Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 9. -Vermittlung, aber nicht von einer Stellungslosigkeitsversichernng oder von Kranken- und Jnvaliditätsunterstützungsimd Alterswersorgung gesprochen. Das Ergebnis der Wahlen in die Vezeinsleirnng ergab folgendes Rasultat. Obmann: Salomon Rubinstein; Obmann-Stellvertreter: Isidor Präger; Schriftführer: Bernard Grünhut, Jacob Hammer; Cassier: Israel Brauner; Bibliothekar: David Hastrlik; Zeitungsverweser: Leopold Bienenstock; Ersatzmänner: Nathan Groß, Salomon Brarnin und Josef Wistow; Cassarevisoren: Paul Läufer, Rafael Gries; Schiedsrichter: Isaak Brainin, Josef Fingerhut, Samuel Weißblüth. Wien. (I s r a e l. B e t h a us - V e r e i n äm V ol ker t.) Bei der am 13. d. M. stattgefundenen Generalversammlung unter dem Borsitze des Obmannes, Herrn Adolf Schrame k, in Anwesenheit zahlreicher Mitglieder und des Delegirten der löbl. Cultnsgemeinde, Herrn Dr. Markus Spitzer, wurden nachstehende Herren in den Vorstand gewählt: Gustav Frankel, Leopold Spitzer, Salomon Hoffmann, Benjamin Hoffmann, Heinrich Rosenblatt, Julius Beck. Nach erfolgter Constituirung wurden gewählt: Obmann: Adolf Schrämet; I. Obmann- Stellvertreter : Herrmann Ehreufeld; II. Obmann-Stellvertreter : Gustav Frankl; Schriftführer: Benjamin Hoffmann; Schriftführer-Stellvertreter: Ludwig Cantor; Cassier: Herrm. Braun; Controllor: Julius Beck; Revisoren: Michael Thebner und Josef Alberti. Krag. (Vom alten jüdischen F r i e d h o f e.) Die städtische Assanirungscommission hielt dieser Tage eine Sitzung ab, welche die Anträge des Herrn Dr. Thomas Cerny als Vertreter der israelitischen Beerdigungsbrüderschaft Vorlagen, wonach dem Assanirungszwecke ein kleiner Theil des alten Jüdischen Friedhofes zum Qpier fallen würde. Auch der vom Baurathe Herrn Jenfovsky ausgearbeitete neue Lagerplan dieser Partei lag der Commission vor. Herr Dr. Cerny bot namens der erwähnten Brüderschaft der Stadtgemeinde den nach seinen Anträgen wegznrasirenden Theil des historischen Friedhofes unentgeltlich an und versprach, dass die israelische Beerdigungsbrüderschaft den netten Eingang in den Friedhof auf ihre Kosten Herstellen und beim Ministerium die Erlaubnis erwirken werde, dass das Gebäude für das czechische Altftädter Gymnasium auf geänderten Blocke errichtet werde. Auch dieIVerfertigung der hiedurch bediligten neuen Pläne für das Gymnasialgebäude wolle die Brüderschaft aus Eigenem besorgen lassen. Nach längerer Debatte wurde mit allen gegen die Stimmen der Herren Dr. Ruzicka und Dr. Gros beschlossen, das Anerbieten der israelitischen Beerdigungsbrüderschaft abzulehnen und dem Stadtrathe zu empfehlen, die weiteren Verhandlungen mit der Brüderschaft abzubrechen und bei dem ursprünglichen Enteignungsprojecte zu beharren. Lemöerg. Soeben wird uns mitgetheilt, dass das Biblivtheks-Curatorium einen höchst löblichen Beschluss gefaßt hat, welcher dahinzielt, die Worte des Obmannes iiz die That umzusetzen. Von kommender Woche angefangen werden 4 Stunden wöchentlich tradirt werden. Talmud 2 Stunden, jüdische Geschichte 1 Stunde und Religionsgeschichte 1 Stunde. Die talmudische Lehrkraft ist eine Capacität, u. zw. Herr Salat, der berühmte Sohn und Nachfolger des berühmten Lemberger Dajan, Reb Ore Wolf Salat s. A., nur scheinte uns die Zahl von 2 Stunden für das gewaltige Talmudstudium zu gering. Zwei Zionisten, u. zw. Herr Dr. Gutmann, Director der jüdischen Schule, Strafhausprediger, dann der Religionsprofessor Dr. Schorr, werden Religionsphilosophie und jüdische Geschichte lehren. Glück auf der neuen Bahn! Erzählung von Eduard Kutte. (41. Fortsetzung.) Als ob sie Verbrecher wären, flohen sie aus ihrer HeimatSsiatte unter dem Schutze des nächtlichen Dunkels, und waren weit, weit sort, als sich das Gerücht von ihrer plötzlichen Abreise, welches die Gerüchte anjMerkwürdigkeit noch überbot, des andern Morgens im Dorfe verbreitete. Da brauchte nun nichts mehr auf ein eitel Geschwätz und Gerede gegeben zu werden, es konnte sich jeder, der Lust hatte, mit eigenen Angen überzeugen, dass von einem Josef, von Marien, so wie von dem kleinen Nannchen nichts zu sehen und nichts zn entdecken war. Nicht nur das Haus war verkauft, sondern auch alles, was sich darinnen befand: Tische, Bänke, Stühle, Schränke und Kästen, Betten und Geräthschaften, kurz alles, was zur Einrichtung eines Hanfes gehört, und womit sich die Flüchtigen auf der Reise nicht schleppen konnten. Alles stand da und gaffte das Hans au. als ob da ein Wunderthier zu sehen gewesen wäre. Der alte Niederhuber wusste weder, was er thun, noch was er er denken solle, ob er wache oder träume, Brigitte suchte jeden Winkel ans, um die Verlorenen aufzufinden, als ob es sich hier um ein bloßes- Versteckenspielen gehandeli hätte, der Görg lachte höhnisch und voll Schadenfreude, Honza aber stand erschüttert von dem mächtigeu Eindrücke, den das Ereignis ans ihn gemacht. Den alten Niederhuber, den guten Vater, so zu hintergehen. ihn zu verlassen, zu fliehen, ohne ihm ein Wort des Abschieds zu sagen, ohne eine Zeile zurückznlassen, die ihm zur Aufklärung des rathselhasten Thuns und vielleicht auch zum Tröste hätte dienen können, das Hane er von Marien, das hatte er von Josef nicht erwartet. Mit stiller Demuth halte Honza zu Marien stets emporgeschant, mit gläubigem Vertrauen hatte er sich ihrem Manne, dem guten Josef, hingegeben, und nun diese beiden-Josef ein Berräther, Marie eine Verrätherin! Dies war zu viel, dies musste 'seinen Glauben an die Menschheit auf's tiefte erschüttern! Wie gern wär' er hingegangen und hält' es ausgerufen hin in alle Welt, dass man allenthalben es hören konnte: Was netzt ihr da, Ihr Gaffer? was wollt Ihr denn? was gibt's denn da zu staunen? hat in seinem Leben noch kein Mensch ein Hans verkauft? und sieht dies Haus denn heute etwa anders aus als gestern und vorgestern? und hat sein Lebtag keiner eine Reise gemacht? weils kalt ist? was ist denn mehr? ist denn jeder so eilt Faulpelz, wie ihr es seid? — ja wie gerne hätte er dies und ähnliches dem gaffenden Volke zugerufen, wenn er es nur ans innerster Ueberzeugung hätte thun können. Er konnte ihnen nicht Dinge vormachen wollen, an die er selbst nicht glaubte. Sie waren heimlich entflohen, Josef und Marie heimlich! was ließ sich da bemänteln und vertuschen! Die Thatsache lag nun einmal da offen vor aller Angen und ließ nicht wegleugnen und nicht wegraisonniren. Wohin? wohin sind sie denn? Dies war die Frage, die auf allen Ltppeu schwebte, und auf die niemand eine Antwort zu geben wusste. Ja, wenn man das gewusst hätte, Honza wäre ihnen nachgeeilt, er hätte sie eingeholt und zu seinem Meister zurückgebracht. Er ist Mann genug dazu, ihm ein solches Kunststück zuzutrauen. Aber wohin? Keilt Bauer im Orte hatte ihm Pferde eingespannt, Josefs eigene Pferde standen im Stall und waren eben auch verkauft mit Haus und Hof. Und doch müssen sie Ross und Wagen zur Verfügung gehabt haben, und können nicht zu Fuße auf und davon gegangen sein. Es war ein vollständiges Räthsel, worüber die Leute sich den Kopf zerbrechen konnten, aber sie brachten bei alledem nichts heraus. Man hoffte Aufklärung von der Zei, tund die Zeit erfüllte, was man von ihr gehofft. Aufklärung brachte sie, leider nicht auch Trost zugleich. Nach mehreren Wochen erhielt der alte Niederhuber ein Schreiben von seinen Kindern. Es kam gar weit her dieses Schreiben, es kam aus Amsterdam. Marie berichtete in wenigen aber eindringlichen Worten, wie uiwrträglich ihr der qualvolle Zustand ihres Mannes gewesen sei, und wie sie kein anderes Mittel zu seiner Rettung gesehen habe, als ihn fern von den beengenden Eindrücken seiner Umgebung in sich selbst gesunde» zu lassen. (Fortsetzung folgt.)