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Die Wahrheit · 1901-01-18 · Heft 3 (18.1.1901) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 3 (18.1.1901)
Date
1901-01-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Hesterr.- ungat. Kantoren-Ieitung. Nr. 3. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Synagoge und Canior vor und nach Sicher. Von Obercantor P. Minkowsky, Odessa. (Fortsetzung.) Mit der Ausbildung des öffentlichen Gottesdienstes, mit der Abnahme der Kenntnis der hebräischen Sprache, die io gering wurde, dass die Gemeinden sich daran gewöhnten, das Hanptgebel in den Synagogen obue Selüstbetheiligung nur vom Vorbeier laut vorgclragen zu hören '), mit dem Äuiblühen der Poesie uno Grammatik und dem zmiebmenden Behagen am Gelang, wuchs die Bedeutung der Vorderer zu gewaltiger Höhe 2). Diese Zeit, die einige Jahrhunderte dauerte, darf mit Recht als die glanzvollste Epoche der Chasanim bezeichnet werden; denn in dem Rituskampse, der dann zwischen den.Rabbinen und Peitanim, wie auch unter den verschiedenen Gemeinden entbrannte, haben die Chasanim sich sehr oft mit ihren Melodien (d'J3*ti “i'tp) als Schiedsrichter emporgearbeitet. Das Los der Piutirn hing von den L'chani'n der Vorbeter ab. Der peitauische Aufschwung zusammen mit dem gesanglichen Eifer dieser Epoche muss gewiss zur Hebung des intellectuellen und moralischen Niveaus der damaligen Chasanim sehr viel beigetragen haben. Das Chasonuth erreichte damit feinen Zenith. Mit dem Abschluss der peitanischen Litteraiur und dem Erscheinen der gedruckten Gebetbücher hat die letzte Stunde der scheinbaren Hegemonie der Chasanim geschlagen. Es begann vre Epoche des Verfalls, und die Chasanim, moralisch wie intellectuell gairz verkommen, suchten blos durch banalen Singsang, in der Synagoge wie bei häuslichen Gelagert, sich bei der Masse eine feile Beliebtheit zu erwerben. Auch die Rabbineu, die ihr tradi. tionelles Vorurtheil nie gänzlich verheimlichen konnten, fanden jetzt mehr Ursachen als je, ihren ganzen Groll gegen die Chafairinr loszulassen. Ausserdem haben noch andere Zufälle zur Verschlimmerung der liturgischen Verhältnisse im Allgemeinen sehr viel beigetragen. Neue und extreme Strömungen in Israel, die seit der Wirte des 18. Säculums das Judenthum und die Juden aus ihrer mittelalterlichen Erstarrung aufrafften, brachten eine große Metamorphose in der synagogaleu Liturgie mit sich. „Der verkehrte Studiengang der Judenheit des vierzehnten Jahrhunderts hatte auch ihren Sinn für das Einfache abgestumpft. Sie Hanen sich so sehr an Gekünsteltes, Geschraubtes, Verschnörkeltes und Witzeleien gewöhnt, dass die einfache, schmucklose Wahrheit in ihren Augen werthios, wo nicht kindisch lind lächerlich erschien." 3) Dieselbe scharfe Knut könnte auch auf ihren Geschmack im Gesänge ongewcndcl werden. Das mittelalterliche talmudijche Judenthum, die spitzstudige Scholastik des Rabbinismns und der alte angrhüuue Wust der Synagoge mit dem abstoßondem Wesen des Gouestienstes wurden als Anachronismus, als zwecklos, invalid, uuzeitgcmäß und amputationsbedürstig erklärt. Die Diagnose der Krankheit wurde beinahe einstimmig gestellt, ganz verschieden waten aber die Heilmittcl, die zur Beseitigung der Krankhelt von unterschiedlichen Heilkünstleru angewendel wurden. Berliner Hellenismus und Miedsiboser Myfticismus rivalisirten miteinander, - und occideutaler Radicalismus und orientaler Fanatismus drohten durch ihren Wettkampf dem Rabbinismus den Garaus zu machen. Während die Berliner Gesellschaft der Freunde die Parole Mendelsohns: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen" 4) zu ihrem Wahlfpruch machte, verschworen sich die Neuchassidäer, die Nachfolger anPJD, mit aller Macht gegen das „Forschen" und besonders gegen das *) Resp. David Jbn-abi-Simra ed. Livorno. Nr. 94. Lergl. Geschichte der Juden. Graetz, Bd. VI, S. 338 und Bd. IX, S. 24. 2) Die RituS des synagogaleu Gottesdienstes, S. 6, Zunz. 3) Geschichte der Juden. Bd. XI, S. 13, Graetz. *■) Graetz, Bd. IX, Note 2. unjüdische „Schöne". Während die Berliner nach kirchlicher Andacht, nach protestantischer Erbauung lechzte,!, beharrteu die Miedsiboser auf eine eigeuthümliche Art niip, die ein Gemisch von Mimik, Tanz und Geschrei war. „Sie vereinigten sich mit Israel btpjd in Miedsiboz, um andachtsvoll, d. h. mit Singsang und Händeklatschen, Verbeugungen, Körperbewegungen, Sprillgen unter Lärmen und Schreien, zu beten." Die Aussicht rvar eine sehr traurige gelvorden! Das kranke Judenthum konnte mit Recht klagen: "!rimn 'rWD *pa Die excentrisch-rationelle Richtung der Berliner rief unter den altnationalen Juden eine noch schärfere Reaction hervor, und zwischen dem neuen Liberalismus und den alten Obscnrantismus war fast keine Möglichkeit mehr eine goldene Mitte zu finden.°) Die reformirten Rabbinen, die Jünger Jakobsons, welche nur Gefallsucht und Christele! verfolgten, welche mehr von dem, was das Judenthum nicht ist, als von dem, was es fei, zu erzählen wussten, die mehr auf die Beschneidung des Judenthums als dev Juden losgingen, wie sie Heine „Hühneraugen-Operateure"' nennt,7) konnten höchstens als Helden der Zertrümmerung, aber nicht als Baumeister angesehen werden. Was half es, dass sie- Messias, Zion und Auferstehung dem Moloch der Assimilation opferten, um ihr Teutfchthum höher als ihr Judenthum zw declariren, wenn die Deutschen sie dennoch als cultnrunsährg und blos als Schutzknechte betrachteten! Was nützte es, dass sie den alten jüdischen Wust ans der Synagoge wegfegten, wenn das Neue als ausgeborgtes, fremdes und abgedroschenes Zeug allbekannt war! Jakobson, der dem Singsang der alten Chasanim so erbarmungslos den Laufpass gegeben hac, war ja gezwungen, bei der Einweihung seines neuen Tempels zu Seesen statt dessen Kirchengfocken läuten zu lassen! 8) Kurz, die Berliner Religion hat zu viel weggenommen und sehr wenig gegeben und wurde darum vcn Anfang an .von der Majorität der Juden als bankrott erklärt. Die andere Strömung, namentlich die chassidäische Versunkenheit, die wilve Mnsik, die mit Sabatai Zelvi anfing, bei den Frankisten fortgesetzt und gepflegt wurde, und mit dew Besckiien (öipya) ihren Höhepunkt erreicht hat, und überhaupt den Verfall der Synagoge und die Verwildung der Liturgie ist nicht nöthig hier eingehender zu erörtern. Das Organ des Geisteswar unter den polnischen Juden durch den scharfen „Pilpul" der Milhnagdim -einerseits und „Hithlahaboth" der Chassidim andererseits so überreizt, dass ihnen das Geschmackloseste mehr als das Geschmackvolle, das Ungeordnete mehr als das Geordnete zusagte. Während die reformirten Tempel in Seesen, Berlin, Hamburg rc., am Anfang des 19. Säculums durch äußere Decoration und kirchlichen Firniss die innere Leere zu schützen suchten, während die Berliner Griechlinge das gerunzelte Gesicht der alten Mutter durch Maske und Schminke zu verjüngew glaubten, versanken die Miedsiboser immer tiefer und tiefer in ihrem Sumpfe, und erhoben, trotzend aller Scham, in ihretw Gottesdienste ein kakophonisches Geheul, oder ergingen sich in tanzender, ausgelassener Lustigkeit, um die nöthige mnnSm zw erwirken. Unsere vausiog. smora, die einst zur Verherrlichung des serusalemischen Tempels gedient hat, verwandelte sich in einen musikalischen Jargon, der nicht als Interpretation des Textes, sondern ganz unabhängig, für sich allein auftrat, ungeachtet, ob er dem Text widersprach, oder nicht. Wenn auch einige Cha-- sanim künstlerische Fertigkeiten in diesem musikalischen Jargone erlangt und auf ihren Reisen in den verschiedenen Gemeinden großen Beifall und Verehrung bei den Massen sich erworben ***) Zur Geschichte der jüdischen Poesie, S. 101, von Frzi Delitzsch - 6) Heine. Brief an Aodlwill.8. April 1823. i. S. 85. 7) Geschichte der Juden. Bd. XI, S- 307, 413,. Graetz. . 8) Geschichte der Juden. Bd. XI, Note 2, S. 608, Graetz. g,-~- tyAti'tpmrvr-yr

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