Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 3. Die Wahrheit. Seite 5 wir eine derartige Vertretung factisch besitzen, und erst sollen? wir selbst sie nur allgemein anerkennen, dann werden sich auch Mittel und Wege finden, die Anerkennung nach außen hin zu j erlangen. Auch das Schreckgespenst einer Hierarchie, die manche! in einer derartigen Organisation erblicken könnten, scheint uns! nicht so fürchterlich, und wir sagen: besser eine Einigung mit j einer Hierarchie, als Zerfahrenheit ohne dieselbe. j Von diesen Gesichtspunkten geleitet, wollen wir mit unseren! heutigen Ausführungen den maßgebenden .Factoren der oster-! reichischen Judenschast nahelegen, die Idee eines Judentages i mit gebührendem Ernste zu prüfen, und geben zugleich der Ueber-; zeugung Ausdruck, dass es zunächst Apfgabe des „allgemeinen; österr. israel. Bundes" wäre, in dieser Angelegenheit eine führende Rolle zu übernehmen und einen eclatanten Beweis zu erbringen, dass er bestrebt ist, jener Idee zum Durchbruch zu verhelfen, die ursprünglich auch zn seiner Gründung Anlass gab. Zur Koscher-Fleisch-Frage in Wien. In Angelegenheit der Koscher-Fleisch.Frage sind von zwei Seiten Zuschriften an uns gelangt, die wir, gemäß unserem objectiven Standpunkte, in dieser Sache jeder der betheiligten Parteien ein freies Wort einzuräumen, vollinhaltlich veröffentlichen. Bevor wir jedoch an die Veröffentlichung schreiten, wollen wir, um von vorneherein etwaigen Misverständnissen vorzubeugen, erklären, dass wir keineswegs ans Sucht nach Klatsch und Tratsch, oder aus persönlicher Sympathie oder Antipathie für! die eine oder andere rer betheiligten Personen dieser Auge-! legenheit in unserem Blatte Publicität geliehen haben, sondern! einzig und allein aus beni Grunde, weil wir der Ansicht sind, i dass eine Frage, die so weite Kreise der jüdischen Bevölkerung! Wiens berührt und die Interessen, ja sogar die Existenz zweier j Berufscategorien tief beeinflußt, nicht bei geschlossenen Thüren veri handelt, sondern vor ihrer Erledigung in der breitesten Oefientj lichkeit discutirt werden soll. Vielleicht findet sich gerade durch die öffentliche Discussiion ein Vorschlag, der zu einer alle Theile gleich befriedigenden Lösung führt. Die beiderffZuschriften lauten: Löbliche Redaction! In Nr. 2 Ihres geschätzten Blattes war ein Artikel „Zur Koscher-Fleisch-Frage in Wien" abgedruckt, welcher darnach angethan ist, durchaus falsche Ansichten in die weitesten Kreise zu tragen. Die Gefertigten, welche von ihren Collegen, den Wiener Schächtern, zu Vertrauensmännern ernannt wurden, um bei der Regelung dieser Angelegenheit die Interessen ihrer Standesgenoffen zu vertreten, halten sich ebensosehr berechtigt als verpflichtet, denselben entgegen zu treten. > Zunächst muss hier festgestellt werden, dass, wie die! Verhältnisse einmal liegen, das ehrwürdige Rebbinar nicht! anders konnte, als mit der religiösen Seite der Frggc zugleich; auch die pecnniäre zn ordnen. Andernfalls hätte es an den j Bot stand der löbl. Eultnsgemeinde mit dem Anträge heran- J treten müssen, ein Personal von etwa 50 Schächtern aus den! Gemeinde-Etat zu übernehmen, wozu sich derselbe, wie jeder! Eingeweihte weiß, niemals verstanden Hütte. Dass das ehr-! windige Rabvinat, bezw. Herr Rabbiner Meyersohn, der die i Verhandlungen leitete, bei dieser Gelegenheit seiner Würde i etwas vergeben — ist uns ebensowenig bekannt, wie dass er sich > irgendwo aus ein Handeln und Feilschen eingelassen hat. Wohl jist aus seinen Auftrag hin eine genaue Aufnahme aller persöni lichen ttnd dienstlichen Verhältnisse bei den einzelnen Schächtern j erfolgt. Das war aber auch nothwendig. Wie sollte denn sonst j ein richtiger Maßstab für eine gerechte Vertheilung der ein-; lausenden Schächtergebühren genommen werden? Dass aber Rabbiner Meyersohn dem einen attsgegeben hätte, er möge eine Nebenbeschäftigung als Cantor sich verschaffen, ist eine Behauptung, die nach dem Gesagten jeder Grundlage entbehrt.*) *) Das ist ja auch nicht von dem Einsender behauptet worden,! dessen Ausführungen bisher nicht widerlegt wurden. DieRedactisn. Wir können es wohl' begreifen, dass Leute, die,' weil sie in keiner Weise den Anforderungen entsprechen, von der Schechita ausgeschlossen wurden, darüber verstimmt sind. Dass sie aber nun hingehen und Herr Rabbiner Meyersohn dafür öffentlich angreisen, ihm unterstellen, er würde den Einen ungerechtfertigt vorziehen, den Andern zurücksetzen, er wolle zeigen, was für ein „Macher" er sei, ist ein Verfahren, das wir nicht entschieden genug zurückweisen können, zumal er auch ihnen gegenüber seine echt wohlwollende Gesinnung, wie sie jedem Rabbiner nur zur Zierde gereicht, nie verleugnet hat. Auch bezüglich der Besoldung hat der Einsender unrichtige Angaben gemacht. Die meisten Schächter standen bis 1. Jänner im Genuss ihrer bisherigen Bezüge, von da ab, und nicht wie behauptet wird, vom 1. Februar sollte der regelmäßige Gehalt lausen. Eine gewisse Sperrzeit war durchaus nothwendig, um einen Ueberschlag für die eingehenden Gebühren zu gewinnen. Aber auch inzwischen für die Zwischenzeit wurde jedem, der darum nachsuchte, ein Vorschuss für die Bestreitung des Unterhalts gegeben. Wem ist also unrecht geschehen? **) Nach dem Bisherigen braucht es schließlich nicht mehr Wunder zn nehmen, wenn der Herr Einsender sich gar zn Behauptungen versteigt, wie dass bei dem bisherigen Zustand dir Schächter besser gestellt und die Bürgschaften für Kaschrut gesicherter waren. In letzterer Beziehung wird derselbe sich doch selbst kaum einreden, dass er gerade berufen wäre, hierüber das letzte Urtheil abzngeben. Soviel weiß doch jeder, dass, je mehr der Schächter vom Fleischhauer abhängig ist, desto schlechter kann er über „koscher" und „treseh" unbefangen urtheilen. Was die Stellung der Schächter wieder betrifft, so sehnen wir uns durchaus nicht nach einem Zustande zurück, wo wir neben der vollständigen Abhängigkeit vom Fleichhaner uns das gefallen lassen mussten, dass eine von Unberufenen geübte rücksichtslose Concurrenz den Lohn bis aus 15 kr. für das Stück Großvieh herabgedrückt hatte. Wir haben vielmehr Ursache, Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Meyersohn für sein hingebungsvolles und unermüdliches Wirken bei der Regelung der Schächtfrage volle Anerkennung zu zollen und nehmen wir diese Gelegenheit gerne rvahr, ihn unserer ungetheilten Dankbarkeit und Verehrung zu versichern. Für den Abdruck dieser Zeilen bestens dankend, zeichnen Hochachtungsvoll das Vertrauensmännnercomitv der Wiener Schochtim: Jacob Rebensaft, Adolf Blau, Karl Grünseld, L. Altmann, M. W. Hochbaum. Wien, den 15. Jänner 1901. * * * Löbliche Redaction! Sie waren so liebenswürdig, in der letzten Nummer Ihres Blattes der Zuschrift eines Schächters Raum zu geben, und dies veranlasst mich, im Namen der jüdischen Fleischhauer die gleiche Bitte au Sie zn richten. Vielleicht ist es aus diese Weise möglich, den ehrwürdigen Herrn Rabbiner Mayersohu zu überzeugen, dass er aus dem Wege ist, der jüdischen Bevölkerung von Wien Schaden zuzusügeir und Männer mit echt jüdischem Fühlen zu Schritte t zu zwingen, die den Herrn Rabbiner zur Umkehr bewegen würden. Dann wird es aber bereits zu spät iein, und der Herr Rabbiner wird es nicht tbun können, ohne eine Einbuße ail seinem Prestige zu erleiden. Zweifellos ist es Wahrheit, dass die Regelung der „Koscher-Fleisch-Frage", dies der officielle Titel dieser Angelegenheit, zur Nothwendigkeit geworden ist, aber ebenso zweifellos ist die nult vorgenvmmene Regelung eine von Grund aus falsche. Beweis dessen, dass die daran Betheiligten, wie Fleischhauer und Schächter, damit unzufrieden sind und das Publicum nichts dabei profitirt. Die nun vorgenommene Action hat meiner **) Wir müssen constatiren, dass unsere im Laufe der Woche eingeholten Informationen, sowie die in der nachfolgenden Zuschrift zum Ausdruck gelangenden Behauptungen der jüdischen Fleischhauer mit den vorstehenden Erklärungen nicht ganz übereinstimmen. Die Aedaction.