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Die Wahrheit · 1901-01-25 · Heft 4 (25.1.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 4. vielleicht Entrüstung und Widerspruch seitens des Publikums hervorgerufen hatte, wurde heute dem Redner mit frenetischem Beifalle gelohnt. 0 tempora, o mors»! Wie sehr Lie Politik die jüdische Seele des Herrn Dr. Emil Byk stört, tvie oft er uns auch Enttäuschung zu bereiten nicht verabsäumte, als es galt, zum Fenster hinaus zu sprechen und seine polnisch-arischen Freunde auf Kosten der jüdischen Sache zu unterhalten — Eines muss man ihm lasten: er versteht es, bei vielen Dingen, welche unserem Volke zum Heile gereichen, seinen Mann, gleichsam Len Gevatter zu stellen. Als -zweiter Redner sprach Herr Samuel von Horowitz, als Obmann des Bibliotheks-Curatoriums. Biographisch be- „rthcilt, haben wir in Herrn v. Horowitz einen Zweig des strengsten jüdischen Couservativismus, dessen Urahnen sich durch immense jüdische Gelehrsamkeit und Familienadel auszeichneten. Herr von Horowitz, welcher neben gediegener jüdisch-talmudischer auch große weltliche Bildung genossen hat, neigte in IpDeren Zähren der Astimilationsrichtung zu. Reich und voruehm, wie er es ist, konnte er sich alles gestatten, was die Assimilation dem freieren Dasein bringt. Allein in dieser feierlichen Stunde sprach der Geist seiner Ahnen aus seinem Munde, und der Ton kam aus einem echtjüdischen Herzen. Es waren nicht Gemeinplätze, sondern Worte, welche viel sagen und noch mehr verheißen. Jüdisch-zionistische Programmworte hörte man aus dem Munde des Redners. Zunächst legte er Las Bekenntnis vom Bankerott der Assimilation ab und erklärte «s als Sünde, dass die Fortschrittspartei in ihrem Fortschreiten über alles Jüdische hinweggeschrrttcn sei und eine zu starke Dosis Fremdes in sich ausgenommen habe. Er vcrtheidigte das Studium des Talmud und stellte die Eröffnung einer höheren Talmudschule in Aussicht. Auch die Bibliothek soll ein Brenn-' puukt sein für alle jenen jungen Kräfte, welche sich dem Studium Ler jüdischen Wissenschaft widmen wollen und denen die Mittel hiezu fehlen. Der Redner vermied es leider, das Kind beim rechten Nawen zu nennen und zu bekennen, dass dieser Läuter.ungsprozeß die Resultirende aus dem Zusammenwirken des Lionismus und des Schomerismus sei, nur eine Redewendung deutete darauf hin, nämlich der Passus, welcher besagte, dass seit einem Decennium eine Wendung in der Richtung eingeireten sei. Die Programmre de des Präsidenten des Bibliothek-Curatoriums rief einen Sturm der Begeisterung hervor, denn man fühlte sich zur Annahme berechtigt, dass dieser Mann es versteht, so er sich einer Idee zuneigt, auch materielle Opfer für dieselbe zu bringen. So hatte Herr v. Horowitz die Großherzigkeit, der Gemeinde 50,000 fl. zu spenden, wovon in erster Reihe billige Credite für Handwerker eingeräumt werden sollen. Dieser Fond hat zehn Jahre dem Handwerkerstand zu dienen, und ein späterer Beschluss soll die weitere Verwendung bestimmen. Erwähnt sei noch der Gründer der Bibliothek, Herr Salomou Buber, welcher ebenfalls das Wort nahm und dem Auditorium eine Art Uebersicht über das Bibliothekenwesen im Allgemeinen und das jüdische insbesondere bot. Er wies auf die tausende von Manuscripten hin, die in den großen christlichen Bibliotheken unbenützt und uugekannt Jahrhunderte liegen, und schloß mit dem Gedanken, dass die Bibliothek ein Haus der Bildung und des Friedens sei, und Jedermann kann nun in dieser Bibliothek seinen Wissensdrang stillen, da dieselbe die besten und auserlesensten Werke schon jetzt besitzt und auch später besitzen wird, die der Privatmann sich nur selten anzuschaffen vermag. Nach dieser Rede, welche die eigentliche officielle Eröffnungsfeierlichkeit abschloß, wurden die Gäste in die Bibliothek geführt, wo unser allverehrter Obercantor Halpern einen Psalm voll Innigkeit und Begeisterung vortrug. Nach dem rauschenden Beifall, der dem Sänger gezollt wurde, trat eine Pause ein, man blickte erwartungsvoll nach dem Prediger Dr. Caro, wie nicht minder nach dem Rabbiner Schmelkes, ob nicht einer der Beiden dem Einweihungsgedanken folgend, eine litterarische Eröffnungsrede halten werde. Allein vergebens. Das Publikum verließ den Bibliothekssaal, nicht ohne die Empfindung mitgenommen zu haben, dass im rechten Momente das Wort der Lehre verstummte, das ja von hier ausgehen sollte. Der neue israelitische Waisenpalast i» Ändapest. Gelegentlich der Einweihung des in unserem herrlichen Villenviertel, in Zder Stadtwäldchenallee neuerbauteu, äußerst prunkvollen Palastes für isr. Waisenknaben erschien unter der Redactiou der Herren Geza Kabos und Sigmund Döri in ungarischer Sprache mit dem Titel: „Erinnerungsblätter" eine umfangreiche, reich illustrirte Festschrift, die uns Gelegenheit bietet die neueste Großthat des um die Knabenwaisen hochverdienten Waisenvaters Jacob Deutsch einer, wir müssen dies von Borneherein erklären, rein sachlichen Kritik zu unterziehen. Schon der erste Aussatz in dieser Festschrift, der aus der Feder des Hilfspredigers Dr. Julius Weiß bürg hervorgegangen ist: „Die Steine lügen nicht" führt das alte Wort des Weisesten aller Weisen: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne" .ad absurdum, denn er lässt den Waisenvater Jacob Deutsch als den „Coucurreuten unseres Gottes" figuriren und ihn eine freilich noch nie dagewesene Stellung einnehmen. Dass aber das hochehrwürdige Rabbinat diesen allerneuesten „Coucurreuten" stillschweigend hinnimmt, ist allerdings noch nie und nirgends vorgekommen. Herr Architekt Alfred Wellisch gibt unter dem Titel: „Der neue Palast" eine fachmännische Beschreibung des Prachtgebäudes und stellt die Höhe der Baukosten ziffermäßig fest. Dieser Bau, welcher seinesgleichen — wir haben hier blos dessen Bestimmung als Waisenhaus vor Augen — auf dsr ganzen Erdenrunde nicht aufzuweisen hat, kostete blos die Kleinigkeit von 400,000 Kronen, wovon auf den überaus luxuriös ausgestatteten Tempel, welcher für 450 Personen Raum gewährt, allein 80,000 Kronen entfällt. Die reichen Geschenke an Naturalien, die. vielen Arbeitsleistungen, die theils unentgeltlich, theils aber zu stark redncirten Preisen vollzogen wurden, sowie endlich das auf 12,000 Kronen festgesetzte Architektenhonorar, auf das Herr Architekt Alfred Wellisch in hochherziger Weise verzichtete, sind selbstredend in der angeführten Bausummc nicht ausgenommen worden. Von der feenhaften Pracht dieses eleganten und vornehmen Gebäudes gibt uns Geza Kabos in seiner Arbeit: „Wie wurde der neue Palast gebaut.?" die richtige Aufklärung. Unser Autor sagt u. .A., dass der „im edlen Style erbaute Palast von unvergleilicher Schönheit sei." Das genügt vollkommen und berechtigt uns gleichzeitig sowohl im Interesse der edlen Wohlthäter, die den Bau dieses neuen Waisenhauses durch ihre munistcenten Geldopfer ermöglichten und deren Intentionen der Prunkbau gewiss nicht entsprechen dürfte, als auch im Interesse der Waisenhaus- Institution unseren Bedenken Ausdruck zu geben, sowie die durch den Bau dieses herrlichen und viel zu luxuriösen Waisenhauses zu Tage getretenen Uebelstände öffentlich zu rügen. Wohl müssen wir anerkennen, dass der Waisenvater Jacob Deutsch sich speciell um die Knabenwaisen der Pester isr. Religionsgemeinde wirklich unvergängliche Verdienste erworben hat. Auf diesem Gebiete steht er nicht ttur unübertroffen, ja sogar unerreicht da. Keiner vor ihm, und wahrscheinlich auch Keiner nach ihm, war und wird je im Stande sein, auch nur Annäherendes zu leisten. Wir besitzen 4 Gebäude, die nur isr. Knabenwaisen beherbergen und deren Erwerbung fast ausschließlich das alleinige Werk Jacob Deutsch' ist, der schon seit 30 Jahren als Präsident des. isr. Knabenwaisenhauses sungirt. Während dieser langen Zeitperiode hat er für „feine" Anstalt schon mehr als 2 Millionen Kronen förmlich zusammengebettelt, so dass dieselbe zu den reichsten und bestfundirten Humanitätsinstituten nicht nur in der ungarischen Haupt- und. Residenzstadt sondern zu denen von ganz Ungarn gezählt werden kann.

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