Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063063--01132-3067696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1. Die Wahrheit. Seite 7. darüber verwundert thun, oder, wenn dies besser gefaßt, darüber fpötteln, dass auch die Religionslehrer an unseren Mittelschnlen sich zu einer Vereinigung zusammengethan haben. Vielleicht wollten sie gerade damit dem argzerklüfteten Judenthum und seiner Jugend als Muster dienen, wie die verschiedenartigsten Richtungen auf religiösem, und sagen wir es auch, nationalem Gebiete, auf einem Boden sich versöhnen lassen. Wollte der Himmel, der Gedanke ließe sich durchführen zum Wohle unseres .Judenthums. Dass der nunmehr vier Jahre bestehende Verband, welcher sein Geburtsfest in Brünn feierte, einem Bedürfnisse entspreche mud nicht nur dazu bestimmt ist, die Zahl unserer Vereine, Verbände, Congresse, Bünde u. s. f. um einen zu vermehren, hat sich thatsächlich erwiesen. Denn siehe, während ein Punkt der Tagesordnung der letzten Versammlung fast die Meinung -erwecken konnte, als hätten wir es hier mit einem in Agonie liegenden Körper zu thun, zeigte es sich, dass nach dem bekannten Witzworte, der Verband der israelitischen Religionslehrer zum Sterben sich nicht drängen lasse; er lebt, und hoffentlich noch für viele Jahre. Wir Religionslehrer sind mehr als andere Lehrindividuen auf Selbsthilfe angewiesen, und wo sich -alles verbindet und organisirt, warum sollten wir Zurückbleiben und vielleicht unsere Existenz schädigen? Ueber die Berechtigung, 1a ich möchte sagen, Verpflichtung, einen Verband zu bilden, wollen wir also weiter kein Wort verlieren. Eines aber müffen Mur hier gleich bemerken. Es muss das Streben der Verbandsleitnng sein, wirklich alle oder, wo möglich, die meisten der -an österreichischen Mittelschulen wirkenden Religionslehrer zu -vereinigen. Wir haben, auch bei dem letzten Verbandstage. Viele gesehen, die nicht dort waren. Und nun kommen wir gleich zu einem Punkte, welchen wir in diesem Nachworte besprechen wollen. Wir sehen, wie sich bei unseren Verhandlungen an den Verbandstagen viel Theorie breitmacht und sehr, sehr wenig Praxis zu Tage tritt. Unsere Leit aber ist eine solche des .Positivismus, der Wirklichkeit; heute verlangt man Resultate, Thaten und weniger, man verzeihe das harte Wort, Gerede. Nun hat ja der Verband schon schöne Resultate erwirkt, es sind einige Mitglieder mit der „öthigen Qualification in den Status der Mittelschullehrer eingereiht, es ist die Zahl der Unterrichtsstunden normirt worden, «s wurde die aus der „liberalen" (wer lacht da?) Aera stammende Bezeichnung „Nebenlehrer" für den israelitischen Religionslehrer abgeschafft — mit einem Worte, unsere Stellung ist heute eine wirklich würdigere geworden, und dies alles ist nicht -am wenigsten dem Verbai.de zu danken; aber gerade das, was wir erreichten, muss uns anspornen, auf diesem Wege weiterzugehen. Wir dürfen aber nicht an unseren Verbandslagen uns mit Debattiren und Discutiren über rein theoretische Fragen unterhalten und so die kurz zubemeffene Zeit vertrödeln. Za, vertrödeln sagen wir. Da wird z. B. darüber verhandelt, ob die israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien auch zu einem Pädagogischen Seminar zur Heranbildung von Religionslehrern ausgestaltet werden soll. Niemand wird es leugnen, eine wichtige Frage, welche absolut bejaht werden muss. Wenn aber dies gleich Anlass gibt, über den Lehrplan dieses Instituts laugathmige Reden zu halten, und mau sich sogar soweit versteigt, dabei Fragen hereinzuziehen, ob der Rabbiner oder der Religionslehrer die höher stehende Persönlichkeit sei. — nebenbei bemerkt, hieß Rabbi ursprünglich Lehrer und unser großer Mosche hat diesen Ehrennahmen geführt — dann erklären wir, dass wir auf solches Geschwätze nicht eingehen. Wir wünschen vielmehr, dass in Erwägnng gezogen werde, wie man dem Verbände immer mehr Mitglieder zuziehe, wie man diese zur erhöhten Thätigkeit in unser aller Jntereffe ansporne, wie man den Verband zu einem solchen ausgestalte, dass sich in ihm die verschiedenartigsten Richtungen versöhnt die Hand reichen. Und dazu kommt noch etwas anderes. Wie sehr würde durch einen solchen Verband, in welchem der Religionslehrerstand wirklich vertreten wäre, dessen Ehrbewusstsein, dessen Selbstachtung gehoben werden! Ihr streitet darüber, wer höher steht, Rabbiner oder Religionslehrer, und dies in unserer alles nivellirenden Zeit l Lasset Euch in den edlen Wettstreit ein, wer mehr zum Wohle unserer Jugend und unseres Judenthums wirkt, uns ist es gleichgiltig, ob dies auf der Kanzel oder im Unterrichte geschehe. Wir sind da auch gar nicht der Ansicht des ehrwürdigen Wiener Oberrabbiners, welcher über die Kanzel in doch nicht ganz zu billigenden Worten am letzten Berbandstage gesprochen hat. Kanzel und Schule, Gottesdienst und Unterricht gehören nun einmal zusammen, und der Rabbiner, der ein guter Redner und Lehrer ist. wird doppelt wirken, ebenso der Lehrer, dem die Macht der Rede zu Gebote steht. Der Herr Oberrabbiner verzeihe uns, dass wir ihm zu widersprechen wagen, aber wir sprechen aus Erfahrung. Erhöhtes Standesbewusstsein rhut uns noch, dann wird es auch nicht der Erste-Schlechteste wagen > dürfen, uns anzugreifen und zu denuncieren,. wenn wir sein! Jüngelchen manchmal etwas unsanft, wie dieses es oft verdient,! anfassen. Es ist zwar von autoritativ sich gebender Seite viel! von Liebe den Schülern gegenüber geredet worden. Wir bekennen! es, wer diese Liebe nicht besitzt, der soll Schneider und Schuster | und nicht Religionslehrer werfen. Wie aber wird oft dem Religionslehrer seine schwere Arbeit vergolten? Wagt er es, darauf zu dringen, dass die Herren Bu—rschen auch etwas lernen, daun drohen sie ihm mit Abfall von der Religion und schmähen ihn in Zeitungen, welche so bubenhaft sind, ihre Spalten dazu herzugeben, um dasjenige in den Koth zu treten, was dem Lehrer vielleicht allein nur noch geblieben ist, sein Ehrgefühl. Man denke nur an die perfiden Angriffe, welche auch jüdische Zeitungen gegen Personen unseres Standes richteten, man denke an die Schmähungen, mit welchen einige hochverdiente Männer unseres Standes in dem in Bubenkreisen weitvex?- breiteten, rochgehefteten Klatschblättchen Wiens beworfen wurden! Doch genug davon! Darum begrüßen wir es auch mit Freude, dass der Verband nun daran gehen wird, eine Viertelsjahrschrift herauszugeben. Diese soll das geistige Band sein, welches uns enger umschlingt. Hier sollen wisse rschaftliche, religiöse, pädagogisch: und auch Standesfragen ihre Besprechung finden. Vielleicht, dass sich dann auch die uns noch fernstehenden Collegen bewogen fühlen, uns näher zu treten. Im Austausche der Gedanke» sollen sich die gegentheiligen Meinungen klären, hier, aus litterarischem Boden, wollen wir uns Zusammentreffen und wirklich eine große Bereinigung bilden, um unserem hehren Ziele leichter nachftreben zu können. Liebe für die Jugend, gewiss, das ist die Parole, welche uns in unserem schweren Amte begeistert, die Flagge, unter welcher wir segeln. Aber auch wir verlangen Liede — und Vorurtheilslosigkeit. Man bezeichne nicht immer den Religionslehrer als den bösen Mann. Unsere Zeit stellt sich leider allem Religiösen oft feindlich entgegen, wie schwer ist es da, Liebe entgegenzubringen, wenn uns überall der Hass entgegengrinst. Nichtsdestoweniger wollen wir mit frischem Mnthe au die Arbeit gehen, nur wollen wir uns dessen versichern, dass wir nicht vereinsamt dastehen, dass wir Mitstreiter haben, welche mit uns eines Sinnes sind. Darum wollen wir nicht das beschämende Bild der Uneinigkeit bieten, wollen nicht auf die traurige Thatsache hiuweisen, dass selbst Religionslehrer an den Wiener Mittelschulen unserem Verbände ferne stehen, vielmehr beseele uns der gute Wille, ein Vorbild zu sein für das Judenthum, indem unser Verband alle israel. Religionslehrer an den österreichischen Mitt elschulen vereinigt. An der Jahreswende 1900. Itolliweiii nDS Heuriger aus den edelsten Traubenaorten versendet in vorzüglicher Qualität von 15 Liter aufwärts per Liter 30 kr. gegen Nachnahme Mqs8S Feldsberg’s Witws in Schrattenbevg bei Feldsberg, N.-O.