Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite M sie werden das jüdische. Martyrium, miteben solcher Freudigkeit ertragen, wie unsere Altvordern es gethan haben. Gustav L e v i n st e i n bat in einer Broschüre, betitelt: „lieber die Erlösung des Judenthums" unserem „jüdischen Freidenker" so ziemlich heimgeleuchtet. Er hat ihm deutlich die Verirrungen seines Geistes, die Widersprüche seiner Lehren nachgewiesen und so das Judenthum und seine Religion vor Jn-- vectiven gewahrt, die ein Jude zur ■ eigenen Schande augehäust hat. „Wie kann das Judenthum als Inbegriff der Juden gehalten werden, wenn feine Anhänger nicht mehr existiren?" In dem Augenblicke, als der Jude sein Gesetz verlässt und Anderer Satzungen befolgt, hat er den Namen „Jude" verscherzt. „Levita kennt das Judenthum weder inseiner religiösen Bedeutung, noch ist er mit seiner Geschichte vertraut." Dies hat Leviustein in seiner Broschüre mit echt jüdischem Eifer bewiesen, und wenn der Hass unserer Widersacher uns in ihr Lager locken sollte, um so aller Pein ledig zu werden, so wäre diese ffuchwürdige That ein Vergehen an unserer blüthenreichen Vergangenheit und sonnenhellen Zukunft, die Misere Propheten uns verheißen. „Gewiss — so ruft Leviustein wehmüthig aber stolz aus — wir leiden durch unseren Glauben und deshalb noch mehr, weil unsere Kinder durch ihn leiden, aber unsere Väter haben unendlich mehr für ihren Glauben geopfert und sind vielleicht trotz aller Verfolgungen noch glücklicher gewesen als ihre Hasser." Das Beispiel unserer Ahnen muss uns die Kraft verleihen, in denl mächtigen Kampfe ausznharen, bis uns der Allgütige seinen Sieg verleiht. Leiden ist unser erblich Theil, dem jeder von untz willig seinen Rückell leiht, der mit seinem Judenthume es ernst meint. Wir müssen getrost auf den Mterfchütterlichen Stamm Israels bauen, der jederzeit Männer hervorbringt, die frei und unerschrocken das Panier ergreifen, wo dem Judenthume Gefahr droht. Er versündigt sich — so ruft Levinstein dem Apostel halb erlnahnend, halb warnend entgegen — gegen seine Kinder, deren inneren Frieden er v e r n i ch t e t, g e g e n seinen Glauben, dem er sie e n t r e i ß t, e r versündigt sich nicht w e n i g e r gegen die ganze religiöse Gemeinschaft, der er seine von allen Zweifeln e r f ü l l t e n Söhne und Töchter als zersetzende Elemente v o r f ü h r t. Wir Juden werden trotz Lieblosigkeit und Gehässigkeit bei utlserem Glauben ausharreu, denn unsere Erlösung hat der Allvater in den Sternen verzeichnet, die so gewiss erfolgen wird, als die Lehren seiner Seher wahr sind und unverfälscht unb dauernd für die Ewigkeit. Dunaföldva r. Rabbiner Dr. Samuel P a r t o s. Die erste jüdische Gemeindebibliothek in Lemberg.? Wer unsere Assiinilalioiisblsider und Assiuiilationsschwestern! in Lemberg am 24. Dccember zu beobachten Gelegenheit hatte,! wie sie unter dem Schatten des wurzellosen Chriftbaumes saßen, alles mögliche reine und unreine Vieh verzehrten und reichlich Trankopfer nachsandten, wer eben dieselben Kieise am heiligen Sylvesterabend alle noblen Restaurants in Lemberg füllen sah,! den christlichen Mitbürgern zum Entsetzen und sie zur Flucht! in die allein-seligmachenden Locale nölhigend.der lvürde schwerlich! daran glauben, dass sechs Tage nach alldem gar eine neue! jüdische Institution geschaffen und eröffunt werden sollte.! Die Eröffnung einer jüdischen Bücherei hat freilich blut- > wenig mit unseren pervers veranlagten Assimilanten goneris j utriusque gemein, allein sowie die jüdische Volksküche nicht j für alle Schichten der jüdischen Gemeinde' bestimmt ist, lvie ferner das jüdische Spital nur den Aermften Unserer Gemeinde zu güte kommt und bei alldem eine Institution ersten Ranges darstellt, welche von allen Gemeindemitgliedern erhalten wird, so'wird die erste jüdische Bibliothek als eine eminente GemeinoeaDalt auch nur jenen Kreisen zum Heile und Nutzen gereichen, welche darnach streben, jüdischen Geist in sich aufzunehmeu und das heilige Feuer, welches am Choreb uns entzündet wurde, auf sich wirken zil lassen. Zur Vorgeschichte der ersten jüdischen Gemeindebibliothek möge ults gegönnt fein, in der Zeit etwas weiter zurück zu gehen, welche uns jüdische Anreguitgen brachte. Während der Zeit von 1848 bis 511 den siebziger Jahren wüthete ein heftiger Kampf der Juden gegen alles Jüdische, ein allgemeines Niederreißen ohne Nellban. Später verfiel die jüdische Intelligenz in eine Art Lethargie und der craffeste Jndifferentismus gegeir alles Jüdische machte sich überall breit. Die Prediger hatten das Amt, eine Zierpuppe und ein Requisit des Tempels darzustellen^und die Fortschrittsmenschen mit ihren Reden an allen Knotenpunkten des Lebens zu begleiten. Sie bezogen auch Gehälter als Religionslehrer — und leerten — die Bänke der Schulen, predigten gar oft vor eben so dichtgedrängten Nnllen. Die deutschthümliche Assimilation erreichte in Lemberg ihren Gipfelpunkt. Mitten unter dieser Zerftörungsarbeit, fast auf den Rndimeitten einer dem Untergange sich weihenden Fortschrittspartei, rollten lvir mit der Gründung des Vereines ,.8elioiuer Israel“ (September 1867) das Panier des Jndenthums auf. Schrittweise wurde das Territorium fürs Judenthum bestellt. Im Vereine fanden sich jüdische Männer, wie Segal und Emanuel Fraenkel und andere, errichteten eine Vereinsdibliolhek, die den Vereinsmitgliedern zugänglich gemacht wurde. Nach allen Veruntreuungen und Unterschlagungen blieb noch noch ein Nest von 1300 Bänden auserlesener Werke. Stets wies der „Kolloiner Israel“ ans die Nothwendigkeit einer öffentlichen Gemeindebibliothek hin, und besonders Herr Salomon Buber nahm sich in den letzten Jahren der Realisirung dieses Planes an. Ihm haben wir auch vornehmlich die Errichtung der am 6. d. eingeweihten Bibliothek zu verdanken, zu welcher die Lemberger Gemeinde sehr billig kam. Herr Salomon Buber schenkte einen Theil seiner werthvollen Bibliothek an 4000 Bänden, hiezu spendete Herr Samuel v. Horowitz 1000 Bände, vom „Schomer Israel“ kamen leihweise die restlichen 1300 Bände und endlich eine testamentarische Zuwendung der Privatbibliothek des sel. Predigers Löwenstein, das gab zusammen gegen 10.000 Bände hebräischen, talmudischen, historischen, wie philosophischen Inhaltes. Die Gemeinde überlässt zur Unterbringung der Bibliothek vier Zimmer, stellte die Einrichtung, bezahlt den Bibliothekar, Herrn Gerson Bader, den bekannten hebräischen Literaten, welcher die Stelle eines Custos der Bibliothek bekleidet, und bestreitet Beheizung und Beleuchtung. Es wäre wohl unser Wunsch gewesen, dass die Einweihungsfeierlichkeit vor den Augen der ganzen Gemeinde und nicht blos vor einem kleinen Kreise officieller und halbofficieller Persönlichkeiten stattgefuuden hätte, und dies schon deshalb, damit die weiteren und breiteren Schichten der Lemberger jüdischen Gemeinde es miterfahreu und miterleben, dass der echt jüdische Geist auch über die Häupter der Führer nnierer Gemeinde gekommen ist, und wir wollen hoffen, diese für alle Zeit zum Heile der Geführten erobert zu haben. Geht es auf der Bahn, welche der Präses der Lemberger Cultusgemeinoe, Dr. Emil Byk, und der Obmann des Bibliothek Euratoriums, Herr- Samuel von Horowitz. mit trefflichen Worten zeichneten, in gerade anfsteigender Linie vorwärts, d. h. werden diese geflügelten Worte auch in leibhaftige Thaten umgesetzt, dann können wir unsere Gemeiirde beglückwünschen, denn es eröffnet sich eine Perspective für echt jüdische Cultur und Arbeit. Herr Dr. Emil Byk schlug in der Eröffnungsrede einen warmen jüdischen Ton an. Er apotheosirte das Judenthum, geleitete uns in die Wandelgänge der Geschichte und zeigte, wie das jüdische Buch, das Buch der Bücher, Israel stets als theuerstes Kleinod galt, für öeffen Besitz es mehr als um sein Heimatslaud besorgt war. Dass unsere Existenz von der Erhaltung dieses Buchesabhängr, steht außer Frage. Der Redner wusste das Auditorium durch Berühret! der nationaleu Saiten seines Herzens zu großem Beifall zu veranlassen. Unvermerkt befanden wir uns unter Zionisten, imö was vor einem Decennium