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Die Wahrheit · 1901-01-18 · Heft 3 (18.1.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 3 (18.1.1901)
Date
1901-01-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 3. Ansicht ganz den Anschein, als sollten einige, von den jüdischen Fleischhauern wenig herangezogene Schächter mit Stellungen versorgt werden. Und das Facit? Fleischhauer, die früher, ohne dass eine zwingende Nothweadigkeit vorlag, alle ihre Thiere rituell schachten ließen, schachten jetzt beiläufig ein- Drittel, und das Uebrige wird geschlagen. Den ihnen bekannten Schächtern haben, die.Fleischhauer gerne Gelegenheit gegeben, sich rechtschaffen fortzubringen, aber auf Blei und Zangen, die nach meinem Dafürhalten uns eingegoffen oder eingezwickt werden sollen, geben wir kein Geld her. Za es werden Mittel nnd Wege gesucht und hoffentlich auch gefunden werden, um den geplanten oder bereits getroffenen Maßregeln Einhalt zu thun. Von 52 Schächtern, die sich früher recht und schlecht ernährt haben, sind blos 28 geblieben. Für sieben hat sich „etwas" gefunden, 17 sind gänzlich brotlos, und wer dieselben am Eingänge des St. Marxer Schlachthauses gesehen hat, mit dem Ausdruck der Verzweisiung im Antlitze, der hat sich an bje rumänischen Auswanderer erinnert, nur wird die Pein noch dadurch verschärft, dass es diesmal die Hand eines jüdischen Seelenhirten war, die diese Armen in's Elend gestoßen. Erst letzten Montag haben wir, mit dem Stimmzettel in der Hand, unS alle wie ein Manu dagegen gewehrt, dass der Clerus nicht über uns verfügen, nicht mit uns nach Belieben schallen und Watten kann, und hier — siehe Ukas des Rabbi Meyersohn vom 10. December 1900. Die 28 Schächter haben bisher eine Entlohnung von 20—60 Kronen erhalten. Und wo ist das andere Geld hingekommen, das bereits eingenommen wurde? Die Zangen sind doch nicht so theuer, oder soll der hungernde Schächter vielleicht mtt Gold, statt mit dem schädlichen Blei den Ochsen plombiren? Es entsteht hiebei aber auch eine andere, höchst wichtige Frage: Wird der Fleischhauer das Koschersieisch jetzt um denselben Preis wie bisher verkaufen können, wenn ihm solche Abgaben auferlegt werden? Entschieden nicht! Und was ist die nothwendige Folge davon? Dass so manche Hausfrau, die nur aus dem Grunde „koscher" eingekauft hat, weil das Fleisch ihr dadurch nicht theuerer gekommen ist, 'nunmehr zum christlichen Fleischhauer gehen und dort ihren Bedarf decken wird. Und so wird die geplante Besserung zu einer ungemeinen Schädigung des ganzen Wiener Judenthums werden. Za, es soll geregelt werden, aber die Cultusvorstehung soll die Regelung vornehmen, dann sind wir auch sicher, dass auf den Cultussteuerträger einige Rücksicht genommen wird. Wir sind gerne bereit, von jedem „K o s ch e r"-Rinde 1 K. i.0 H. zu bezahlen, wir sind auch bereit, die Fleischbänke beaussichtigen zu lassen, doch darf uns nicht damit eine unnöthige Last ausgebürdet werden, die wir nicht ertragen können. Wir sind entschlossen, unsere nach schweren Kämpfen auf die heutige Höhe gebrachten Betriebe auch weiter so zu erhalten, ja, wo möglich noch zu erweitern, aber gegen eine Schädigung, mag selbe von wo immer kommen, werden wir Stellung nehmen und uns vertheidigen. Galizische Fleischbänke in Wien — ist ein Ding der Unmöglichkeit, und es wird hoffentlich einen Cultusvorsteher geben, der sich unserer Sache annehmen wird. Indem ich für die Veröffentlichung vorstehender Zeilen danke, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung Gottlieb Herrmann, Fleischhauer, Obmann des „Vereines Israel. Fleischhauer in Wien" DL, Liechtensteinstraße 40. Die Älterthnmer in den jüdischen Gotteshäusern. Als unsere Vorfahren noch in ihrem Getho eingeschlossen waren und gesellschaftlich nur sich^und ihrem Gotte lebten, da concentrirte sich auch naturgemäß ihr ganzes Interesse auf die Pflege und Förderung des religiösen Lebens, und in der Anhörung eines weihevollen Gottesdienstes, inrder Inbrunst des Gebetes, in der Hochhaltuna der heiligen Lehre und in der Ausübung von Wohlthaten fanden sie volles Genügen. Nach letzterer Richtung haben unsere Vorfahren Bedeutendes geleistet, ebenso in der Begeisterung für ihren Glaubell, und namentlich, wenn es galt, das Zelt Jakobs, die Stätte Israels, mit Kostbarkeiten zu schmücken, da war kein Opfer zu groß, und die Vornehmen in der Gemeinde wetteiferten in dem edlen Streben, herrliche Liebesgaben in Form von Altarvorhängen, Echoramänteln, Tischdecken in Gold und Silber gestickt und mi t kostbaren Steinen besetzt, darzubringen. Vor Allen waren es aber die jüdischen Frauen, die den Impuls gaben zu solchen Spenden, und darin einen Stolz erblickten, wenn ihr Name und der ihrer Farnilie auf diesen heiligen Paramenten glänzte. Wie ganz anders heute! Der Sinn für solche Weihegaben wird nur selten angetroffen, denn Dank der Ueberfülle an derartigen Objecten, welche in alten Gemeinden durch reichliche Spenden aus früherer Zeit herrscht, ist der Mitwelt nur übrig geblieben, vom Ruhme des historischen Glanzes zu zehren. Was uns^Epigonen aber wenigstens noHzum Tröste gereicht, das ist die Ausgabe, anstatt Neues zu schaffen, das zu erhalten, waS wir von unseren Vorfahren ererbt haben. Vor allen anderen Gemeinden ist uns da die Residenzstadt Wien und ihre jüdische Großgemeinde mit dem besten Beispiele vorangegangen, das von Seilen mancher der größeren Provinzgemeinden lobenswerthe Nachahmung fand. Freilich nicht in dem Umfange wie in Wien, wo die „Gesellschaft zur Conservirung und Erhaltung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums" über reichere Mittel verfügt*) und Männer an der Spitze hat, die durch deit Glanz ihres Namens dem Unternehmen im Voraus Erfolg sicherten. Um so lobenswerther ist es aber, wenn edles Streben, auch auf geringerer Basis ruhend, nachgeahmt wird. Der Zweck ist ja derselbe. Und dieser Zweck wurde auch in unserer altehrwürdigen Gemeinde Jungbunzlau in so weit erreicht, als daselbst die ungemein werthvollen Stücke unserer alten Synagoge, z. B. Altarvorhänge, von denen manche nach Schätzung der bekannten Leiterin der k. k. Hofkunststickerei in Wien, Elise Bach, einen Werth bis 20.000 fl. repräsentiren, in einem für diesen Zweck adaplinen Raume in der isr. Schule untergebracht nnd zu einer großen Sammlung historisch werthvoller Objecte vereinigt wurden. Wer von unseren Glaubensgenossen die Stadt passirt, sollte es nicht versäumen, die interessante Stätte aufgehäuster Kleinodien zu besuchen, und die Trefflichkeit der Einrichtung, wie die Mannigfaltigkeit der Gegenstände wir Jedermann gewiss erfreuen. Ein besonderes Verdienst um das Zustandekommen unseres Museums hat sich Herr Cultusvorsteher Carl Schubert erworben, der sich mit großer Energie für die Verwirklichung dieser seiner Lieblingsidee einsetzte, und gleich unseren hiesigen Herrn Lehrer mit der Sichtung und Catalogisirung der einzelnen, nach Datum und Familienstämmen zusammengehörigen Objecte betraute. In dem sehr interessanten Verzeichnis finden wir angeführt und bis ins kleinste Detail erklärt: 19 Sifre Thora, 20 Vorhänge (jtdvib), deren ältester 239 Jahre alt ist und deren kostbarster mehr als 20.000 Gulden werth ist, 9 Ueberhänge (rrrviM), 22 Thoramäntelchen, 3 Tischdecken, 2 Paar Ezchajim, 2 silberne mit großen und kleinen Steinen besetzte Kronen, 6 silberne Deute-Stäbe, 7 silberne Schilde, 31 silberne Glocken zum Anhängen an die Vorhänge, 1 silbernen Kelch vom Jahre 1623, Schalen, Geldsammelbüchsen, Gewürzbüchsen rc., Alles von großem historischen Werthe. Auch die ganze Einrichtung ist sehr praktisch, weit für jede Gattung der verschiedeneu Objecte eine besondere Construction von Fächern und Kästen besteht. Die Vorhänge jedoch werden auf maschinellem Wege mittelst kleiner Walzen auf- und niederzogen. Möge dieses löbliche Unternehmen weitere Nachahmung finden, zur Ehre Gottes und Israels, und auf dass der fromme Sinn und die Pietät für unsere Vorfahren in unferen Herzen nie erlösche. Benedikt Singer, I. Cantor, Jungbunzlau. *) Leider sind die Mittel der-Gesellschaft, wie wir in der kürzlich stattgehabten Generalversammlung hörten, recht beschränkt und ihre Zwecke verdienten von Seiten unserer Glaubensgenossen eifrigere Förderung. Anm. der Red.

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