Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rrdaction u. Administration Wien, IT/1, Novaragaffe 27. ft. k österr. Postsparcasia Lheck-Conto Nr. 848.251. > n f 11 a 11 : 20 Heller per Noupareille-Zeil«. ^Abonnements- und Jnsertions» betrüge sind in Wien zahlbar. naMirgige eitfchrist für jüöische Erscheint jeden Freitag. Matt» : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" fiqngsprats: Ganzjährig . . . ft. 12.— i Halbjährig . . . ft. 6.— > Für Lnltusbeamte: I. Ganzjährig ... ft. 10.— , jj Fnr Ausland: Ganzjährig .... 12 Mark j |j 6 Rubel oder lt> Frcs. |[ ii — .- -ii Nr. 3. Wien, 18. Jänner^ IM. Inhalt r Gemeindebund und Judentag. — Zur Koscher-Fleisch-Frage in Wien. — Die Alterthümer in den jüdischen Gotteshäusern. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Synagoge und Eantor vor und nach Sulzer. — Aufruf. — Verschiedene Nachrichten. Gemeindebund und Ludentag.! Seit Jahren ist es Gepflogenheit, dass wir in Oesterreich i nicht nur auf dem Gebiete der äußeren Politik, sondern auch in j vielen anderen Beziehungen von Deutschland ins Schlepptau genommen werden, und so darf es nicht Wunder nehmen, wenn j man sich auch in jüdischen Fragen — namentlich bei der großen j Aehnlichkeit der diesbezüglichen Verhültniße hüben und drüben — nach deutschen Mustern richtet und Anregungen von draußen gerne Folge leistet. Die Zeiten, da Wien an der Tete der jüdischen Gemeinden des ganzen Continents marschirte und schöpferische Ideen von der alten Kaiserstadt ausgingen, sind leider vorüber. Hoffen wir, dass sie bald wiederkehre, und begnügen wir uns vorläufig damit, möglichst viel des Guten und Zweckmäßigen nachzuahmen, wenn wir auch hiebei aus den Ruhm der Priorität verzichten müssen. So sind in den letzten Jahren viele unserer Organisationen, sowohl auf dem Gebiete der äußeren Abwehr . als der inneren Organisation, nach auswärtigen Mustern gegründet worden, und unter anderen hat sich auch der „Allgemeine österr.-isracl. Bund," kurzweg „Gemeindebund" genannt, an ein deutsches Vorbild angelehnt. Aber trotz der gleichen Organisation und der großen Aehnlichkeit der Verhültniße besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dem „israel. Gemeindebund" in Deutschland und dem in Oesterreich. Dieser Unterschied docnmentirr sich vor allem dadurch, dass im deutschen Gemeindebund frisches, kräftiges Leben pulsirt, dass immer neue Ideen und Anregungen v«n ihm ausgeherr und auch der Verwirklichung zugeführt lverden, während der österreichische Gemeindebund ein stilles Dasein führt und gar kein Lebenszeichen von sich gibt. Es mag ja richtig sein, dass die Action der Abwehrthätigkeit und deren Erfolge nicht immer an die große Glocke gehängt werden fomieii, aber diese Aclion allein darf nicht den, ganzen Inbegriff der Thätigkeit' des Bundes bilden, sein vielseitiges Programm gibt ihm genügend Gelegenheit, auch der mit Recht neugierigen Außenwelt Beweise seines Bestandes zu geben und bei den Glaubensgenossen in Wien und in der Provinz die Erkenntnis zu erwecket!, dass die Förderung seiner Zwecke ein . . löbliches und im Interesse der Allgemeinheit gelegenes Werk sei. . Wenn aber der Bund sich immer in Schweigsamkeit h'üllt und ' nur geheime Thätigkeitentfaltet, dann darf man sich nicht wundern, dass er nicht jene Unterstützung findet, die er vermöge seines Programmes verdiente. Aus dem Schoße des deutschen .Gemeindebundes ist nun in letzter Zeit eine Anregung ausgegangen, üie an und für sich bedeutsam ist und auch in Oesterreich zur Rachahmung empfohlen werden könnte. Es ist dies die von Prof. Philippsohn in Berlin propagirte Idee, nach Muster der Katholikentage einen ständigen „Judentag" einzuberufen und auf diesem Wege eine Vertretung der gesammten deutschen Judenschafr zu erlangen. Was diese Idee weiters bezweckt und wie sie ansgesührt werden soll, darüber werden wir in der letzten Nummer des Breslauer „Jüdischen Volksblattes" in folgender Weise aufgeklärt: „Der Gedanke des Herrn Professor Philippson, einen „Judentag" einzuberufen, scheint nunmehr seiner Verwirklichung entgegen zu gehen. Der Ausschuss des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat die Gelegenheit der in den Weihnachtstagen in Berlin tagenden Rabbiner-Versammlung Ivahrgenoinineil, NIN im Anschluss an dieselbe eine Eoniereilz von Detegirren verschiedener bestehender Organisationen zu berufen, welche die Ausführung in die Hand nehmen sollen. Der Gedanke, welcher Philippson vorschwebre, zu den vorhandenen Einrichtungen, welche zur Abwehr des Antisemitismus dienen, ohne hierin nachhhaltiges zu erzielen, eine neue hinzuznfüqen, welche zuglei/ dem von ihm längst mil Vorliebe genährten Plane einer Gesamw Vertretung des Jndenthnms dienen solle, ist nunmehr aus d: Kreise avslracter Erlvügnngen und phantastischer Spielerei ans de» Boden concrerer Vorschläge versetzt worden. Die Tendenz geht dahin, die Vertreter der großen bestehendeli Organisationen innerhalb der deutschen Judenheit zu einem ständigen Ausschüsse zu vereinigen, welcher die Veranstaltung und vielleicht auch die weitere Leitung des Judentages in die. Hand nehmen solle. Es entsteht nun die Frage, welchen Zweck verfolgt der Judentag, kann er ihn nach menschlichem Ermessen erreichen, und ist das gewählte Mittel als richtig;n bezeichnen. Der Zweck des Judentages soll nach Philippson der sein, für die deutschen Juden die offizielle Vertretung zu schaffen, welche der Staat bisher — gleichviel aus welchen Gründen — versagt hat. Diese selbstgeschasfene offimelle Vertretung der deutschen Judenheit solle dadurch einen.. Rechtstitel erlangen, die Angriffe auf das Judeiithum erfolgreicher energischer und unter größeren Gesichtspunkten abzuwehren, als es den bestehende» Organisationen infolge ihrer mangelhaften Competenz möglich gewesen ist. Ausgeschlossen sollen' hierbei alle religiösen