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Die Wahrheit · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2. Die Wahrheit. Seite 11. Verschiedene Nachrichten. Zöien. Se. Majestät der^ Kaiser hat dem Industriellen, Herrn S. Kohnberger, Mitglied des Bethausvorstandes der Wiener Cultusgemeinde, den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. Wien. Sonntag, den 6. d, fand im Leopoldstädter Tempel die Vermälung des Fräuleins Martha E l t b o g e n, Tochter des Gemeinderathes Moriz Eltbogen, mit Herrn Med.-Dr. Isidor Braun statt. Dem feierlichen Act wohnte ein distinguirtes Publikum bei. Mit dem Bezirksvorsteher Niebauer waren viele fortschrittliche Gemeinderäthe. die Ortsschul-, Bezirks- und Armenräthe der Leopoldstadt, Vorstandsmitglie der isr. Cultusgemeinde und zahlreiche Beamte und Lehrer erschienen. Die Trauungsceremonie wurde von Rabbiner Dr. Schmied! und Obercantor -Gutmann vollzogen. LSkerr. Der gefeierte Kanzelredner Rabbiner Dr. Schmied! wird am 27. Jänner a. c. seinen 80. Geburtstag begehen, aus welchem Anlasse Samstag den 26. d. im Leopoldstädter Tempel eine festliche Veranstaltung stattfinden wird. Von den zahlreichen Verehrern und Freunden des allseits beliebten Seelsorgers sind für diesen Tag auch noch andere Ovationen geplant. Wien. „Rasch tritt der Tod den Menschen an!" Die Wahrheit -es Dichterswortes zeigte sich dieser Tage so recht deutlich beim Ableben pes nach kurzem Krankenlager verschiedenen Religionslehrers der israel. Cultusgemeinde, Herrn I o s e f P l o h n, der noch einen Tag vor seiner Erkrankung mit fast jugendlichem Eifer seine Schülerinnen unterrichtete, so dass man ihm das Alter von 73 Jahren kaum ansah, wie es besonders rührend Herr Jnipector K a n i H an seinem Sarge hervorhob. In Vertretung der Cultusgmeinde war der Vicepräsident Landesschul-Jnspector Dr. Gustav Kohn erschienen, auch Amtsleiter Horowitz und andere Eultusbeamte kamen zu Ehren des Verblichenen, und von den Schülern sah inan Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Peters und med. Dr. Fischer, welch Letzterer am Grabe rührenden Abschied nahm vom Lehrer, der ihn durch Erweckung der Liebe zur Naturwissenschaft richtunggebend war für seinen Lebenslai f. Namens des Vereines „Esra" und der College» sprach Religionslehrer Rotier, und den Verlust, den durch diesen allzusrühen Tod die Wissenschaft des Judenthums erlitt, gab Lector Friedmann beredten Ausdruck fiinrr. Besonders ergreifend aber war die Trauerrede, die Rabbiner Dr. Schmiedel hielt, der den verewigten Freund als Stern erster Größe am Himmel der Pädagogik schilderte, dessen segensreiche Saat für viele kommende Generationen reife, herrliche Früchte tragen werde. Josef Pt o h n stammt aus Prag, wo auch der Grund zu dessen gründlichem Wissen ^in Hebraicis gelegt wurde. Einige Jahre wirkre er in der Gemeinde Nikolsburg, später errichtete er in der Residenz ein eigenes Institut und die letzten 12 Jahre fungirte er als Religionslehrer der hiesigen Cultusgemeinde. Seine „Materialien" für den israel. Religions¬ und Geschichtsunterricht, die bereits in 2. Auflage erschienen sind, wurden von der Kritik und competenten Factoren bestens anerkannt — ja sogar in de.i Instructionen für die Gemeinde-Religionslehrer wurde auf dieselben mit Recht hingewiesen. Ein bleibendes Monument aber errichtete ssich der Verklärte in den Herzen seiner Zöglinge und Verehrer durch wahre Menschenfreundlichkeit, durch hervorragenden Freisinn, Freimuth und durch die liebevolle, opferwillige Hingabe an seinen edlen Beruf. Wien. Vorletzten Sonntag fand im Locale der Religionsschule der Wiener Cultusgemeinde bei zahlreicher Betheiligung von Fachleuten eine Besprechung des vom Religionslehrer-Verein „Esra" edirten und für den Schulgebrauch bestimmten Gebetbuches „K o l I a k o b" statt. Director Simon und Dr. Alfred Berger vertraten den Cultusvorstand und von Privatinstituten war Director Hecht vom Knaben-Waisenhaus in Fünfhaus erschienen. Vereinsobmann Benjamin Fuchs begrüßte die Anwesenden und dankte besonders den Herrn Jnspector Kanitz, Professor Antscherl und Religionslehrer Nath. Vogel für ihre freundliche Mühewaltung vor Drucklegung des Gebetbuches. Sodann erhielt Herr Stiegt das Wort zum Referate und suchte einzelnen Abweichungen von der bisher üblichen Lesart zu rechtfertigen, hiebei große talmudische und grammatikalische Versirtheit bekundend. Gleichwohl zeigte sich bei der hierauf folgenden lebhaften Discussion, an der sich Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Schmiedel, Prof. Dr. Weiß, Director Simon und Herr Lehrer Schulhof betheiligten, dass die meisten es lieber gesehen hätten, wenn eine mehr conservative Gesinnung obgewaltet hätte. Wie«. Donnerstag, den 3. d. M. fand unter zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängnis des Herrn Nathan Königstein, Vaters der im II. Bezirke bekannten Fabriksbesitzer Brüder Königstein, statt. Der Verblichene, welcher ein Alter von 76 Jahren erreicht hatte, Var ein äußerst frommer und wohlthätiger Mann, und viele Arme werden seinen Hingang beklagen. Bemerkenswerth ist auch der Wohlthätigkeitssinn der Söhne, der sich beim Leichenbegängnisse dadurch dokumentirte, dass sie eine arme Familie, deren Ernährer vorher zur Erde bestattet wurde und die Seinen in großer Nothlage zurückließ, sofort mit einer reichlichen Unterstützung bedachten. Rabbiner Dr. Schmied! hielt einen ergreifenden Nachruf und I. Cantor Blatt reeitirte unter Chorbegleitung in erhebender Weise die üblichen Gebete, ,T33»n Wien. (Gr af v. Hoensbroech an den Wiener Staatsanwalt.) Das aufsehenerregende Buch des bekannten Grafen v. Hoensbroech »Die socialculturelle Wirksamkeit des Papstthum", ist in Oesterreich constscirt worden. Dieses Erkenntnis und die Begründung des Wiener Staatsanwaltes in der Einspruchsverhandlung geben dein Berliner Verfasser zu einer Erwiderung Gelegenheit, die er als „Offenen Brief" in der Wiener „Zeit" veröffentlichte. Er skizzirt darin mit einigen kräftigen Strichen die historische Stellung des Papstthums, führt die scheinwiffenschaftichen Ausführungen des Dr. v. Bobies mit schlagenden Gründen aä »b3u äum und unterzieht den österreichischen Press- und Berfaffungszustand, der nicht einmal einer wissenschaftlichen Darstellung den nöthigen Spielraum lässt, einer geradezu vernichtenden Kritik. — Die betreffende Nummer (327) der „Zeit" ist in allen Buchhandlungen zu haben. Andrychan, 6. Jänner. Um 2 Uhr Nachts ist heute Frau R. Klappholz, die Gattin unseres verehrten Schächters, Abraham Klappholz, im Alter von 4l Jahren einer Herzlähmung erlegen. Die Verblichene war eine liebe und zärtliche Gattin und Mutter, eine fromme Tochter Israels, wie in jetziger Zeit eine zweite schwer zu finden ist. Jeder Arme, der ihr Haus hungrig betrat, durfte es nicht verlassen, ohne sich an ihrem Tische gesättigt zu haben. Kurz, sie war die Krone ihres Gatten, die Zierde ihrer Kinder, der Schmuck der Gemeinde. DaS Leichenbegängnis fand am 7. d. M., 6 Uhr Abends statt. Bevor der Leichnam aus der Wohnung getragen wurde, hielt Rabbinats-Vertreter Rabbi Abba Matzner eine tiefergreifende Trauerrede, indem er der Verstorbenen ihr wohlverdientes Lob nachsagte. Der Hinterbliebene Gatte, fünf Töchter, von denen zwei verheiratet sind, sowie zwei Schiegersöhne sind untröstlich, die ganze Gemeinde ist tief bestürzt, rrasan Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (40. Fortsetzung.) „Wer sagt, dass ich Dich von mir stoße? Wer sagt das? Ich will gar nichts anderes, als dass Du wieder zurückkehrst zu dem Glauben Deiner Kindheit!" „Und Du, Marie?" „Ich werde Dir folgen, wohin Du gehst, bis an das Ende der Welt, bis wir eine Stätte finden, wo Du Deinem, ich meinem Glauben nachleben darf!" „Marie," ries Joses, „das rächst Du mir! Du, eine fromme Christin!" „Vor allem bin ich Dein Weib, bin Mutter! Dir gehöre ich an, wohin Du auch gehst, muss auch ich gehen; was Deinen Frieden nothwendig macht, mnis auch mir gefallen. Was soll aus unserem Kinde werdeil, wenn die elterliche Liebe seiner Jugend fehlt, und Zweifel, Misstrauen statt Vertrauen und gläubiger Zuversicht in seine junge Seele gepflanzt werden? Nein, Joses, ich sehe, welche Verwirrung die Errinnernngen Deiner Kindheit in Deine Seele gebracht haben; lass unser Kind davor bewahren; suche Dir einen andern Ort, wo Du den Einwirkungen, unter denen Du bisher geseufzt hast, überwinden kannst, und thue, was der Friede Deiner Seele fordert. Und Du kannst Dich von dem Orte Deiner Geburt, vo» Deinem Vater trennen?" „Mein Vater wird mich nicht verdammen, wenn ich meine Pflicht thue; das Weib aber hat eine oberste Pflicht, zu ihrem Manne zu stehell und bei ihm auszuhalten in Bedrängnis, Noch und Gefahr bis an den Tod!" — — Kurze Zeit daraus erzählte man sich in dem Dorfe, dass Josef sein Haus verkaufen werde. Der alte Niederhuber war billigerweise erstaunt, eine ihm so nahe berührende Neuigkeit aus fremder Lenre Mund zu vernehmen, und er schenkte dem Gerücht auch keinen Glauben. Die alte Brigitte schlug die Hände über dem Kopf zusammen über die Bosheit der Leute, und was solche Müßiggänger, die dem lieben Herr Gott den Tag stehlen, nicht alles für freche Lügen aushecken und ausfinnen. Selbst Honza, dessen Blick in den meisten Fällen weiter reichte, als der seiner Umgebung, schwur in seinem Aerger, es soll ihm nur niemand mit solchen Ammengeschichten in dis Fleischbank kommen, er sei im Stand und haue so einem frechen Maul mit dem Hackmesser den Schädel ein — und doch war das Gerücht keine mügrge Erfindung. In aller Snlle war der Verkauf vor sich gegangen, und wahrend der Nieverhuber spöttisch lächelte, Brigitte sich verwunderte und Honza sich ärgerte und fluchte, dass man über Josef solche Alle-Weiber-Geschichten in die Welt setze, war das Haus bereits grundbücherlich a.r den Käufer übertragen und eingezeichnet. Josef und Marie hatten die Vorbereitungen zu ihrer Abreise in aller Heimlichst veranstaltet und halten dieselbe endlich mitten in tierfiev Nacht, wo alles im festen Schlafe lag, in's Werk gesetzt. (Forts, f.)

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