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Die Wahrheit · 1901-01-25 · Heft 4 (25.1.1901) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 7. 'Nach dieser Richtung hat Jacob Deutsch Unglaubliches geleistet und Staunenswerthes vollführt, und sicher ist es, dass sein Name der Vergessenheit nie anheimfallen wird, da er sich die Unsterblichkeit hienieden gesichert hat. Nichtsdestoweniger müssen wir aus das rückhaltslose Lob, das wir soeben nach Gebühr gespendet haben, den gerechten Tadel folgen lassen. Wenn wir uns dem neuen Waisenpalaste nähern, bleiben wir überrascht und geblendet vor einem Prachtbau stehen, der uns mit seinem geradezu sträflichen Luxus die Schamröthe aus die Wange treibt und uns die Frage auf die Lunge legt: „Du lieber Gott, was werden unsere Glaubensgenossen, was werden die Andersgläubigen, was wird endlich alle Welt zu dieser unglaublichen Prachtentfaltung sagen?! . . Wir haben da einen ungewöhnlich vornehmen Bau vor uns. Eine gedeckte Vorhalle führt "uns von der Straße nach den Jnuenräumen, in denen uns geradezu fürstliche Eleganz entgegenstrahlt, so dass wir Ulis im Palaste eines Grandseigneurs zu befinden wähnen. Ueberall — selbst aus den Corridore» — strömt die Luftheizung eine mehr als behagliche Wärme aus, überall befindet sich Doppelbeleuchtung, elektrisches Licht und Gasbeleuchtung, die Stützmauern der Prachttreppen sind mit seinpolirten Marmorplatten, welche in der Farbe der Unschuld erglänzen, belegt. Auch die Waschuub Badelocalitäteu bilden mit ihrer eleganten und comfortabeln Einrichtung eine Sehenswürdigkeit. Mit einem Worte: für den Comfort ist reichlich -vorgesorgt worden, und die neuesten Errungenschaften der modernen Baukunst wurden bei diesem palastartigen Bauwerke in Anwendung gebracht. Wir mussten billig staunen über das Gesehene, und als wir unseren müden Blick von den ungewöhnlichen Herrlichkeiten abwenden wollten, da fiel er auf die auf dem Corridore angebrachte Muschel der Wasserleitung und siehe ba — auch diese glitzerte, denn sie war vergoldet! Und uns, und mit uns jedem wahren Menschenfreunde drängt sich die in einer schweren Anklage ausklingende Frage auf: „Ist solches nicht eine gar große Versündigung gegen die blos „anvertrauteu" Gelder edler Menschenfreunde, und eine noch weit größere Versündigung gegen die armen, unglücklichen, aber auch unschuldigen Waisenknaben? Bei Verwendung des „erbettelten" Geldes hätte ein gewissenhafter und vom heiligsten Pflichteifer erfüllter Waisenvater weniger Aufwand gemacht, die Prunksucht gemieden und wäre jedem Luxus und jeder Eleganz aus dem Wege gegangen, dafür hätte er aber desto mehr für die Ausnahme und die bürgerliche Erziehung einer möglichst großen Zahl von Waisenknaben vorgesorgt und derart auch sicherlich den Intentionen der hochherzigen Spender am besten entsprochen; denn die armen, verlassenen Kuabenwaisen müssen schlicht und einfach erzogen werden. Das Waisenhaus soll ihnen ja das Vaterhaus ersetzen, daher müssen sie daselbst fürs rauhe Leben ausgebildet werden, damit sie beim Verlassen der Anstalt den harten Kampf um's Dasein nicht nur ausnehmen, sondern auch erfolgreich bestehen können, was bei dem bisherigen Prinzip e in vielen Fällen ganz und gar .unmöglich wird. Wenn die Waisenknaben ihre schönsten Kinderjahre in diesem Feenpalaste verlebt haben, allwo sie, mehr als ihnen zuträglich, verweichlicht, oder sagen wir verwöhnt wurden, muss ein Theil von ihnen dem Handwerk zugesührt werden. Gesetzt nun den Fall, einer dieser „verzogenen" Knaben kömmt zu einem ehrsamen Schlosser in die Lehre, dessen Werkstätte sich in einem Kellerlocale befindet, wo der Lehrling in der Nähe des Kohlenlagers ^seine Nachtruhe zu pflegen gezwungen wird, so kann sich leicht jeder Einsichtsvolle die Frage: „Kann das gut sein?" selber beantworten. Einen solch jähen und gar zu unsanften Wechsel in der bisher gewohnten Lebensweise könnte doch der arme Bursche nicht ertragen, er müsste das als ein niederschmetterndes Unglück betrachten und statt seinen Wohlthätern dankbar zu sein, müsste er ihnen sogar — fluchen! Dass dies in keinem Falle provocirt werden darf, ist selbstverständlich, und es darf auch unter keinerlei Umständen geduldet werden. Daher rufen wir dem Waisenvater, Jakob! Deutsch, die Mahnung unserer Talmudweisen zu: „Wenn' Du, und so oft Du etwas Gutes thust, so thue es derart, dass Du Dir durch Dein Wohlthun Freunde erwirbst; denn es gibt auch Wohlthäter, die so viele Feinde besitzen, als sie Wohlhate n geübt!" __ D. H. Spitzer. Gemeinde- und vrre'msbote. Wim. In der am 20. JännnerP.901 unter dem Vorsitze des Präsidenten, k. k. Commercialrarhes Klinger (in Anwesenheit sämmtlicher Vorstandsmitglieder mit Ausnahme des durch Krankheit entschuldigten Herrn Baurathes v. Goldschmidt) stattgefundenen Sitzung des Vorstandes der Wiener israel. Cnltnsgemeinde wurden aus dem Einlaufe zur Kenntnis gebracht: An eingelangten Spenden: Von Herrn Leopold Sachs zum Andenken an seine Eltern für das Siechenhaus K. 2000; von Herrn Oberrabbiner Dr. Mori; Güdemann für die Mikwah K. 200; von den Hinterbliebenen nach dem seligen Herrn Otto Goldschmidt zur Vertheilung an Arme K. 200; von Herrn L. Brettauer aus Anlass des Todestages seines seligen Vaters für israel. Bedürftige K. 200; von Herrn Otto Hofmann für jüdische Wöchnerinnen K. 100; von Herrn Alexander Slerk für das Mädchen-Waisenhaus K. 59; von Herrn Friedrich Adolf Steiner für den Siechenhaus K. 40. Für die armen Brigittenauer Schulkinder sind eingelausen: Zu Händen des Herrn Dr. Alfred Berger K. 79.50; zu Hunden des Herrn Heinrich Weiner K. 100; bei der Administration der „Neuen Freien Presse" K. 100; bei der Administration des , .Neuen Wiener Tagblatt" K. 26-90; von Frau Caroline Lichtenstern K. 10; von I. D. K. 10; von Herrn Wilhelm Roth K. 2; von Herrn Johann Jokl jnn. für Arme 50 Centner Kohle; von Frau Friedericke Strisower Kranken-Ureusilien für das israel. Altersversorgungs- Haus; von Frau Professor Mori; Benedikt 123 Flaschen Mineralwasser für das Altersversorgungshaus; vor Frau Sofie Deiches Küchengeräthe für das Versorgungshaus; von Herrn Julius Meinl Naturalien für das israel. Altersversorgungshaus. Des Weiteren eine Zuschrift des Herrn Albert Bran deis, betreffend die Widmung eines Bildnisses seines Vaters, des verewigten Herrn Jacob Brandeis, welches im Sinne eines Vorstandsbeschlusses den Bildnissen der um die Gemeinde hochverdienten Männer im Sitzuugssaale eingereiht wird. Einen hervorragenden GegenstaiU) der Tagesordnung bildete die vom Präsidenten namens des Vertreter-Collegiums beantragte und einstimmig angenommene Ehrung für Se. Ehrwürdeu den Herrn Rabbiner Dr. Schmiedl anlässlich der Vollendung seines achzigsten Geburtstages. Der Vorsitzende, w e auch eine ganze Reihe von Vorstandsmitgliedern, darunter iusbesoudere Herr David Ritter v. Gutmann, würdigten in warm empfundenen Worten und rückhaltloser Anerkennung die außerordentlich verdienstliche Wirksamkeitj dieses Mannes, als einer Zierde seines Standes, als eine Zierde des gesammten Judenthnms. Diese Ausführungen wurden von allgemeiner Zustimmung der Versammlung begleitet, die auch in weiteren Anträgen der Herren Reichsrathsabgeordneter Auspitz, Isidor Gewitsch, Dr. Markus Spitzer und Commercialrath Jonas Weil, betreffend Sympathiekundgebungen für den Jubilar, zum Ausdrucke kam. Von den übrigen Berathungsgegenständen der Sitzung ist hervorzuheben: die vom Präsidenten gemachten Mittheilungen über die bisher erfolgte Constituirnng der Comites. Angesichts der Nothwendigkeit, beu Wirkungskreis der zum Theile neugewählten Comites zu bestimmen, wie auch behufs Regelung des Verhältnisses derselben zu den bestehenden Sectionen, hat sich der Vorsitzende veranlasst gesehen, diesbezügliche Bestimmungen zu entwerfen und die Vorlage sämmtlichen Vorstandsmitgliedern zu übermitteln. Nach kurzer Berathung, an welcher sich mehrere Vorstandsmitglieder betheiligten, wird über Antrag des Herrn Theodor- Ritter v. Taussig die Präsidialvorläge en bloc einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Der Antrag der 3. Section (Referent Herr Oberingenieur v. Mises) betreffend eine wegen der Außerordentlichkeit des

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