Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Redartion u. Administration Wien. IT/1. NovaragaAe 27. St. k österr. Postsparcasia Lheck-Conto Nr. 841.251. rnfiratr 20 Heller vrr Nonpareille-Zeile. iAbonnements- und JnsertionS» betrüge />nd in Wien zahlbar. ^abhängige Aeitfchrift für jüäifche en. Erscheint jeden Freitag. Klatia: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" «ez»gsprnr: | Ganzjährig . . . St. 12.— | Halbjährig ... Ä. 6.— 5 Für Lultusbeamte: || Ganzjährig ... 8. 10.— j] Für Ausland: Ganzjährig .... 12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcr. Ar. 4. Wien, 85. Jänner IM. Inhalt r Dr. Adolph Schmiedel. — Die Erlösung des Judenthums?— Die erste jüdische Gemeindebibliothek in Lemberg. — Der neue israelitisch e Waisenpalast in Budapest. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Synagoge und Cantor vor ^und nach Sulzer. — Verschiedene Nachrichten. Feuilleton: Der Nihilist. Dr. Ädolf Schmiedel. Zum 80. Geburtstag. Zn erfreulicher Frische und Rüstigkeit begeht der Nestor und Altmeister nicht nur der Wiener, sondern der österreichischen Rabbiner und Prediger am 27. d. M. seinen achtzigsten Geburtstag. Und wenn diesen nicht nur in unserer raschlebigen Zeit, sondern nach den Worten des Psalmisten seit jeher so selten den Menschen in ungeminderter geistiger und körperlicher Rüstigkeit erreichbaren Tag mit der Familie Schmiedels und seinen persönlichen Freunden und Verehrern auch die weitesten Kreise mitfeiern, so liegt der Grund in der ungeheuchelten Verehrung, deren sich der greise Gelehrte und Rabbiner mit Recht erfreut. Nicht die Anzahl der Lebensjahre allein, auch nicht Hie lange Reihe von Amtsjahren verleihen den Rechtstitel aus diese Verehrung, ja auch der leider so oft misbräuchlich und mit Nachsicht der ihn begründenden Verdienste verliehene, wir möchten sagen, traditionelle Ehrenbeinamen „allverehrt", den manche als unzertrennlich von geistlicher Würde betrachten, bedeutet durchaus nicht immer^ dass dessen Träger ans wahre Verehrung Anspruch erheben können. Zm Gegeinheil, je lauter sich ofr diese unverdiente, aus Liebedienerei beruhende Reclame geltend macht, desto geringere Berechtigung hat sie zumeist. Wir tonnten geistliche Hirten nennen, die ans eine viel längere Wirksamkeit innerhalb einer und derselben Gemeinde zurückb licken und trotzdem den Weg zum Herzen der Gemeindemilglieder noch nicht gesunden haben, weil eben weder ihre Tbaten noch ihre Worte vom Herzen kommen. Hier gilt das gute, alte Wort: Ss n'DJD: aSn ja a*sxrn a'"ai. Die echte und wahre Verehrung, deren ein geistiger Führer und Leiter, und vor allem ein Seelsorger, sich erfreuen soll uns deren er, soll seine Wirksamkeit von bleibendem Erfolg begleitet sein, nicht entrathen kann, beruht aus diesem Herzenscontact: er.muss , der Liebe habell, sonst bleibt er ein tönendes Erz und eine; klingende Schelle. Er muss aber auch stets sich dessen bewusst fein und durch sein ganzes Wirken es beknllden, dass sein hohes; Amt ihm nicht nur eine Wurde verleiht, sondern ihm auch die Bürde auferlegt, seine ganze Kraft in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, dass er nicht nur die vertragsmäßigen Pflichten "zu erfüllen, sondern, allen voran ein leuchtendes Beispiel, die drei Grundtugenden zu bethätigen habe, die den Inbegriff der rabbiitischen Wirksamkeit darstellen: anan 'mnTay, min. Dr. A d o l f S ch m i e d e l gehört zu jenen so seltenen Männern, die diese Dreiheit rabbinischer Pflichten, die ja nach einem bekannten Ausspruch die Grundpfeiler des Weltalls bilden, in ihrem amtlichen Wirken, sowie in ihrem privaten Leben verkörpern, deshalb erfreut er sich auch der größten Hochachtung und Anerkennung. Aber mehr als das: er kann alsleuchtendes Vorbild den Zungen und manchen Alten hingestellt werden. Wenn Dr. Schmiedel die lange Reihe seiner Aintsjahre überblickt und im Geiste die früheren Stätten seiner Wirksamkeit an sich vorüberziehen lässt, so darf er mir berechtigter Genugthuung sich sagen, dass er ihnen allen mit treuer Hingebung gedient und dass er überall Liebe und Anhänglichkeit gesunden. Aber es ist an solchen Festestagen Pflicht der Pnblicistik, im Namen der Oeffentlichkeit dies auch offen zu bekunden. Nicht nur in den Gemeinden seiner mährischen Heimat und Schlesiens: in Gewitfch, in Teschen und Bielitz, in Proßnitz, sondern auch hier in Wien in Fünshaus und seit Zellineks Tode im Tempel in der Leopoldstadr. hat Adolf Schmiedel sich die aufrichtige Verehrung und die dankbare Gesinnung Aller, die ihm näher zu treten Gelegenheit fanden, aber auch darüber hinaus in der großen Masse der Glaubensgenossen gesunden. Als Kanzelredner nna gelehrter Forscher besitzt Adolf Schmiedel schon längst einen gesicherten Ras. Auch jene, die ihn nicht selbst gehört haben, vermögen es, sich über die Art seiner Predigt, die ernste Glaubenswärme, die sie durchdringt, ihre gewählte Sprache, die Klarheit und Tiefe ihrer Gedanken, ans der längst gedruckt vorliegenden Sammlung „Saiisiuim", die auch ins Holländische übersetzt worben ist. eine Vorstellung zu verschaffen. Wer jedoch Schmiedel selbst gehört, sei es aus der Kauzet, sei es bei einem trauririgen oder freudigen Anlass, der kennt auch den stets der Heiligkeit des Berufes und Ortes, sich bewussten Ton, aus den die Reden gestimmt sind, und vor allein die gemüthsvolle und deshalb so wohlkhnende, weil ans dem Herzen kommende und zum Herzen dringende Innigkeit seiner Rede, die niemand ohne Belehrung, nicht wenige aber auch nicht ohne innere Erhebung andoren dürsten. Geilt und Gemüth kommen in Schmiedels Reden zu gleichem Recht: dass sie ans tiefgründigem Wissen beruhen, braucht bei einem selbstrhätigen Forscher, wie Schmiedel, der durch seine gründlichen und methodischkritischen Arbeiten zur jüdischen ReÜgionsphilosophie, zur hebräischen und arabischen Sprachknnde, über einzelne tal nuoiiche \