Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seite 7. Nr. 2 oder anderen Seite Unzufriedenheit über diesbezügliche Beschlüsse des Vorstandes oder Verfügungen des Rabbinates zu Tage getreten ist. Zuerst waren die Fleischhauer unzufrieden, und sie gaben ihrem Unmut sogar in einer Wählerversammlung — damals aber nicht mit Recht — lauten Ausdruck; jetzt, da die Koscher-Fleisch-Frage bereits geordnet sein, soll, sind wieder die Schächter die Unzufriedenen. Und merkwürdiger Weise wenden sich die Beschwerden beider Parteien nicht so sehr gegen den Vorstand, als vielmehr gegen das Rabbinat, das in der materi- -ellen, resp. pecnniären Seite der Frage einen sehr engherzigen Standpunkt einnehMen soll. Es ist vollkommen gerechtfertigt, wenn das Rabbinat vom religiösen Standpunkt aus die strengsten Cautelen fordert, und selbst die größte Rigorosität nach dieser Richtung wird unsere vollste Zustimmung finden, aber wir halten es für höchst unzweckmäßig, dass sich das Rabbinat mit den pecuniären Fragen in dieser Angelegenheit beschäftigt, und glauben, "dass es seiner Würde und seinem Ansehen zuträglicher wäre, das Feilschen und Handeln mit Fleischern und Schächtern anderen Dersonen zu überlassen. Die Klagen der Schächter haben sich in der letzten Zeit gemehrt, ob mit Recht oder Unrecht, darüber gehen die Meinungen auseinander, und nach der constituirenden Vorstandssitzung am 6. d. M. kam es sogar im Gemeindehause -zwischen Mitgliedern der Gemeinde, die der Sitzung beigewohnt halten, zu einer erregten Controverse über die Verfügungen des -Rabbinates gegen einige Schächter. Wir wollen weder für die eine noch für die andere Seite Partei ergreifen, halren es aber für unsere Pflicht, die allgemeine Aufmerksamkeit aus diese Angelegenheit zu lenken, und veröffentlichen daruln im Nachfolgenden eine der an uns gelaugten Zuschriften, indem wir die Verantwortung für die Wahrheit der Details dem uns übrigens als vertrauenswürdig bekannten Einsender, einem Schächter, überlassen. Das Schreiben, das wir wortgetreu, auch mit seinen stilistischen Mängeln, wiedergeben, hat folgenden Wortlaut: „Löbliche Revaction! Am 10. December 1900 fingen die Schächter Wiens im Aufträge Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Meyersohn ans Conto der löblichen Cultusgemeinbe zu arbeiten an, wobei Sr. Ehrwürden ben Herren Schächtern hoch und theuer gelobte, Niemandem zu schaden, sondern ben Schächterstand zu heben und sie zu unabhängigen Männern zu machen. Mit leeren Taschen gingen früher die Schächter zur Arbeit, in der sicheren Zuversicht, am Abend den Lohn"1hrer Arbeit zu empfangen, was zumeist auch eiutraf. Wie ist es aber jetzt uach der neuen Einführung mit ihnen bestellt? Leute, die Jahrzehnte dem Wiener Judenthum redlich und gewissenhaft gedient haben, wurden von den Schlachthäuser.»» entfernt, mit dem Bedeuten, wenn irgendwo eine Stelle als Aufseher in einer Fleischbank frei werden sollte, werden sie bedacht werden und hiefür einen Gehalt von 1000 Kronen erhalten. Welches Glück! Aber neu Angekommene, die vielleicht nur eine einjährige Praxis zurückgelegt haben, werden als Schächter angestellt und gut besoldet. Ob sie befähigter und würdiger sind, das weiß ich nicht. Aber einen Kaftan tragen sie. Verdient wurde beiläufig 1200 Kronen wöchentlich. Die Cultusgemeinde votirte 10.000 Kronen schon im Jahre 1899, und die gleiche Summe für das Jahr 1900, mithin wären 20.000 Kronen zur Verfügung, um die gute Sache in Angriff zu nehmen. Konnte man da nicht die armen Schächter, wenn schon nicht im Vorhinein, wenigstens nach gethaner Arbeit zum 1. Jäniler 1901 gewissenhaft besolden? Aber weit gefehlt, man vertröstete sie auf den nächsten Sonntag, den 6. Jänner. Da kam der große Tag, wo man den Schächtern 20—60 Kronen ausfolgte, mit dem Bemerken, der Gehalt gehe erst vorn 1. Februar. Welcher Jammer, zwei Monate Arbeit für einen Monat Lohn! Ein Mann, mit einem Haus voll kspin-'- K'nder, der jammerte, was soll ich da machen, wovon soll ich denn leben? Da gab der hochherzige Rabbi zur Antwort: „Sind Sie nicht io zudringlich!" Aber gleich bei der ersten Besprechuug zeigte er seinen humanen Sinn. Er fragte den Einen: „Haben Sie vielleicht eine Nebenbeschäftigung? Sie sind Cantor? Wieviel verdienen Sie dort, so bekommen Sie um das weniger Gehalt." Zu einem Anderen bemerkte er : „Sie haben schon große Kinder, da brauchen Sie nicht viel, weil die Kinder schon verdienen." Einem Dritten, der nur eine kleine Familie hat, sagte er, „er brauche deshalb auch nur wenig." Eine schöne Moral! Der Eine ist verpflichtet, Vorbeter zu sein, für den Andern müssen die Kinder arbeiten, damit die löbliche Cultusgemeinde einen billigen Schächter habe. Wie man sieht, besieht die ganze Kunst des Herrn Rabbi Meyersohn darin, der löblichen Cultusgemeinde zu zeigen, welcher „Macher" er sei, eine große Sache zu schaffen und vielleicht ein kleines Capital dabei aufzuwenden. Aber aus wessen Rechnung geschieht dies, nur aus Kosten der armen Schächter, die um rhre Existenz gebracht werden. Jetzt übergehen wir aber zur Hauptsache. Wie sieht es mit der „Koschersrage" aus? Vorher halle jede Partei ihre Vertrauensperson, wo sie sich ihren Bedarf an Fleisch deckte. Auch der Strenggläubige wusste, wohin er sich zu wenden habe. Aber jetzt sind alle Bande gelöst. Der Fleischhauer weiß nicht, wer für ihn schachtet, der Schächter weiß nicht, für wen er arbeitet, heute schächlet er da, morgen dort. Und wie war es früher mit dem Schachten? Jeder halle seine Kundschaft, wenn auch mit mäßiger Bezahlung. Aber der Fleischhauer betrachtete den Schächter als zu sich gehörig und ließ den Schächter leben. Er ließ schlachten, was er eben besaß. Heule aber, wo man per Rind 1 K. 60 H. entrichten muss (außerdem hat jeder Fleischhauer, wenn er eine Beaufsichtigung wünscht, 500 fl. der Gemeinde jährlich zu entrichten), da überlegen sichs die Herren Fleischhauer und sagen, mein Schächter hat nichts davon, wozu so viel Geld herauswerfen? Es genügt, wenn wir nur eiu Stück koscher haben, da können schon zwei trefeh mirgehen. Was ist also das ganze Resultat? Es wird weniger Kojcherfleisch gegessen und am meisten sind davon die Schächter betroffen." Vom israelitischen Spitale in Sudapeft. Wir haben uns nun auch ganz vergebens au den Präsidenten der Spitalscommission der Pester israel. Cultusgemeinde, Herrn Leopold Kepvich, gewendet. Im besten Glauben haben wir, so erklärt das Neue Buoapester Abendblatt, versucht, das kompetente Forum anzurufen -- Herr Keppich will oder kann gegen die Scandalwirthschaft im israelitischen Spital nichts unternehmen, stillschweigeud deckt er die Machinationen und Manipulatiotlen der von uns angeklagten Angestellten mit feinem Namen, mit seiner Würde. Herr Keppich schweigt — was sagt der Präsident der Gemeinde, was sagt derjenige Mann, der noch mächtiger ist: Herr Samuel Deutsch. Vicepräsioent der Pester israel. Cultusgemeinde dazu? Wir haben gehofft, dass die veröffentlichten Anklagen die Herren veranlassen werden, strenges Gericht zu halten. Versprochen haben sie es — gehalten haben sie aber das Versprechen nicht. Die Panama-Helden, mit dem Jnspector Stern an der Spitze, sind noch immer in Amt und Würden. Die Borstehung der israel. Cultusgemeinde mit Herrn Kohner an der Spitze hat eine Untersuchung eingeleitet, und diese Ulltersuchung hat die Unschuld des Herrn Stern und Consorten ergeben. Die Untersuchung wurde Irurchgeführt, ohne dass die Ankläger verhört worden wären — wie, beweisen am besten die Worte des Präsidenten Kohner. der sich über die Angelegenheit folgendermaßen äußerte: „Juridisch mag ja die Sache nicht ganz correct sein, aber mein Gott, ein Malheur ist es nicht, wenn der Jnspector in der Spitalsküche Suppe nimmt." Das ist die Ansicht desjenigen Mannes, der die höchste Ehrenstelle einnimmt, welche die angesehenste jüdische Gemeinde des Landes zu vergeben hat. Herr Kohtter würde es gewiss mit Entrüfturg zurückiveisen, würde ihm Jemand imputiren, dass er ähnliche Principien im Geschäftsleben, in seinem Geschäfte dulden würde — in dieser Angelegenheit aber werden zwei Augen zugedrückt, weil der mächtige Herr Kohner und die