Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die tVahrherk Nr. 3. Fragen sein, der Judeutag soll sich ausschließlich als Rechtsträger der deutschen Juden fühlen und die Vertretung ihrer staatsbürgerlichen Rechte wahrnehmen, von den der Abwehr .dienenden Organisationen sich aber insoweit unterscheiden, als er auch die positiven culturellen Bestrebungen der deutschen ^Juden zusammenfassen, ihre Vertretung und ihre intensive Förderung in die Hand nehmen will. Von Anfang an ist als Muster und Vorbild für den Judentag der Katholikentag hin- •geftellt und zum Vergleich herangezogen worden. Auch der Katholikentag verbindet die beiden Zwecke der Abwehr und des Angriffs auf die Kirche und ihre Glieder und der Zusammenfassung und Förderung aller culturellen Bestrebungen der deutschen Katholiken. Auch der Katholikentag beschäftigt sich nicht mit religiösen Fragen trat axoollon. Freilich führt dieses Vorbild und dieser Vergleich, der Ichon Philippson vorgeschwebt hat, auch schon zur Beantwortung der Frage, ob der Judentag seinen Zweck erreichen kann. Der Katholikentag braucht sich nicht mit rein religiösen Fragen zu beschäftigen, weil die Katholiken eine ofsicieUe, vom Staate anerkannte Vertretung ihrer kirchlichen Interessen besitzen. Trotzdem oder vielleicht eben deshalb steht der Katholikentag unter dem Gesichtspunkte der Religion. Vom Papste erbittI er den ^egen, im Bannkreise der Kirche ist sein Arbeiten, steht Anfang imd Ende. Der Judentag soll veranstaltet werden, um eine ossicielle, vom Staate anerkannte Gesammt-Vertretung unserer Religions- Gesellschaft zu schaffen, die wir wenigstens in Altpreußen noch nicht besitzen, und er soll sich nicht mit Religionssragen beschäftigen. Darin liegt der große Gegensatz zum Katholikentage, hier wurzelt der innere Widerspruch, an dem alle derartigen Einrichtungen kranken, der deutsch-israelitische Gemeindebund, der Rabbinerverband Nr. 1 und 2, die Litreralurvereine, die Lehrervereine. Man will die Interessen einer Religionsgesellschaft vertreten und schließt die Religion aus. Gewiss nicht aus Gleichgiltigkeit oder aus Feindseligkeit gegen die Religion. Man schließt die Religion aus, weil ihre Behandlung Gegensätze zu Tage fordern würde, welche den Bestand dieser Organisationen gefährden oder gar vernichten könnten. Dieser Gegensatz der Richtungen bildet den zweiten großen Unterschied von Judentag und Katholikentag. Auf letzterem gibt es nur eine religiöse Richtung, die des Papstes, jede andere gehört nicht auf den Katholikentag, gehört überhaupt nicht in die katholische Kirche. Man mag es immerhin als einen Vorzug des Judenthums ansehen, dass es seinen Gliedern das Recht der freien Forschung in der Offenbarung seiner Lehre gewahrt hat, man mag der Willens- und Gewissensfreiheit dies Lob in allen Tönen singen. Die Thatsache bleibt bestehen. Dort Einheit der Richtung und Anschauung in Sachen der Religion, hier Zwiespalt und Gegensatz in allen Lagern. Man hat sich nun bemüht, um doch positiv zu wirken, gewisse neutrale Gebiete aufzusuchen, welche ein gemeinsames Arbeiten der Anhänger verschiedener Richtungen erleichtern. Diese Bemühungen haben in den beiden letzten Jahrzehnten einen nicht zu unterschätzenden Bundesgenossen am Antisemitismus gesunden. Mit der Macht des alten Naturgesetzes der Cohäsion hat jene satanische Kraft, . die stets das Böse will und doch das Gute schafft, alle edlen Triebe der menschlichen Seele im Innern der Juden wachßerufen und die Gedrückten zusammengeschweißt in der Stunde der großen Gefahr. Dieser Morgenschauer edler Begeisteruitg hat die Bne Berith neu geboren, hat die Liebe zur alten Lehre Israels im Jungbrunnen der Litteraturvereine wieder erstehen lasse«, und das Zauberwort vom Kampfe gegen den Antisemitismus hat mit unmittelbar magischer Kraft dem Centralverein die Schaaren von Staatsbürgern jüdischen Glaubens in die Arme getrieben, während die schwere Noth der Zeit die berufenen Vertreter des Judenthums in Gemeinde und Schule zu .Jntereffen'Verbäuden geeint hat. Ansätze zu einer Gesammt-Vertretung der deutschen Judenheil sind also bereits vorhanden, verschiedenartig, mannigfaltig für verschiedene Jutereffen geschaffen, aber überall zu gemeinsamem Wirken anregend. Aus der Zusammenfassung aller dieser in verschiedenen Richtungen, aber nach einem gemeinsamen Ziele, der Vervollkommnung der jüdischen Gesellschaft, strebenden Kräfte hofft man eine' Gesammtvertretung der deutschen Juden zu gestalten, welche auf politischem und socialem- Gebiete eine Verbesserung der jetzigen gedrückten Lage unsere Glaubensgenossen! vom Staate zu erwirken die Macht hat. Jawohl, ans politischem und aus socialem Gebiete!’ Darüber wollen wir uns gegenseitig nicht täuschen. Und darin sehen wir den einzigem aber sehr beachtenswerthen Berührungspunkt mit dem Katholikentage. Wohl hat dieser mit ganz anderen realen Mächten, welche in der alten fast zweitausendjährigen Geschichte der Kirche, des Clerus, des Adels wurzeln, zu rechnen, wohl ist seine Hauptstütze das feste Fundament der Glaubenseinheit, aber stark genug wirkt doch auch der Druck aus eine Gesammtheit, und kein Alter reicht an die uns allen gemeinsame Vergangenheit unserer Lehre, deren unversiegbare Heilskrast sich niemals^verleugnet. Freilich jeden Versuch, eine autoritatwi^ kir^ich? Behörde nach dem i Muster etwa der in WürttemW^ beskDenden zu schaffen, müssen, wir, so lange nicht bessere^^gyyuitieu für Lehr- und Gewissensfreiheit als in dortigen gegeben werden, ganz entschieden, ablehnen. Es kann sich Wvdarum handeln, die vorhandenen Organisationen zu gemeinsW», dauernder Action — meinetwegem unter dem Aushängeschild eines Judeutages — zu einem und> dadurch eine nachhaltigere Wirksamkeit zu erzielen. Zn einer Gesammtvertretung der deutschen Inden auch - aus politischen und socialem Gebiete gehört do^ etwas mehr als die trotz ihres relat ven Umsauges immerhin sich noch-, in bescheidenen Grenzen, bewegenden Verbände, welche man sich anschickt, zur Mitwirkung zu laden. Kein einziger derselben und sie alle nicht in ihrer Vereinigung repräsentiren in Wirklichkeit bie Gesammtheit verdeutschen Inden. Dazu besitzen sie alle. doch ein zu junges Alter, sind doch fast alle erst Kinder de^ allerjüngsren Antisemitismus, selbst der älteste, der GemeindeDsnld, hat kaum erst das Mannesalter erreicht. An Alter und Wirkung überragt sie alle doch die jüdische Presse, welche ans Generationen zurückblickt und an der Entstehung, Entwicklung und Fortbildung aller den allergrößten Mkheil.hÄt. Die Macht der Presse hat auch der Katholikentag Äou jeher zu würdigen verstanden und ihre Vertreter zur Mitwirkung herangezogen. Die Mitwirkung und das Erscheinen der Judenpressy aus dem „Jnoeutage" würde sich schon deshalb als nützlich er^isen^weil damit der Antisemitenpresse augenscheinlich gezeigt Mrderr kmulte, ivelche Zeitungen sich als Jndenbläter geriren. Blätter, oevn Verleger noch Juden, oder deren Redacteure getanfte Juden sind, bereu Artikel sich gegen Inden richten, würden aus dem Judentage nichts suchen, und mit dem Uufuge, diese Art von Zeitungen an die Rockschöße der Inden zu hängen, wurde dann ein für alle Male aufgeräumt werden können." Dann fehlen die ältesten Vereine, die Chebrot, die Ch. Kadischa, ferner die Fraueuvereine, die Frau darf heute nirgeuds fehle», die Handwerker-Vereine, die kausmännischeu, die Jüugliugsvereiue u. a. m. Sie alle müsste» geeint und zur Mitwirkung herangezogen werden. Erst daun wird sich nach und nach ein getreues Spiegelbild des Gesammtwirkens der deutschen Judeuheil und damit von selbst eine Gesammtvertretung ihrer Interessen ergeben."- So weit das genannte Blatll Die Frage, ob nun ein derartiger Judentag auch für uns in Oesterreich zweckmäßig und wünschenswerth sei, müssen wir mit einem entschiedenen „Ja!" beantworten, und die Durchführung dieser Idee erscheint uns noch weniger schwierig als in Deutschland, weil Gott sei dank der Zusammenhang der jüdischen Gemeinden bei uns noch Zimmer ein innigerer ist als zwischen den Gemeinden der verschiedenen Länder des deutschen Reiches, und die erfteren einem von Wien ausgehenden Rufe zu diesem Zwecke gewiss Folge leisten werden. Der Einwand, der etwa gemacht werden könnte, dass die Regierung, gleichwie bei dem allgem. österr. israel. Bunde, auch dem Judentage die Anerkennung als einer officiellen Vertretung der österreichischen Judenschast vorenthalten wird, ist nicht maßgebend. Zunächst soll es uns Juden selbst zu Bewusstsein kommen, dass