Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063066--01164-3067731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Serie 4. Die Wahrheit. Nr. 4. Fragen, jüngst erst über das Buch Hiob, sich langst einen bleibenden und geachteten Namen in der Wissenschaft erworben hat, nicht erst gesagt zu werden. Wer aber das Glück hat, Schmiedel persönlich zu kennen, der verehrt ihn auch als Menschen wegen der Lauterkeit seines Chäractcrs, der kindlichen Güte seines Wesens und der herzlich liebenswürdigen Formen seines Umgangs. Dass Adolf Schmiedel, obwohl von der Last der Jahre etwas gebeugt, noch aufrecht seines Amtes waltet, und, was höher einzuschätzen ist, auch als Forscher noch rüstig schafft, bewegt alle freudig, die Schmiedel kennen und verehren. Mögen dem geschätzten Manne noch eine lange Reihe schaffensfroher Jahre und ein heiterer, ungetrübter Lebensabend beschieden sein, und möge sein Wirken als Muster und Beispiel dienen. In diesem Sinne entbieteten wir dem greisen Priester und Gelehrten unseren -herzlichen Glück- und Segenswunsch ^vrri p:n! Die Erlösung -es Iudenthums. Der Antisemitismus hat schon so manche böse Frucht gezeitigt, aber eine derartige, wie sie Benedictus L e v i t a in der „Erlösung des Iudenthums"*) uns darreicht, hat er nur selten hcrvorgebracht. Wem sie eigentlich zum Genüsse dienen soll, darüber ist der Verfasser wohl selbst im Unklaren. Seine Stammesgenossen werden sich schönstens für eine Erlösung bedanken, die das ganze geschichtliche Judenthum über den Hausen wirst, und sie können und werden sich niemals zu einem Judenthume verstehen, das zum großen Theile im Christenthum aufgeht und dergestalt in der Luft schwebt, dass man mit menschlichen Augen kaum darnach zu schauen und es mit gesunden Sinnen nicht zu be- -greisen vermag. Ob Levita selbst einen klaren Begriff hat von ben Faseleien, in die er sich begeistert hineinredet, wollen wir sehr bezweifeln, denn woher soll die Erlösung kommen, wenn rer ewige Jude stirbt und unsere Kinder Christen werden? Der Jude hat gar viele Stürme mitgemacht, so manches Henkerbeil wurde über seinen Nacken geschwungen, und noch heutigen Tages werden unverdrossen Furchen gezogen, um die Drachensaat in unseren sruchtschwellenden Boden hineinzulegen, aber zum Ueberdruße aller Judenfeinde lebt der Jude fort in seiner geschichtlichen Wahrheit. Und jener nie versiegende Quell, der unsere Vorfahren gestärkt hat, wird auch unsere Kinder laben, wenn sie ermattet zu Boden sinken sollten. Das wäre eine arge Erlösung, wenn wir uns durch Aufgeben des Judeuthums aller Qualen und Beängstigungen, aller Nebel und Bedrückungen entledigen wollten. Der völlige Zusammenschluss, wie sich ihn Levita ausmalt, wird und kann nie Zustandekommen, wenn nicht anders unsere Religion zu. nichtswürden Farce herabsinken soll, und dass dies nie und nimmer geschehen wird, darüber wacht der Hort Israels, der sein Volk zu einer erhabenen Mission erkoren hat, die noch nicht ganz erfüllt ist, wie die jeweiligen Ausbrüche zeigen, von denen unser Zeitalter so sehr angekränkelt ist. Auch der Verfasser muss zu seinem größten Bedauern gestehen, dass das Judenthum im Großen und Ganzen mit allen seinen Fasern an seiner traditionellen Lehre festhält, denn, wie er zugibt, ist für seinen wohlgemeinten „Zusammenschluss zunächst nur ein Theil des Iudenthums reif." Was er so sehr bedauert, das halten wir für den ewigen Sieg der Wahrheit, die durch Gewölk und sinstere Nacht in Hellem Glanze erscheint und uns in dunklen, trüben Tagen stets ein leuchtender Stern war, und der geringe Theil, zu denen auch Levita sich zählt, der mit einem Fuße auf fremdem Gebiet steht und mit einem Auge nach gefälligeren Güter« auslugt, verschwindet so sehr, dass er kaum Beachtung findet. *) Der unter den Pseudonym Brnedictus Levita sich bergende Verfaffer des vor einiger Zeit in den „Preußischen Jahrbüchern" erschienenen Artikels „Die Erlösung des Iudenthums" ist ei« Hallenser Rechtsanwalt, der wohl selbst, aus Scheu von dem Dogma, Bedenke» trägt, das gelobte Land des Christenthums zu betreten, aber trotzdem als erlösende» Mittel den deutschen Eltern den Rath ertheilt, ihre Kinder der Taufe zuzuführen. Die Red. Wie Levita sich eigentlich das Judenthum zurechtlegt, für das er noch eine gesunde Fiber im Leibe verspürt, da er vom Einig einzigen Gotte, das Erbe seiner ruhmreichen Vorfahren, um kein n Preis sich loslösen will und andererseits dem „Gottmenschen" nicht huldigen kann, so sehr auch seine Sittenlehre ihm mundet — das verstehen wir nicht recht, so sehr wir uns auch bemühten, seinem dunklen Jdeengang zu folgen. So ganz Jude möchte er nicht sein, weil er das lästige Bündel, an dem der Arme zu keuchen hat, weitab von. sich wirft, hinwieder zum christlichen Glauben sich zu bekehren, dazu fehlt ihm der Wagemuth, weil er sich dessen so nicht vergewissern kann, dass alle Qual damit ein Ende nimmt. Nebst den jüdischen Festen, die Zeugenschaft von der nimmer alternden Wahrheit unserer Geschichte ablegen, will er auch die christlichen Feste gefeiert wissen, und wir sind gewiss, dass die Osterbrode (um mit L. zu sprechen) noch jetzt seinen Magen drücken, der Palmenstrauß am Hüttenfest sein jüdisches Gewissen mächtig anregt, das Wochenfest an die Donnerstimme am Berge Sinai ihn erinnert, das Neujahr sammt dem Versöhnungstage an seine Nichtigkeit ihn ermahnt. Und nichr genug an all' dem, will er noch die Osterglocken läuten hören, die Emanation des heiligen Geistes an sich verspüren, mit dem Weihnachtsbaum sein stilles Heim zieren, also nach einer hybriden Frucht langen, die schmackhaft zu genießen und lieblich zum ansehen ist, wie es in der heiligen Schritt heißt. Levita will nicht einseitig über das Judenthum urtheilen, darum wendet sich sein prüfend Auge zu seinem Sittengesetz, um vielleicht dort Beruhigung zu finden für sein aufgescheuchtes Gewissen, aber auch da muss er mit Bedauern gewahren, dass im Judenthume kein sittliches Ideal anzutreffen ist, denn das jüdische Sittengesetz führt in seinem Schoße Ruhe, Behaglichkeit, Wohlbefinden. strebt also nicht, geistige Schätze seinen Bekennern zu erschließen. Hätte er nicht oberflächlich von unserem Stamme geurtheilt, hätte er sich Mühe genommen, tiefer in unserem Schriftthum zu graben, er würde gar herrliche Schätze ans Tageslicht , gebracht haben, die eine deutlich vernehmbare Sprache reden. Die jüdische Moral findet ihres Gleichen nicht, und was je auf diesem Gebiete gelehrt wurde, hat seinen Ursprung in dem jüdischen Gesetze, dem es nicht nur seine äußere Hülle entlehnte sondern auchseinen inneren Kern verdankt. Und hätte Levita eine bessere Schule gehabt, so wäre er über unser Sittengesetz besM unterrichtet. Unser tausendjähriges Maryrinm bezeugt zur Genüge, dass wir in dem Sittengesetze unser bestes Theil fanden, das uns für so viele Unbilden Trost und Beruhigung gewahrte. Wer aber vom bösen Geist des Widerspruches besessen ist, wird in unserem Sittengesetze die Wärme nicht finden, welche die eisstarre Kruste der Irrlehren auflöst. Und Levita ist es darum zu thun, dass der ewige Jude sterben soll, darum muss seine Geschichte, sein Cultus, seine Moral gefälscht, erniedrigt und begeifert werden, um so den Weg zu bahnen, auf dem seine Kinder zum Christenthum gelangen. Schon hört er das Wimmern der Kinder und ihre vorwurfsvolle Anklage: „Warum hast du, Vater, den Fluch des Iudenthums auf uns vererbt?" „Warum für eine Sache leiden, die uns nichts ist?" Und da blitzt es ihm durchs Gemüth: „Sie haben Recht. Sind wir nicht mehr Juden, so haben wir kein Recht, unsere Kinder zu Juden zu erziehen. Haben wir im Christenthum die rechte Religion erkannt, so müssen wir unsere Kinder in dieser erziehen." Fürwahr, ein recht schlaues Mittel! Wir wissen ein besseres. Jüdische Kinder müssen als Juden erzögen und mit ihrer tausendjährigen Geschichte frühzeitig vertraut gemacht werden, sie müssen im väterlichen Hause zuerst an ihre jüdische Abstammung gemahnt werden, sie dürfen nie Etwas sehen, wodurch Zweifel an ihrer Religion wachgerufen werden, sie müssen die Weihe des Sabbaths bei ihren Eltern verspüren und die Feiertage genau befolgt sehen, und wenn ihnen eine derartige erziehliche Grundlage geschaffen wird, da werden sie gewiss keine Klagen über die Bürdeihrer Religion . erheben und nicht ihr Heil im Christenthume suchen. Lehret fie erst die Satzungen ihres Glaubens und