kuhner's hatten sich in stattlicher Zahl eingesunden. Am offenen Grabe hielt Herr Rabbiner Dr. Hoff einen ergreifenden Nachruf, in dem er nicht nur die Bedeutung des Verblichenen als Cantor, sondern auch seine Vorzüge als Mensch mit würdigenden Worten I hervorhob. Die cantorale Function versah Herr Cantor Schulz, ein! langjähriger Freund und College Kuhner's in ergreifender Weife. I Hlekwitz. Einen herben Verlust hat unsere Gemeinde, durch den , Tod eines unserer hochachtbarsten und verdienstvollsten Männer erlitten.! Am Donnerstag, den 17. d. starb nach langem schweren Leiden Herr j Meier Staub im 75. Lebensjahre. Obwohl sich unsere Gemeinde immer mehr zur Großgemeinde entwickelt, ist doch die Lücke, die durch den Tod eines derartigen Mannes entsteht, nicht leicht wieder auszusüllen. Jahrzehnte hindurch gehörte Meier Staub der Gemeindeverwaltung an und bekleidete viele Jahre das Amt des Synagogenvorstehers, ebenso war er viele Jahre hindurch ein eifriges Mitglied der Beerdigungs- Brüderschaft. Das am Sonntag stattgehabte Leichenbegängnis legte Zeugnis davon ab, welch' großer Beliebtheit und Hochachtung sich dieser wahrhaft fromme Mann erfreute. Von Nah und Fern waren Abordnungen und Gemeindemitglieder herbeigeeilt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, und ein unübersehbarer Leichenzug folgte dem Sarge. Unter den erschütternden Klängen des Sulzer'schen Joschew bessesser wurde der Sarg in die Halle gebracht. Nachdem hier Herr Obercantor Davidsohn in weihevoller Weise das Hazur tomim-Gebet vorgetragen, hielt Herr Rabbiner Dr. Münz die Trauerrede, in der er noch einmal all die bekannten Vorzüge des Verewigten hervorhob. Unter Gesang und Gebet wurden hierauf die sterblichen Neberreste in die Gruft gesenkt. n*a*:n — An demselben Tage fand Hierselbst die Trauung des Frln. Alfriede Loewrnstein, Tochter des Herrn L. Loewenstein. mit Herrn F r e r d e r statt. Mit Rücksicht auf die großen Verdienste, die sich Herr Loewenstein als Repräsentant der Gemeinde um die Institutionen derselben bisher erworben hat, wohnten mehrere Herren der Gemeindeverwaltung der Feier bei. Am Abend des für unsere Gemeinde so ereignis - reichen Tages hielt der israelitische Frauenverein seine Jahresversammlung ab, die mit Rücksicht auf einige Neuwahlen einen ziemlich bewegten Verlauf nahm. In den Vorstand wurden gewählt: Frau Commercienrath Schlesinger. Frau Bujakowski. Frau Dr. Mannaberg. Frau Rechtsanwalt Schüller und Frau Generaldirecror Zuckerkand!. Der Jahresbericht weist einen außerordentlichen günstigen Caffabestand auf. An die Versammlung schloss sich ein Festeffen an. Während desselben erfreute Herr Obercantor Daviesohn durch einige Liedervorträge und ein Duett mit Herrn FleisHer, das den Herren stürmischen Beifall eintrug. Theatervorstellung und komische Vorträge schloffen das schöne Fest. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz SÄerbel (Nachdruck verboten.) (42. Fortsetzung.) „Es ist gut, mein Herr. So kann die Sache nicht bleiben. Ich werde meinem Manne dies Alles sagen, und er wird seine Vorkehrungen darnach zu treffen wissen." „Thun Sie. was Ihnen beliebt." sagte Georg und erhob sich. ..Sie werden doch hoffentlich nichts dagegen haben, wenn ich mir Frieda einstweilen auf einige Wochen mit nach Hause nehme, und ich habe die Absicht, diesen Plan schon morgen zur Ausführung zu bringen." „O, ich bitte, Frieda kann in Gottes Namen mit Ihnen fahren, und das zu jeder Zeit. Sie sollen hierdurch den Beweis erhalten, dass Ihre Tochter nicht, wie Sie sich auszudrücken beliebten, bei mir wie im Gefängnis gehalten werde," und er empfahl sich. Frau Wandelowicz traf mit Frieda in Warschau ein. Freunden und Bekannten gegenüber war die Gattin Rutowski's nur auf kurze Zeit bei den Eltern zu Besuch gekommen, denn noch wusste man nicht, welchen Gang die heikle Angelegenheit nehmen würde und hatte auch sonst noch.Ursache, esI augenblicklich noch nicht zum Eclat kommen zu lassen. Desto mehr aber beklagte und bejammerte man den verhängnisvollen Mißgriff, den man mit dieser Verbindung gethan, wenn man unter sich war. Hier trat nun die schreckliche Täuschung, die man erfahren, in Doppelgestalt zu Tage, die eine so traurig wie die andere. Felix Wandelowicz hatte nicht anders gedacht, als dass sein bisheriges Auftreten ihn unter allen Umständen als Gentilhome und daher erhaben über den Makel der jüdischen Abstammung binstellen musste, dass die überreiche Munificenz, die er zu allen Zeiten an den Tag legte, das Kriterium des Glaubensunterschiedes verwischen und ihn allen anderen Staatsbürgern gleich machen werde. Er war jetzt eines Befferen belehrt, es war ihm zu Bewusstsein gebracht worden, dass alles vergeblich, ja, dass selbst die Taufe hierin keine Aenderung schaffe. Dann hatte er seine Tochter einem Manne verbunden, dem, wie er leider zu spät erfahren, jede Neigung für dieselbe abging, der es in jedem Falle nur auf die reiche Mitgift abgesehen hatte, und jetzt da er im Besitze derselben war, das ganze Maß tiefer Verachtung zu Tage treten ließ, das ihm.gegen den Juden noch inne wohnte. Ob ihm eine Veranlassung dazu gegeben war, ob ihm eine Berechtigung dafür zur Seite stand — was fragte er darnach? Wer fragt überhaupt nach Ursachen, wenn es gilt, auf Grund der christlichen Angehörigkeit, in die man hineingeboren, den Juden die Ebenbürtigkeit abzusprechen? Eine Auffaffung, die wohl in allen Ländern ihre Vertretung findet, die aber in dem fanatischen Rußland zur abscheulichen Selbstglorisicirung sich herausbilden kann. Da nun aber einmal in dem, was geschehen, nichts zu änvern war, das Geschick ihres Kindes den Wandelowicz'schen Gatten aber über Alles ging, so wurde beschlossen, dass Frieda keineswegs mehr zu ihrem Mann zurückkehren sollte. Es handelte sich dann noch darum, den beim Bankier deponirten zweiten Theil ihrer Mitgift zu retten, wobei auch eine Scheidung in's Auge gefasst wurde. Wandelowicz begab sich zu s einem Advocaten und betraute ihn mit dieser Angelegenheit. Der Mann des Gesetzes lächelte, als er mit der Sachlage bekannt geworden. ,_ (Fortsetzung folgt.)